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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wenn Stifte stiften

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Stifte 'Knaben, Lehrlinge' haben wenig Geld und können daher nicht stiften 'spenden', aber "stiften gehen".

Stiften 'heimlich weggehen' kam im 1. Weltkrieg auf, die Wendung "stiften gehen" ist erst später bezeugt. Stift hatte damals die Nebenbedeutung 'Knabe, Lehrling'. Im Krieg brauchte man keine ängstlichen Bübchen, sondern disziplinierte Männer. Stiften lässt sich also verstehen als 'sich wie ein Stift benehmen, einer Belastung ausweichen'. Vergleichbar sind lumpen, kaspern, sich wie die entsprechenden Personen verhalten, sich betrinken, albern sein. Gehen wurde bei stiften hinzugefügt, um klar zu stellen, dass nicht 'spenden' gemeint ist.[1]

Der schmächtige Jüngling hat ja wirklich Ähnlichkeit mit einem Bleistift. Es muss aber bedacht werden, dass Wörter für 'Holzstück' allgemein auch einen Jungen bezeichnen: Knabe (Verkleinerung Knebel), hessisch Stöppel 'Stöpsel', Bengel, Flegel 'derber Stock', unbearbeitet, ungezogen.[2] Die Burschen aus der Rheinebene nannte man verächtlich Rheinflegel[3] oder Riedknüppel[4]. Zu ungetauften Buben, die noch keinen Namen hatten, sagte man Pfannenstielchen, zu Mädchen Bohnenblättchen,[5] verhüllende Zusammensetzungen statt Stiel und Bohne, länglich oder rundlich nach dem jeweiligen Geschlecht. Vergleichspunkt bei all diesen Wörtern war also nicht Statur oder Grad der "Bearbeitung" des Jungen, sondern die Gestalt seines Glieds.

Was aber hat der Bleistift mit dem Elisabethenstift und der Stiftung zu tun? Das lässt sich am besten aus der indogermanischen Grundform erklären: Steh(i)b- war 'zum Stehen bringen: aufstellen, stützen, befestigen' und 'Ständer', dazu germanisch step- 'befestigen' mit den Ableitungen steftus, stiftus 'Befestigung' und steptjan, stiften 'fest machen'.

Da der Stift früher auch die Nebenbedeutung 'etwas Spitzes' hatte (Dorn, Nadel, Nagel), war er wohl ein 'Befestigungsmittel'. Sogar der Bleistift ist heute noch im Idealfall spitz, aber unsre Vorstellung hat sich in Richtung 'dünnes Stäbchen' verschoben.

In stiften lässt sich noch die alte Bedeutung 'Pfosten stabil aufstellen' erkennen, nicht durch Nageln, sondern durch Einsenken in den Boden, Querverbindungen und stützende Streben. Gebraucht wurde dieses Wort aber nicht von Gebäuden, sondern von sozialen Gebilden ("errichten", Einrichtung 'Institution'). Da ging's vor allem um die "Gründung" von Kirchengemeinden, Bistümern und Klöstern und die Errichtung der zugehörigen Gebäude. Finanziert wurden Gebäude, Personal und Betrieb durch Schenkungen, besonders von Grundbesitz, daher die heutige Bedeutung stiften 'schenken'.

Davon abgeleitet ist Stiftung und das Stift, eine durch die Zinsen einer Schenkung ermöglichte gemeinnützige Institution.[6]

 

 

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Echo Online

 

Datum: 26.01.2016

Aktuell: 09.02.2019