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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lichtmess

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Maria Lichtmess. Große Herrn bei Dag ess', klaone, wann se's hawwe" hieß es im Haushalt meiner Eltern.

Wir Kinder legten Wert darauf, das Abendessen ohne künstliche Beleuchtung einzunehmen, manchmal halt im Halbdunkel.

Lichtmess markiert ungefähr die Mitte zwischen Sonnenwende und Tag- und Nachtgleiche. Der Tag ist schon spürbar länger geworden. Das entsprechende Gegenstück im Herbst ist ungefähr der Martinstag (11.11.). Zwischen beiden Terminen wird es abends so früh dunkel, dass auch sparsame Leute künstliches Licht zum Arbeiten und Essen brauchten. Man kann nicht schon um 17 Uhr ins Bett gehen, bloß weil es dunkel ist.
Der 2. Februar ist wie der 11. November deswegen gewählt, weil das besondere Tage im kirchlichen Kalender waren, die man sich leicht merken konnte: Lichtmess ist der Tag der Reinigung Marias. Nach der Thora musste sie sich am 40. Tag nach der Entbindung kultisch reinigen (daher auch "Mariae Reinigung"); zugleich hat sie auch ihren Erstgeborenen Jesus im Tempel "dargestellt", präsentiert
[1] ("Darstellung des Herrn").[2]

Lichtmess hat nichts mit Lichtgeschwindigkeit oder Tageslänge zu tun, sondern Mess ist die Messe 'Gottesdienst', auch 'Kirchenfest' und Licht sagte man früher auch für 'Kerze'. Der englische Name Candlemas ist deutlicher: 'Kerzenmesse'.[3] Grund: In diesem Gottesdienst werden die neuen Kerzen gesegnet ("geweiht"). Die dunkle Zeit und die damit verbundenen Sitten hatten den Kerzenvorrat aufgebraucht. Jetzt, am Ende der Beleuchtungsperiode, wurden neue Kerzen in Gebrauch genommen und "eingeweiht", für die Kirche wie für den Haushalt.

Messe 'Gottesdienst, Jahrmarkt[4], Verkaufsveranstaltung' geht zurück auf althochdeutsch missa 'Gottesdienst, Feiertag' und letztlich auf mittellateinisch missa 'Abendmahl, Gottesdienst' und auf die Entlassformel am Ende der Messe: "Ite, missa est", geht, es ist Entlassung' (heute "Geht hin in Frieden").
Da fangen die Verständnisschwierigkeiten und das Rätselraten an: Der spanische Bischof Isidor von Sevilla (um 600)
[5] schreibt, mit diesen Worten hätte man die Taufbewerber entlassen, die noch nicht zur Kommunion gehen durften.[6] Das war wohl eine Sonderregelung in den Missionsgebieten; im Kerngebiet des schon lange christlichen römischen Reiches stand die Entlassung am Schluss.
Im Latein der Kaiserzeit kamen Formen auf wie confessa, exposita, ulta 'Beichte, Darlegung, Rache', mit ‑a statt -io, also auch missa statt missio 'Sendung' und dimissio 'Entlassung'. "Missa est" stammt aus dem Sprachgebrauch der Behörden: "Die Sitzung ist geschlossen", auch im Sinn von "Schluss für heute, Feierabend". Aus dieser Gewohnheit heraus wurde diese Formel in den Gottesdienst übernommen.
[7]

 

 

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Begriffe: Feiertage

 

Datum: 02.02.2016

Aktuell: 09.02.2019