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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Verflixt und zugenäht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, gab es nicht nur gute Wünsche, sondern auch unsinnige und böse.

Zwölf gute Feen waren nicht in der Lage, den Fluch der bösen Fee aufzuheben, dass Dornröschen sterben sollte. Sie konnten ihn nur mildern.[1] Im Märchen vom Armen und Reichen verplempert der unbesonnene Reiche zwei Wünsche mit gedankenlosen Redensarten und muss mit dem dritten die zweite Wunscherfüllung rückgängig machen. [2]
Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Viele Märchen warnen mit solchen Geschichten vor unbedachten Äußerungen: "Stellt euch mal vor, eure in Erregung gesprochenen Wünsche würden erfüllt! Darum überlegt vorher, was ihr sagt."
Wunscherfüllungsautomaten gibt es ja nicht, bei denen man aus Versehen aufs falsche Knöpfchen drücken kann. Aber unsre guten oder bösen Worte bewirken doch etwas: Sie bauen Beziehungen auf oder zerstören sie und wenn wir böse Gedanken in uns aufkommen lassen, zerfressen sie unsre Herzen.

Haben diese Belehrungen was gebracht? Ja, denn es hat sich die gute Sitte eingebürgert, dass man Flüche nicht offen ausspricht, sondern in entschärfter Form: "Dass dich das Mäuslein beiß" oder entstellt: "Verflixt" statt "verflucht".
Warum aber "verflixt und zugenäht"? Das soll ein junger Mann gesagt haben, als er die Folgen der Liebe erfuhr: "da hab' ich meinen Hosenschlag verflucht und zugenäht".
[3]

Der Reiche im Märchen wünscht seinem störrischen Pferd, "so wollt ich, dass du den Hals zerbrächst!" und bums lag es da und war tot. Er hatte sich nichts dabei gedacht, aber was er gesagt hatte, wurde Wirklichkeit, weil es als Wunsch formuliert war.
"Hals- und Beinbruch"
[4] wünschten im 1. Weltkrieg die Flieger der Luftwaffe einander und meinten: "Lass dich nicht abschießen und komm heil zurück." Schon im 17. Jahrhundert hatte man Angst "Hals und Beine zu brechen", wenn man bei Arbeiten in luftiger Höhe abstürzte.
Das Gegenteil sagen von dem, was wir meinen, ist Ironie
[5], zum Beispiel in "Warum denn einfach, wenn's umständlich geht?", "Es wird schon schiefgehen". "Wir haben's ja!" - Nein, eben nicht.
Aberglaube steckt nicht dahinter. Wenn wir Böses statt Gutem wünschen, damit niemand neidisch wird, bricht sich unser Freund wie im Märchen vielleicht wirklich Hals und Bein. Auch ein Rückgriff auf eine jüdische Redensart ist nicht nötig, da der deutsche Sprachgebrauch alt ist.

Vielleicht war "Hals- und Beinbruch" gar kein Wunsch, sondern eine "waghalsige" Parole wie "Sieg oder Tod".

"Einen guten Rutsch" kommt nicht aus dem Jiddischen[6], sondern ist ein alter Ausdruck für 'gute Reise'.[7]

 

 

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Echo Online | Fragen: Guten Rutsch

Sprachecke 16.02.2016 | 19.07.2016

 

Datum: 16.02.2016

Aktuell: 09.02.2019