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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

Fremde von außerhalb

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Unbekanntes löst erst mal Befremden aus, stößt auf Ablehnung und erweckt Angst - oder fasziniert und macht neugierig.

Der Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze (1816-91)[1] fasst dieses Befremden ironisch in die Worte: "Es will mer net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei! Un wär'sch e Engel un Sunnekalb, e Fremder is immer vun außerhalb! Der beste Mensch is e Ärjerniß, wann er net aach von Frankfort is."[2]

"Sonnenkalb" steht des Versmaßes wegen für Mondkalb 'exotische Kreatur', eigentlich 'Missgeburt'. Heute würden wir stattdessen Alien 'Außerirdischer' sagen. Lateinisch aliênus 'fremd' war nicht "aus dem All", sondern 'von anderer (alius) Herkunft oder Art'.[3]

"Fremde" nannten sich auch die Arier, die gemeinsamen Vorfahren der Iraner und Inder. Das indische Grundwort arí  (mit r statt l) kann 'feindlich' oder 'treu' bedeuten, je nach Sichtweise: die Angehörigen treu, die Fremden feindlich. Die Arier waren indogermanische Auswanderer aus der Ukraine. Sie bezeichneten sich wahrscheinlich selbst als "Menschen in der Fremde". Später nahm Arya- die Bedeutung 'Adel, Oberschicht' an. "Arier" nannten sich nur die Indogermanen im Orient.[4]

Anders war es bei den Galliern: Gall bedeutet im Irischen 'Fremder', im Walisischen 'Feind': Die Inselkelten empfanden die Kelten vom Festland als Fremde. Aber Gallier waren wohl 'die Gerufenen', nämlich die zur galata 'Volksversammlung' einberufenen Bürger, daher auch der abweichende Volksname Galater.[5]

Für die alten Inder, Griechen, Römer und Araber waren die Fremden Barbaren, unzivilisierte "Wilde", die friedliche Kulturnationen überfielen (oder umgekehrt) und mit ihrem unverständlichen "bar-bar"-Gebrabbel nervten. "Die sollen doch erst mal richtig Latein lernen!" Man kann's auch anders sehen: Im Alt-Armenischen war barbarr 'Sprache' allgemein, (heute: 'Dialekt'). [6]

Die alten Slawen (Slověnini) verstanden sich als 'des Wortes mächtig' (slovo 'Wort'),[7] die Fremden im Westen waren für sie němi 'sprachlos, stumm', daher němec 'deutsch'. Deutsch war ursprünglich die 'germanische Volkssprache' im Unterschied zu Romanisch und Latein.[8]

Nicht immer ist die eigenwillige Bezeichnung für 'fremd' diskriminierend. Wir nennen "ausländisch" welsch. Das Wort bedeutet 'romanisch', ursprünglich 'keltisch', nach dem keltischen Stamm der Volcae 'Krieger', althochdeutsch Walha.[9]

"Ein Fremder ist immer von außerhalb", denn fremd, germanisch framadîs bedeutet 'weit weg, von weit her', von fram 'vorwärts'.[10] Etwa dieselbe Bedeutung hat exotisch 'aus fernen Ländern, fremdartig, extravagant', aus griechisch exôtikós 'ausländisch', eine Ableitung von éxô 'außen' und letztlich von ex 'aus'.[11]

 

[2] Kreuzdenker, Stoltze "Es ist keine Stadt auf der weiten Welt, die mir so wie mein Frankfurt gefällt, und es will mir nicht in meinen Kopf hinein: wie kann nur ein Mensch nicht von Frankfurt sein! Und wär's ein Engel und Sonnenkalb, ein Fremder ist immer von außerhalb! Der beste Mensch ist ein Ärgernis, wenn er nicht auch von Frankfurt ist."

 

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Echo Online

 

 

Datum: 23.02.2016

Aktuell: 16.02.2018