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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Auge um Auge

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Frau Justitia hat die Augen verbunden und hält in der einen Hand ein Schwert, in der anderen eine Waage.[1]

Die Augenbinde zeigt, dass sie "die Person nicht ansieht", also unparteiisch ist und den Reichen nicht besser behandelt als den Armen. Das Schwert symbolisiert die Strafgewalt, von der Verwarnung bis zur Enthauptung. Aber was soll die Waage?

Richten ist immer Abwägen, Argument gegen Argument und Tat gegen Paragraph. Gerechtigkeit ist nicht Willkür, sondern wenn jeder Übeltäter die gesetzmäßige Strafe bekommt, die ihm zusteht. Heute bemisst sich die Dauer der Haft oder die Höhe der Geldstrafe nach der "Schwere" der Tat, zwar sorgfältig abgewogen, aber ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Verbrechen.

Irgendwann in grauer Vorzeit hatte jemand die Idee: Wer ein Schaf stiehlt, muss zwei Schafe hergeben. Wer verletzt, wird selbst verletzt, wer tötet, wird hingerichtet. Daher stammt der biblische Grundsatz "Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn."[2] Das war kein Freibrief für Selbstjustiz, sondern ein Strafmaß, das durch das Gericht festgestellt wurde, und galt in der ganzen alten Welt. Das war insofern ein Fortschritt, als die staatliche Vergeltung die Selbsthilfe der Familie ablöste - ein harter Kampf, der bis in die Gegenwart anhält (Blutrache, Recht auf Waffen).

Es ist nicht erstaunlich, dass Strafe erst im Mittelhochdeutschen aufkam und  Rache schon aufs Altgermanische zurückgeht - aber anders als wir denken:

Rache war die Ausweisung von Straftätern und Oppositionellen. Germanisch wrekan war 'verfolgen und vertreiben (rächen)', wrakka, wrekja 'der Geächtete (Recke)', wrêkîs 'Ächtung (Rache)'. Schenkt man den Sagen Glauben, wimmelte es in der Völkerwanderungszeit von geächteten "Recken", die als Söldner in ausländische Dienste traten.
Rache ist uns heute geläufig als 'Selbstjustiz': "Wie du mir, so ich dir" und als Blutrache: In chaotischen Zeiten mussten die Familien auf eigene Faust den Mörder eines Verwandten töten. War der Mörder Familienmitglied, ließ sich seine Tat nicht durch einen weiteren Verwandtenmord sühnen. Der Mörder wurde "gerächt", aus der Familie verstoßen, und musste sehen, wie er als geächteter "Recke" in der Fremde zurechtkam. Das scheint der ursprüngliche Sinn der Verbannung gewesen zu sein.
[3]

Ein germanisches oder althochdeutsches Wort für 'Blutrache' lässt sich nicht nachweisen. Der Bluträcher kommt erstmals bei Luther vor als Übersetzung  eines biblischen Ausdrucks.[4] Blutrache ist daraus rückgebildet und meint 'Sühne für vergossenes Blut'.

Strafen ist nur deutsch, abgeleitet mit s- von treffen im Sinn von 'schlagen', war also von Anfang an eine Disziplinarmaßnahme ("Züchtigung") durch eine Autoritätsperson.[5]

 

[4] Deuteronomium 19,6

 

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Begriffe Vergeltung

 

Datum: 08.03.2016

Aktuell: 09.02.2019