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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lange Bärte

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Nikolaus hat einen, der Ziegenbock, der Schlüssel, mancher Witz und die alten Langobarden: einen Bart.[1]

Lange Haare sind ein Luxus, den sich Waldbewohner nicht leisten können. Sie würden sich damit im Gestrüpp verheddern, oder, noch schlimmer, an den Ästen hängen bleiben wie der biblische Königssohn Absalom.[2] Wir Menschen können uns diesen Luxus leisten. Denn wir haben Kämme, Scheren und Klingen, um den Urwald auf dem Kopf und unter der Nase in Schach zu halten.
Der praktische Nutzen der vielen Haare ist gering. Sie haben eher eine symbolische Bedeutung: Der Bart unterscheidet die Geschlechter und lässt wie die Haarfarbe das Alter erkennen. Weiße Haare oder Glatze waren das Würdezeichen eines "in Ehren ergrauten" Menschen.
[3] Haar- und Barttracht dienten auch als Stammes- und Standeskennzeichen oder als Ausdruck einer Gesinnung. Der Vollbart zum Beispiel zeugte von vaterländischer oder revolutionärer Einstellung - je nach Zeitumständen.[4]

Bart ist verwandt mit Barsch 'ein Fisch mit Stacheln in der Rücken- und Schwanzflosse'[5] und Borste 'dickes Haar'.[6] Die Verwandtschaft geht nicht aufs Germanische, sondern aufs Indogermanische zurück: Grundwort ist bher- 'Spitze'[7], daraus bhardha, bhardhus 'Bart', bhorsós 'gezackt, Barsch' und bh°rstís 'Borste'[8]. Aus bhardha wurde lateinisch bárba und mittellateinisch barbârius 'Bartscherer', das übers Französische unser Barbier ergab. Dieses Urwort für 'Bart' ist in fast ganz Europa verbreitet.

Das Kinnhaar gab den Langobarden ihren Namen. [9] Die sollen zur Zeitenwende westlich der Unterelbe gewohnt haben, zogen im 6. Jahrhundert nach Ungarn und eroberten 568 große Teile Italiens.[10] Ihr Kerngebiet ist die Lombardei in Norditalien.[11] Das o stammt aus dem lateinischen Namen Longobardi.

Eine Legende erklärt, wie der Name entstanden ist: "Eine wandernde Gruppe namens Winniler geriet mit den Wandalen aneinander. Das Orakel verkündete, Wotan werde denen helfen, die er bei Sonnenaufgang zuerst sähe. Da banden die Frauen ihre Haare wie Bärte vors Gesicht und stellten sich mit in die Schlachtreihe." So seien die Winniler zu ihrem neuen Namen Langobarden 'Langbärte' gekommen.[12] Mögliche Erklärung: Die Auswanderer waren junge Leute, die wie die Chatten noch Bärte trugen, bis sie ihren ersten Feind getötet hatten. Die Frauen der Winniler verstärkten die kleine Gruppe im Kampf gegen die Übermacht.[13]

Lampertheim hieß 832 Langbardheim. Lampert ist die spätere Namensform, die dem italienischen Lombardo entspricht.[14] Wo heute Lampertheim ist, stand der Hof eines Mannes, den man Langbart nannte - vielleicht weil er 774 den Feldzug Karls des Großen gegen die Langobarden mitgemacht hatte.[15]

 

[2] 2. Samuel 18

 

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Echo Online

 

Datum: 12.04.2016

Aktuell: 09.02.2019