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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wolf und sieben Geißlein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Wolf knackte den Sicherheitscode der Familie Geiß. Ein Kind öffnete arglos. Der Wolf fraß sie alle, bis auf eins.

Das hatte sich versteckt und berichtete der Mutter von dem Verbrechen. Da der Übeltäter schlief, konnte ihm die Mutter den Bauch aufschneiden und die Kinder befreien.[1]
Dies ist eins der ältesten Märchenstoffe und geht zurück auf einen Mythos, den Hesiod (um 700 v. Chr.)
[2] überliefert hat: Der Urgott Kronos fraß fünf seiner Kinder. Beim Jüngsten, Zeus, gab ihm die Mutter einen in Windeln gewickelten Stein. Klein Zeus wuchs in einer Höhle auf und wurde von einer Ziege gesäugt. Als er groß war, zwang er seinen Vater, die Geschwister wieder von sich zu geben.[3]
Vom Mythos zum Märchen ist nur ein kleiner Gedankensprung: Wer von einer Ziege gesäugt wird, muss wohl ein Geißlein sein.
[4]

Geiß gibt es nur im Germanischen und Lateinischen (haedus 'Bock'), hat aber Parallelen im Semitischen (gadju 'Böckchen').[5] Da die Ziegenzucht im Orient begonnen hat[6], werden die ersten Bauern (Bandkeramiker) [7] dieses Tier in Mitteleuropa bekannt gemacht haben.
Geiß bezeichnet das weibliche Tier, ursprünglich wohl das Junge (Kitz), dessen Name daraus umgestaltet ist. Beide Wörter sind eigentlich eindeutig, auch wenn sie auf ähnliche Tiere übertragen wurden (Rehgeiß, Rehkitz, Rehbock). Nach dem Weistum der Dreieich musste einer, bei dem man ein Reh im Haus fand, außer einer Geldbuße auch eine hellbraune Ziege abliefern.
[8]

Das Wort Bock teilen wir mit den Kelten und Iranern (indogermanisch männlich bhug'os, weiblich bheg'ja, nassauisch Bickes 'Ziege'). Ähnliche Wörter bezeichnen andere Tiere (altnordisch bikja, englisch bitch, altdeutsch Betze 'Hündin'; niederländisch big 'Ferkel', englisch pig 'Schwein').[9] Das Grundwort liegt vor in keltisch beccos, italienisch piccolo 'klein'.[10] Die "Kuh des kleinen Mannes" ist ja kleiner als das Rind.

Geiß ist im heutigen Sprachgebrauch nur in Süddeutschland üblich. Im Nordosten sagt man Zicke, im Nordwesten Ziege, auch im Plattdeutschen, wo z nicht üblich ist: ein Zeichen dafür, dass das Wort aus dem Süden stammt, wo es aus den Mundarten verschwunden ist.

Das niederdeutsche Wort müsste eigentlich Tike lauten, das war im Mittelalter aber die 'Hündin', wie im Altnordischen; in Norwegen bezeichnen Ableitungen davon das 'Schaf', die Verkleinerung tikla das 'Lamm' und 'Kalb'. Das Grundwort tikja hat vorgermanische Lautung (wie Pfote neben Fuß, Kuhle neben hohl)[11] und meint wohl die 'Tiermutter' (zu griechisch tékos 'Kind').[12]

Wie das Tier sind auch dessen Namen "bockig", denn sie widersetzen sich allen Lautgesetzen und trotzen den Gelehrten, zum Ärger aller gradlinig denkenden Menschen.

 

 

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Echo Online

Begriffe: Tiere | Ziege

 

Datum: 19-04.2016

Aktuell: 09.02.2019