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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Menschen unterwegs

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein junger Elektriker nannte sich scherzhaft Stromer. Wenige Jahre später war er gescheitert und saß auf der Straße.

Nun war er wirklich ein "Stromer", ein entwurzelter Mensch, der nirgends Fuß fassen konnte. Ein trauriges Schicksal, das gar nicht so selten ist. "Wie kann man Ihnen helfen", fragte ich einen Nichtsesshaften. "Uns kann niemand helfen. Da ist in uns drin was kaputt", im Herzen, war die Antwort.
Die Bedeutung 'Elektriker' ist neu, ebenso die Bezeichnung für ein Elektroauto. Nichtsesshafte gab's immer; Stromer nannte man sie schon um 1800. Voraus geht Strom in der Bedeutung 'Menschenmassen, die unterwegs sind', 1689 von einem Heer.
[1] Stromer könnten also ursprünglich Marodeure gewesen sein, Soldaten, die von der Truppe abgekommen waren und plündernd durchs Land zogen, Krieger und Kriegsopfer in einem.[2]
Unsre Märchen erzählen Geschichten von Soldaten, die nach dem Krieg mit ein paar Münzen entlassen wurden, nicht ins zivile Leben zurückfanden und ihr Leben fristeten als Landstreicher, auch Bärenhäuter genannt, weil sie aussahen wie wilde Tiere und keine andere Wahl hatten, als "dem Teufel zu dienen".
[3]
Heute "strömen" Menschen zu gut besuchten Veranstaltungen. Das sind aber nur Rinnsale im Vergleich zu den Menschenmassen, die ein Krieg aufwirbelt und die wir aus Filmen von der Balkanroute in Erinnerung haben. Flüchtlinge aufnehmen und integrieren ist nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, sondern auch der Vernunft: Was aus Menschen wird, die in Lager eingepfercht sind und die keiner haben will, haben wir am Gaza-Streifen gesehen, der eine Brutstätte des Terrorismus geworden ist.

Stromer wird heute meist nur noch im abgemilderten Sinn gebraucht von jungen Herumtreibern, die es nicht lange im Haus hält. Erwachsene Nichtsesshafte "strömen" auch nicht mehr in Scharen durch das Land, sondern sind als Landstreicher (weil sie "durchs Land streichen" oder streifen) meist einzeln oder in kleinen Gruppen unterwegs, einige noch mit Abenteuerlust, andere nur, weil sie nicht immer dieselben Leute belästigen können. Viele aber sind zu "Stadtstreichern" geworden, haben ihre Habseligkeiten auf dem Fahrrad und irgendwo ein Plätzchen zum Schlafen. Die ganz unten angekommen sind, haben oft keine Kraft mehr und sitzen teilnahmslos auf dem Boden und "pennen".

Aber nicht deswegen heißen sie Penner (älter Pennbruder). Pennen 'schlafen' und Penner 'Obdachloser' stammen aus der Gaunersprache und gehen zurück auf Penne, älter Benne 'Unterkunft, Herberge'. Grundwort ist hebräisch binjân 'Gebäude'.[4] Das "fahrende Volk"[5] hatte seine eigenen Infrastrukturen, billige Pennen, aber auch hilfreiche Privatadressen.

 

 

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Begriffe Landfahrer

 

Datum: 10.05.2016

Aktuell: 09.02.2019