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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Tränen der Trauer

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Schluchzen und Lachen sind starke Gemütsbewegungen, bei beiden atmen wir stoßweise und oft vergießen wir dabei Tränen und schniefen. Und manchmal können wir selbst nicht sagen, wie's uns dabei zumute ist, wenn wir von unsren Gefühlen überwältigt werden. Wir sind "gerührt", berührt, betroffen von einem Ereignis.

 

indogermanisch *del- 'tröpfeln, regnen, fließen' > *dl-ak-r- 'Träne'

*dlakr- > *dakr- 'Träne'  

germanisch *dákr- > *tahr- 'Träne'

althochdeutsch zahar 'Träne'  

mittelhochdeutsch zaher, Pl. zehere 'Träne, Tropfen, Funke'

neuhochdeutsch Zähre 'Träne'

*dlakr- > drakn- 'Träne'

südgermanisch *trahn- 'Träne'

altniederdeutsch trahni Pl. 'Tränen'

mittelniederdeutsch tran 'Träne, Tropfen, Tran'

niederdeutsch Tran 'Fischschmalz'  

> neuhochdeutsch Tran 'Fischschmalz'

althochdeutsch trahan 'Träne, Tropfen'

mittelhochdeutsch trahen, trân, Pl. trehene, trêne 'Träne, Tropfen'

neuhochdeutsch Träne 'Tropfen aus den Augen'

 

Die Träne hat eine Cousine, die Zähre, heute nur noch ein poetischer Ausdruck. Ihre Mütter sind Schwestern, die germanischen Wörter trahn- und tahr-, und die gemeinsame Oma ist indogermanisch dlakr-. Dl- ist für unsre Zunge ungewohnt, daher ist das l bei tahr ausgefallen. Bei trahn- dagegen wurde dl- durch das geläufige tr- ersetzt. Da entstand ein unschönes und wiederum schlecht auszusprechendes trahr-. Daher wurde das zweite r durch n ersetzt.

Und warum fängt dann die Zähre mit z an, die Träne aber mit t? Das z entstand durch die 2. Lautverschiebung aus t; das altenglische Wort hieß tehor (heute tear), deutsch Zähre. Da "zrahn" ebenfalls schwer zu sprechen wäre, blieb es bei tr-, daher althochdeutsch trahan, heute Träne.

Da könnten einem die Tränen kommen, wenn man sieht, wie nachlässig unsre Vorfahren mit den ererbten Wörtern umgegangen sind! Dafür haben sie die Bedeutung 'Träne' treulich bewahrt. Die Grundbedeutung ist aber 'Tropfen', die noch im Mittelhochdeutschen bei Träne wie bei Zähre geläufig war. Und das führt zu einer Grundsilbe *del- 'tröpfeln, regnen, fließen'. Heinrich Hoffmann hat's doch gewusst im Struwwelpeter: "Und ihre Tränen fließen wie's Bächlein auf den Wiesen."
 

Besonderer Anlass für Tränen ist die Trauer. Wenn jemand durch den Tod aus unserm Herzen gerissen wird, entsteht eine Wunde, die nur langsam und oft auch nur oberflächlich zuheilt. Das ist wie bei einem Baum, der einen Ast verloren hat. Im Laufe der Zeit wächst Rinde über die Bruchstelle. Aber bei Brettern kann man immer noch an der Maserung sehen, dass da mal ein Ast war, vor langer, langer Zeit. So hinterlässt ein lieber Mensch tief drinnen in uns seine Spuren, ein ganzes Leben lang.

 

indogermanisch *deru- 'Baum, Eiche, Hartholz'

*derousós 'hart'

keltisch drūsos 'leidend, hart, grausam, eigensinnig'

lateinisch drūrus 'hart, fest, ausdauernd, grausam, beschwerlich'

germanisch

*drūżaż > *drūr- 'hart, grausam (Schicksal)'

*drūrēn 'als hart empfinden, leiden'

deutsch trauern 'bekümmert sein'

 

Herkömmlich leitet man trauern von germanisch *dreusan 'fallen, tropfen' ab, und man nimmt an, dass trauern bedeutet 'am Boden liegen, niedergeschlagen, deprimiert sein'.

Merkwürdig ist, dass das englische dréorig nicht nur 'bluttriefend, blutig' bedeutet (zu dréor 'Blut'), sondern auch 'traurig'.  

Da hat sich noch ein anderes Wort eingemischt, keltisch drūsos 'leidend, hart, grausam, eigensinnig' und lateinisch drūrus 'hart, fest, ausdauernd, grausam, beschwerlich' und unser  trauern ergab, also 'als hart, grausam empfinden und drunter leiden'.

Dazu gehört wohl auch durus, das zwei Bedeutungen hat: 'hart, widerstandsfähig sein, lange anhalten' und 'als hart empfinden, leid tun'.

Dass auch treu 'zuverlässig, loyal', vertrauen 'für zuverlässig halten', traut 'lieb' und teuer 'lieb und wert' (wohl aus treuer) zur Familie gehören, bestätigt die alte Weisheit: "Trauer ist der Preis der Liebe."

   

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Datum: 2019

Aktuell: 05.11.2019