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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Urchristentum

Überblick über Apostelgeschichte 1-12

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Bibelkundliches

Historisches

Geographisches

Theologie des Lukas

 

Bibelkundliches

Struktur des Textes
 

 

Die Entstehung der Urgemeinde in Jerusalem: Kap 1+2

 

1

1-11

Anknüpfung ans Evangelium: Himmelfahrt

 

 

12-14

die ersten Christen und ihre Zusammenkünfte

 

 

15-26

Nachwahl des Matthias ins Zwölferkollegium

 

2

1-13

die Geistverleihung

 

 

14-36

Predigt des Petrus

 

 

37-41

Bekehrung der 3000

 

 

42-47

Leben der ersten Christen

 

Die 1. Verfolgung: Kap. 3,1-4,31

 

3

1-11

Anlass: Heilung des Gelähmten und

 

 

12-26

Predigt des Petrus

 

4

1-3

Reaktion des Hohen Rats: Petrus und Johannes gefangen

 

 

4

                 der Hörer: viele Bekehrungen

 

 

5-22

Gerichtsverhandlung: Verbot weiterer Predigt

 

 

23-31

Dankgottesdienst der Gemeinde

 

Das Leben in der Urgemeinde: Kap 4,32-5,16

 

4

32-37

Gütergemeinschaft, Beispiel Josef Barnabas

 

5

1-11

                                                  Hananias und Saphira

 

 

12-16

Wundertaten der Apostel und Wachstum der Gemeinde

 

Fortsetzung und Ende der 1. Verfolgung: Kap. 5,17-42

 

5

17-24

Verhaftung der Apostel und wunderbare Befreiung

 

 

25-26

Erneute Verhaftung

 

 

27-33

Verhör und Antwort des Petrus

 

 

34-39

Gamaliels Rat: Lasst sie gewähren.

 

 

40-42

Freilassung und weitere Wirksamkeit der Apostel

 

Das Problem der Hellenisten und die 2. Verfolgung: Kap. 6,1-8,3

 

6

1

Benachteiligung der hellenistischen Witwen

 

 

2-7

Einsetzung der Sieben

 

 

8-10

Wirksamkeit des Stephanus

 

 

11-15

Anklage gegen Stephanus

 

7

1-53

Rede des Stephanus vor dem Hohen Rat

 

 

54

Reaktion des Hohen Rats

 

 

55-56

Vision des Stephanus

 

 

57-8,1a

Steinigung des Stephanus

 

8

1b-3

Vertreibung der Hellenisten (?), Wirksamkeit des Saulus

 

Wirksamkeit des Philippus: Kap 8,4-40

 

8

4-8

Philippus, aus Jerusalem vertrieben, predigt in Samaria

 

 

10-13

Bekehrung des Simon Magus

 

 

14-17

Konfirmation der Neugetauften durch Petrus und Johannes

 

 

15-24

Simon will die Vollmacht zur Konfirmation kaufen

 

 

25

Weitere Wirksamkeit von Petrus und Johannes

 

 

26-39

Bekehrung des Kämmerers aus Äthiopien

 

 

40

Philippus geht nach Caesarea

 

Bekehrung und erste Wirksamkeit des Saulus: Kap. 9,1-30

 

9

1-2

Saulus will in Damaskus Christen verfolgen

 

 

3-9

Vision und Erblindung des Saulus

 

 

10-16

Vision des Hananias

 

 

17-19

Hananias heilt und tauft Saulus

 

 

20-22

Saulus predigt in Damaskus

 

 

23-25

Saulus muss aus Damaskus fliehen

 

 

26-29

Saulus in Jerusalem

 

 

30

Reise nach Tarsus

 

Missionstätigkeit des Petrus: Kap 9,31-11,18

 

9

31

Zustand der Urkirche

 

 

32-35

Petrus in Lydda, Heilung des Äneas

 

 

36-42

Auferweckung der Tabita in Joppe

 

 

43

Petrus in Joppe

 

10

1-8

Vision des Hauptmanns Kornelius in Caesarea

 

 

9-16

Vision des Petrus

 

 

17-23

Ankunft der Boten des Kornelius bei Petrus

 

 

24-27

Petrus kommt zu Kornelius

 

 

28-33

Begrüßung

 

 

34-43

Predigt des Petrus

 

 

44-48

Geistverleihung und Taufe des Kornelius

 

11

1-3

Petrus muss sich in Jerusalem verantworten

 

 

4-17

Petrus rechtfertigt sich

 

 

18

Petrus findet Zustimmung

 


Entstehung der heidenchristlichen Gemeinde in Antiochia: Kap. 11,19-30
 

 

11

19-21

Vertriebene Hellenisten predigen in Antiochia auch zu Heiden

 

 

22-24

Visitationsreise des Barnabas aus Jerusalem

 

 

25-26

Barnabas holt Saulus nach Antiochia

 

 

27-28

Agabus weissagt eine Hungersnot

 

 

29-30

Barnabas und Saulus bringen Kollekte nach Jerusalem

 

Christenverfolgung und Tod des Königs Agrippa: Kap. 12,1-23

 

12

1-2

Enthauptung des Zebedaiden Jakobus

 

 

3-5

Gefangennahme des Petrus

 

 

6-11

wunderbare Befreiung aus dem Gefängnis

 

 

12-17

Rückkehr in die Gemeinde und Flucht

 

 

18-19

Agrippa bemerkt die Flucht und geht nach Caesarea

 

 

20-23

Tod des Agrippa

 

Die Apostelgeschichte ist deutlich in zwei Teile gegliedert: Kap. 1‑12 berichtet von der Urgemeinde in Palästina und dem Schicksal verschiedener bedeutender Christen; Kap. 13‑28 ausschließlich über Paulus, dessen Werdegang bis zum Beginn der 1. Missionsreise schon im 1. Teil dargestellt wurde.

Wichtige Personen

Der Anspruch "Taten der Apostel" (so der genaue Titel des Buches) ist also nur berechtigt, wenn wir unter den "Aposteln" nur Petrus und Paulus verstehen. Johannes, der im 1. Teil wiederholt genannt wird, spielt nur eine stumme Rolle im Schatten des Petrus; von seinem Bruder Jakobus wird nur der Tod erwähnt. Dafür widmet sich Lukas ausführlicher zwei Gestalten des Siebenerkreises: Stephanus und Philippus. Der Herrenbruder Jakobus wird nur nebenbei erwähnt. Genaueres erfahren wir noch über den Ersatzapostel Matthias (allerdings nur seine Wahl), den Leviten und späteren Paulusbegleiter Barnabas, Hananias und Saphira von Jerusalem und Hananias von Damaskus, die zwielichtige Gestalt des Simon Magus, den namenlosen Kämmerer, den Hauptmann Kornelius, die "Diakonisse" Tabita, den Propheten Agabus und Johannes Markus, den späteren Begleiter von Paulus und Barnabas.

 

Personenregister:

  • Agabus: Apg 11,28; 21,10.11

  • Agrippa I.: Apg. 12,1‑6.19

  • Barnabas: Apg. 4,36; 9,27; 11,22.30; 12,25‑13,3.7.43.46.50; 14,12.20‑28; 15,1‑29; 1. Kor. 9,6; Gal. 2,1.9.13; Kol. 4,10

  • Hananias von Damaskus: Apg. 9,10‑18; 22,12‑16

  • Hananias und Saphira: Apg. 5,1‑11

  • Jakobus, Zebedäussohn Mt. 4,21; 10,2; 17,1; Mk 10,35‑45; 13,3; 14,33; Lk 9,54; Apg. 1,13; 12,2

  • Jakobus, Herrenbruder: Mt 13,55; Apg. (1,14); 12,17; 15,31‑21; 21,17‑26; 1. Kor. 15,7; Gal. 1,19; 2,9; Jak. 1,1; Jud. 1,1

  • Johannes, Zebedäussohn: Mt. 4,21; 10,2; 17,1; 26,37; Mk 5,37; 9,8; 10,35‑45; 13,3; 14,33; Lk 22,7; (Jh. 13,23‑25; 19,25‑27; 20,2‑10; 21,1‑25); Apg. 1,13; 3,3; 4,1‑31; 8,14‑25; 12,2; Gal. 2,9)

  • Johannes Markus: Apg. 12,12; 13,5‑13; 15,37‑39; Kol. 4,10; 2. Tim. 4,11; Phlm. 24; 1. Petr. 5,13

  • Paulus: Apg. 7,58; 8,1‑3; 9‑28; Röm. ‑ Phlm; 2. Ptr. 3,15.16

  • Petrus: Mt. 4,18‑20; 8,14‑15; 10,2; 14,28‑31; 16,15‑19.22‑23; 17,1‑9.24‑27; 18,21‑22; 19,27‑30; 26,33‑46;69‑75; Mk. 1,16‑18; 29‑31; 3,16; 5,37; 8,29.31‑33; 9,2‑10; 10,28‑31; 11,21; 14,27‑31. 66‑72; 16.7; Lk. 5,1‑11; 2,14; 8,51; 9,20.28‑36; 22,8‑13.31‑34. 54‑62; 24,12.34; Jh 1,40‑42; 6,66‑69; 13,6‑10.36‑38; 18,10.15‑18. 25‑27; 20,2‑10; 21,1‑25; Apg. 1,13.15‑22; 2,14‑41; 3,1‑4,22; 5,1‑11.29‑32; 8,14‑17; 9,32‑11,18; 12,1‑19; 15,7‑11; 1. Kor. 15,5; Gal. 1,18; 2,7‑14; 1. Petr. 1,1; (5,13); 2. Ptr. 1,1. 16‑18;

  • Philippus, Evangelist: Apg. 6,5; 8,5‑40; 21,8

  • Simon Magus: Apg. 8,9‑24

  • Stephanus: Apg. 6,8‑8,2; 22,20

 

Historisches

Für die Zeit der Urkirche stehen uns nur zwei sichere Daten zur Verfügung:

  • König Agrippa I. starb im Jahr 44 (Apg. 12,20‑23)

  • Der Statthalter Gallio residierte vom Frühjahr 51 bis Frühjahr 52 in Korinth (Apg. 18,12‑18).

Ferner ergibt sich aus Lk. 3,1, dass Jesus zwischen dem 15. Regierungsjahr des Tiberius und dem Ende der Statthalterschaft des Pilatus, also zwischen 29 und 36 (nach der Tradition 33) gekreuzigt wurde

Und schließlich soll Paulus unter Nero im Jahr 64 hingerichtet worden sein.

Damit ergibt sich als zeitlicher Rahmen für die Apostelgeschichte:

  • Himmelfahrt ca. 33

  • Enthauptung des Jakobus 44

  • Paulus in Korinth 51/52

  • Paulus nach Rom: spätestens 62

Paulus gibt in Gal. 1,18; 2,1 an, dass zwischen seiner Bekehrung und seinem 1. Besuch in Jerusalem 3 Jahre und von da bis zum "Apostelkonzil" 14 Jahre lägen, also insgesamt 16/17 Jahre. Diese Zusammenkunft fand nach Apg. 15 nach der 1. Missionsreise, also vor seinem Aufenthalt in Korinth (51/52) statt. Da sich Paulus frühestens 33 (Jahr der Himmelfahrt) bekehrt haben kann, bleibt für das Apostelkonzil die Zeit zwischen den Jahren 33+16/17 = 49/50 und 51/52 (Gallio). Da für die 2. Reise bis Korinth auch einige Zeit zu veranschlagen ist, wird das Apostelkonzil also um 50 stattgefunden haben.

Nach Gal. 1 und Apg. 15 gaben damals in Jerusalem Petrus, Johannes und der Herrenbruder Jakobus den Ton an. Nun wird aber in der Apg. schon vor Kap. 15 berichtet, Petrus habe im Zusammenhang mit der Agrippaverfolgung aus Jerusalem fliehen müssen (12,17) und habe sich auch schon vorher längere Zeit predigend und missionierend in der Scharonebene aufgehalten. Wenn man dem Lukas nicht schwerwiegende historische Irrtümer unterschieben will (als sei Petrus erst nach dem Konzil, also nicht von Agrippa I., verhaftet worden), so muss man annehmen, dass Petrus 1. kein "Bischof" oder ähnliches der Gemeinde von Jerusalem, sondern ein von Jerusalem ausgesandter Missionar und Visitator war (wie Paulus im Auftrag der Gemeinde von Antiochia reiste), und dass er 2. von Agrippa nicht endgültig aus Jerusalem vertrieben worden war, sondern immer wieder dorthin zurückkehren konnte.

Paulus allerdings erweckt in Gal. 1 den Eindruck, als hätten Petrus, Johannes und Jakobus zur Zeit des Konzils als "Säulen" der Gemeinde eine Art Triumvirat gebildet, das in Jerusalem seinen Sitz hatte. Aber warum sollte der reisende Missionar, der in Jerusalem ja nicht an Ansehen eingebüßt hatte, zur Zeit des Konzils nicht dieser Stadt gewesen sein?

Diese Überlegungen machen jedenfalls deutlich, dass wir die Anordnung der einzelnen Geschichten in Apg. 1‑12 nicht als strenge historische Reihenfolge werten dürfen, so als habe sich z.B. Kornelius nach dem Kämmerer, aber vor der Reise des Barnabas nach Antiochia (11,22) bekehrt. Lukas musste die ihm bekannt gewordenen Geschichten halt in eine Reihenfolge bringen, die nicht unbedingt chronologisch richtig sein muss.

Setzen wir das Apostelkonzil um 50 an, so hätte sich Paulus in der Zeit um 33/34 bekehrt; die Stephanus‑Verfolgung müsste also schon im Todesjahr Jesu, 33, anzusetzen sein.

Somit ergibt sich als erweitertes chronologisches Gerüst (alle Zeitangaben nur ungefähr!):

 

 

Auferstehung, Gründung der 1. Gemeinde

33

 

Die "hebräischen" Zwölf als Gemeindeleitung in Jerusalem

 

 

Redeverbot vom Hohen Rat und Duldungserlass des Gamaliel

 

 

Einsetzung der "hellenistischen" Sieben

 

 

Steinigung des Stephanus, Vertreibung der Hellenisten, Verfolgung durch Saulus

33

 

Samaritermission durch Philippus

 

 

Gründung der Gemeinden in Damaskus und Antiochia

 

 

Bekehrung des Saulus

34

 

Missions‑ und Visitationsreisen des Petrus

 

 

Paulus in Jerusalem bei Petrus und dem Herrenbruder

37

 

Enthauptung des Jakobus

44

 

Barnabas holt Paulus nach Antiochia

 

 

1. Missionsreise

 

 

Apostelkonzil

50

 

2. Missionsreise

 

 

3. Missionsreise

 

 

Reise nach Jerusalem, Verhaftung, Prozess, Transport nach Rom

 

 

2 Jahre in Rom ‑ Ende der Apostelgeschichte

 

 

Reise nach Spanien und Rückkehr nach Rom?

 

 

Martyrium zusammen mit Petrus in Rom

64

 

Da die Apostelgeschichte nichts vom Martyrium berichtet und Lukas die römischen Behörden sehr positiv schildert (hofft er auf eine Anerkennung des Christentums?), ist anzunehmen, dass die Apostelgeschichte mindestens in ihrer Urfassung vor der Neronischen Verfolgung im Jahr 64 geschrieben wurde.

Geographisches

Lukas legt in seinem Himmelfahrtsbericht Apg. 1,8 seine Missionsstrategie dem Auferstandenen in den Mund: "Ihr werdet meine Zeugen sein:

  1. in Jerusalem

  2. in ganz Judäa und Samarien

  3. und bis an die Enden der Erde."

Galiläa

Was in dieser Aufstellung fehlt, ist Galiläa. Dort hatte Jesus selbst gewirkt. Nach Lk 9,1‑6 hatte er die Zwölf bereits in Galiläa auf Missionsreisen geschickt, später auf dem Weg nach Jerusalem auch die (Zweiund-)Siebzig (Lk 10,1‑12). Ferner war Jesus im Gebiet der 10 Städte (Lk 8,26‑39), wo später der ehemals besessene Gerasener missionierte. Von der Reise nach Phönikien (Mark 7,24‑30) berichtet Lukas nichts. Er verschweigt auch die Erfolge, die Jesus in Samaria hatte (Johannes 4; vgl. aber Lk 17,11‑19: der dankbare Samariter; Sondergut) und berichtet stattdessen von einem Misserfolg (Lk 9,51‑56).

Jerusalem

Jerusalem ist für Lukas das Zentrum des Urchristentums. Schon in der Versuchungsgeschichte Lk 4,1‑13 stellt er die bei Mt 4 erhaltene originale Reihenfolge der Versuchungen um, so dass Jesus zuletzt vom Teufel nach Jerusalem auf die Zinne des Tempels geführt wird. Stärker als die anderen Evangelisten betont Lukas, dass Jesu Weg ein Weg nach Jerusalem war: Alles zwischen Lk 9,51 und 19,27 Erzählte spielt auf diesem Weg, dagegen bei Markus nur Kap. 10.

Auch in den Ostergeschichten steht Jerusalem im Mittelpunkt. Markus deutet in 14,28; 16,7 noch eine Erscheinung in Galiläa an, die er aber nicht berichtet. Matthäus übernimmt in 26,32; 28,7 beide Verse und berichtet in 28,16‑20 von einer Erscheinung auf einem Berg in Galiläa. Lukas erwähnt davon nichts und verlegt die Himmelfahrt in Lk 28,50 nach Bethanien auf den Ölberg. Im ursprünglichen Johannesevangelium (1‑20), das viele Gemeinsamkeiten mit Lukas hat, fehlen ebenfalls alle Hinweise auf ein Ostererlebnis in Galiläa; davon berichtet allerdings der Nachtrag Kap. 21.

Wir haben da also eine merkwürdige Entwicklung: Schon Markus, der noch etwas von einer Erscheinung in Galiläa weiß, hat diese Geschichte nicht mehr überliefert. Lukas hat die Erinnerung ganz getilgt und redet nur noch von Jerusalem.

Nach der Darstellung der Apostelgeschichte fingen die Jünger auch nicht gleich nach Ostern mit der Mission an, sondern sie warteten erst das Pfingstfest ab, bei dem sie den heiligen Geist empfingen, der sie erst zu Mission fähig machte.

Tatsächlich kombiniert Lukas mit diesen Angaben verschiedene Überlieferungen:

  • Verschiedene Ostertraditionen: Erscheinungen in der Gemeindeversammlung und auf einem Berg; die Entdeckung des leeren Grabs.

  • Verschiedene Osterdeutungen, die auch in den anderen Evangelien vorkommen:

  • Jesus wurde von Gott von den Toten auferweckt (= übliche Deutung), d.h. er kam aus dem Grab heraus (> das Grab ist leer).

  • Gott hat Jesus zu sich in den Himmel geholt ("Erhöhung", vgl. Phil. 2,9). Lukas kombiniert diese Deutung mit der Auferweckung: die Erhöhung wird zur Himmelfahrt (noch nicht bei Matthäus, der nur von einer Erscheinung mit Sendung berichtet).

  • Der Erhöhte kommt zu den Jüngern im Geist (Joh. 20,22 noch am Osterabend).

  • Lukas verbindet die drei Motive miteinander und findet so auch eine Antwort, warum die Erscheinungen nicht bis in die heutige Zeit weitergehen: Sie waren auf die 40 Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt begrenzt. Paulus selbst versteht seine Vision lange nach den anderen als eine "unzeitige Geburt", eine Ausnahme (1. Kor. 15,8).

  • Lukas schafft damit einen christlichen Festkalender, der dem Osterfest das Himmelfahrtsfest hinzufügt und dem jüdischen Pfingstfest einen neuen Sinn gibt.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass die Apostel nicht die Gelegenheit benutzt hätten, erstmals am Pfingstfest 33 ihre neuen Erkenntnisse den Festpilgern vorzutragen. Sie werden selbst einige Zeit gebraucht haben, um ihre Erlebnisse zu verstehen. Vielleicht sind sie nach ihrer Flucht anlässlich des Pfingstfestes wieder nach Jerusalem zurückgekehrt und angesichts des überraschenden Erfolgs (Apg 2: 3000 Neubekehrte; vgl. 1. Kor 15,5: Erscheinung vor mehr als 500 Brüdern auf einmal) in Jerusalem bei der neu entstandenen Gemeinde geblieben.

Auch die für die Urgemeinde so wichtige Geisteserfahrung muss ja irgendwann einmal ihren Anfang genommen haben.

Die christliche Mission hat sich zunächst auf Jerusalem konzentriert. Nach der Predigt des Petrus anlässlich der Heilung des Gelähmten wächst die Gemeinde auf 5000 Männer (Apg. 4,4); auch danach ist von einem ständigen Wachstum der Gemeinde die Rede. Sogar viele Priester hätten sich bekehrt (6,7).

Judäa und Samarien

Anlass für die Ausbreitung über Jerusalem hinaus nach Judäa und Samarien war keine Missionsstrategie, sondern die Stephanus‑Verfolgung, bei der nach Lukas alle außer den Aposteln aus Jerusalem vertrieben wurden (8,1). Man nimmt heute vielfach an, dass nur die griechisch sprechenden Christen vertrieben wurden. Sie fingen sofort an ihren neuen Wohnsitzen an zu missionieren.

Weltmission

 

Karten: Die Mission der Hellenisten | Die Mission der Zwölferapostel

Apg. 11,19.20 deutet sogleich eine Ausweitung der Mission an: bis nach Phönikien, Zypern und Antiochia in Syrien, u. zw. wegen der Verfolgung des Stephanus, gleich in den ersten Jahren der Christenheit. Ehemalige Diasporajuden aus Zypern und Kyrene (Nordafrika) hätten in Antiochia auch Nichtjuden bekehrt.

Damit ist der nächste Schritt über die Grenze von Palästina zu den "Enden der Erde" getan. Von Antiochia nahmen die Missionsreisen des Paulus ihren Ausgang, der bis nach Rom und vielleicht sogar bis nach Spanien gelangte, also bis ans Ende der damals bekannten Welt. In Italien, das beweist schon der Römerbrief, gab es schon vor Paulus Christen, vgl. Apg. 28,14.15. Paulus ist also nur ein Beispiel für regelrechte Missionsoffensiven; dazu kommt natürlich noch die Mundpropaganda, die besonders in dieser mobilen Zeit wirksam war: Vgl. Apg. 18,2: Aquila aus Pontos (am Schwarzen Meer) wurde aus Rom vertrieben und zog nach Korinth, von dort nach Ephesus (18,19). Zur Zeit des Römerbrief sind sie wieder in Rom (16,3).

Theologie des Lukas

Wir haben an dem bisher Gesagten schon gesehen: Lukas ist nicht nur Geschichtsschreiber, sondern in erster Linie Theologe. Er reiht in den Apg. nicht nur Überlieferungen aneinander, sondern er bearbeitet sie so, dass klare theologische Aussagen deutlich werden:

Mission im Auftrag des Herrn

Die Missionsgeschichte der frühen Christenheit unterliegt nicht dem Zufall, sondern entspricht dem Auftrag des erhöhten Herrn. Man hat auch nicht wahllos zu missionieren angefangen, sondern die ersten Christen haben die Geistverleihung an Pfingsten abgewartet und dann Schritt für Schritt nach dem Willen des Herrn ihren Glauben von Jerusalem aus verbreitet.

Zentrale Jerusalem

Jerusalem ist nicht nur der Ausgangspunkt, sondern auch die Zentrale; von Jerusalem aus wurde die "Filiale" in Antiochia gegründet, die in engem Kontakt mit der Zentrale stand, wie auch aus den Paulusbriefen hervorgeht. Paulus, der von der Filiale ausgesandt wurde und bis an die "Enden" der Erde" kam, stand mit der Zentrale in enger Verbindung. Jerusalem garantiert die Einheit der Christenheit.

Dass diese Einheit von Anfang an gefährdet war (Hebräer und Hellenisten, später Juden‑ und Heidenchristen), weiß Lukas wohl, aber er berichtet, wie die Einheit doch durch Verhandlungen in der Zentrale (Apg. 6; 11; 15) immer wieder hergestellt werden konnte. Kirchliche Einheit ist vorgegeben und muss doch immer wieder neu errungen werden.

Probleme lassen sich lösen

Die Urgemeinde ist in vielen Punkten vorbildlich, so auch in Sachen Diakonie: Die ersten Christen teilten alles, was sie hatten (Apg. 2,44.45; 4,32‑37). Freilich wird diese Gemeinschaft sogleich wieder durch Egoismus (5,1‑11) und organisatorische Schwächen (6,1) gefährdet. Es gelingt aber, die Probleme zu lösen, und auf dem Weg der Kollekte (11,29.30; 18,22?, 1. Kor. 16; 2. Kor. 8; 9; Gal. 2,10) weitet sich die Gütergemeinschaft sogar auf die weltweite Christenheit aus.

Begründung des Heidenchristentums

Eine besondere Bedeutung hat für Lukas und seine heidenchristlichen Leser die Begründung eines Heidenchristentums, das nicht an das jüdische Gesetz gebunden ist. Jesus hat sich nach Lukas nur an die Juden gewendet; der Hauptmann von Kapernaum (Lk 7,1‑10) ist der einzige Nichtjude, mit dem sich Jesus abgibt; er ist aber insofern ein Ausnahmefall, weil er als Sympathisant der jüdischen Religion geschildert wird, der die Synagoge erbaut hatte. Sein Kollege, der Hauptmann unter dem Kreuz, bekennt nicht wie bei Markus und Matthäus, Jesus sei Gottes Sohn, sondern nur "ein frommer (oder gerechter) Mensch" gewesen (Luk. 23,47). Die Geschichte von der heidnischen Syrophönikierin, die Jesus durch ihre Schlagfertigkeit verblüfft und so bewegt, gegen seine ursprüngliche Absicht zu helfen, fehlt bezeichnenderweise bei Lukas (Mark. 7,24‑30; Matth. 15,21‑28).

Auch die ersten Christen predigten zuerst nur zu Juden, unter denen sich nach Apg. 2,11 auch "Judengenossen" (Proselyten, zum Judentum übergetretene Heiden) befanden.

Dass die Christen sich dann auch an Nichtjuden wandten, begründet Lukas im 1. Teil der Apg. als göttliche Fügung: Ein Engel führt die Begegnung zwischen Philippus und dem Kämmerer aus Äthiopien herbei (Apg. 8,26‑40).

Angebahnt wird die Heidenmission durch zwei Visionen mit ausführlicher Begründung im Falle des Hauptmanns Kornelius (Apg. 10), seine Taufe wird nachträglich in Jerusalem gebilligt

Erst im Anschluss daran berichtet Lukas von der Gründung der ersten heidenchristlichen Gemeinde in Antiochia (11,19‑30), deren Existenz durch den Visitationsbesuch des Barnabas wiederum kirchenamtlich bestätigt wird.

Schließlich lässt Paulus auf dem Apostelkonzil seine Predigt des gesetzesfreien Heidentums absegnen (Apg. 15; Gal. 2). Nicht nur göttliche Fügung hat also das Heidenchristentum ermöglicht; es fanden auch immer wieder Absprachen mit der Zentrale statt, so dass anders lautende Meinungen nicht die offizielle kirchliche Richtlinien vertreten.

Im 2. Teil der Apg. betont Lukas immer wieder, dass Paulus auf seinen Missionsreisen immer zuerst in die Synagoge ging, dort abgewiesen wurde, und erst dann habe er sich an die Heiden gewandt.

Die Ablehnung des Evangeliums durch die offiziellen Vertreter des Judentums war für die ersten Christen eine bittere Enttäuschung; man hatte gehofft, Israel würde zur Vernunft kommen und Jesus als den Messias anerkennen.

Hoffnung auf Anerkennung durch Rom

Für eine Bekehrung des Judentums hat Lukas also wenig Hoffnungen; dafür rechnet er aber offenbar mit einer Anerkennung durch die römischen Behörden. Diese werden als wohlwollend neutral dargestellt; sie müssen zwar für die öffentliche Ordnung sorgen, wollen aber dem Christentum nichts Böses.

Pilatus spricht Jesus von dem Vorwurf der Staatsfeindlichkeit frei (Luk. 23), auch wenn er ihn gegen besseres Wissen schließlich kreuzigen lässt.

Über die positive Einstellung römischer Offiziere haben wir oben schon gehört (Hauptmann von Kapernaum, der unter dem Kreuz, Kornelius). Der 2. Teil der Apg. fügt mit dem römischen Obersten Lysias (Kap. 22; 23; 24,22) und dem Hauptmann Julius (27; 28) weitere Beispiele hinzu.

Auch die römischen Behörden bekommen gute Noten: Der Statthalter Sergius Paulus auf Zypern wird als verständiger Mann dargestellt, der sich schließlich selbst bekehrt (13,4‑12). ‑ Die Stadtrichter von Philippi, die Paulus und Silas ohne Rechtsgrundlage verprügelt und inhaftiert hatten, entschuldigen sich (18,35‑39). ‑ Die Obersten von Thessalonich lassen sich nicht vom Pöbel zu unüberlegten Handlungen verleiten und lassen die Christen gegen eine Kaution frei (17,6‑9). ‑ Der Statthalter Gallio in Korinth kümmert sich überhaupt nicht um die jüdische Hetzkampagne, lehnt mit Hinweis auf die Religionsfreiheit seine Einmischung ab und kümmert sich nicht darum, dass der Synagogenvorsteher verprügelt wird (18,12‑17). ‑ Beim Aufruhr des Demetrius in Ephesus wird betont, dass die einheimischen Oberen der Stadt Paulus freundlich gesonnen waren (19,31); die Römer halten sich zurück; es bestand aber die Gefahr, dass sie wegen des Tumults eingreifen hätten können, aber nicht, weil sie gegen die Christen waren, sondern zur Aufrechterhaltung der Ordnung.

Als dann schließlich Paulus in Jerusalem von den Juden beinahe gelyncht wird, nehmen ihn die Römer in Schutzhaft und bringen ihn nach Caesarea in Sicherheit. Der Statthalter Felix verschleppt zwar den Prozess, aber er unternimmt auch nichts gegen Paulus. Sein Nachfolger Festus schließlich besteht auf einem fairen Prozess (25,16), erklärt Paulus unter Zeugen für nach römischem Recht unschuldig (26,31) und kann ihn nur deswegen nicht freilassen, weil Paulus an den Kaiser appelliert hatte. Bei der Überführung nach Rom und in Rom erfährt der Apostel eine ehrenvolle Behandlung. Von dem Prozess selbst erfahren wir nichts.

Lukas stellt also anscheinend eine Entwicklung dar, wonach die römischen Behörden immer stärker zu einer christenfreundlichen Einstellung neigen. Trotzdem hat sich die Hoffnung des Evangelisten auf endgültige Anerkennung der Christen nicht erfüllt. Wenige Jahre nach der Ankunft des Paulus wendet sich das Blatt mit der Neronischen Verfolgung, von der Lukas offenbar nichts weiß.

 

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Datum: 1987 / 2007

Aktuell: 09.02.2019