Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Urchristentum

Christenverfolgungen

Email:

Verfolgung der Apostel durch den Hohen Rat

Steinigung des Stephanus und die Vertreibung der Hellenisten

Enthauptung des Jakobus und Verhaftung des Petrus

 

Die Feinde der Christen sind für Lukas nicht die Römer oder die kommunalen Behörden, sondern die Juden, besser gesagt, die jüdischen Behörden mit dem Hohen Rat an der Spitze. Bezeichnenderweise findet Paulus bei seinem 1. Auftritt in den Synagogen oft offene Ohren und Interesse, bis die einheimischen Juden durch auswärtige aufgehetzt werden und sich dem Evangelium verschließen (so deutlich in Beröa, 17,11‑13). In Ephesus kann Paulus drei Monate in der Synagoge predigen, bis er sich nach einem anderen Versammlungsraum umsehen muss (19,8.9)

Verfolgung der Apostel durch den Hohen Rat (Apg. 4; 5)

Unmittelbar nach der Gründung der Gemeinde im Jahr 33 versucht der Hohe Rat das junge Christentum zu unterdrücken: Anlässlich der Aufsehen erregenden Predigt des Petrus nach der Heilung des Gelähmten werden Petrus und Johannes über Nacht inhaftiert. Anstoßpunkt sei gewesen die Predigt von der Auferstehung Jesu, die von den sadduzäischen Priestern abgelehnt wurde, weil sie überhaupt eine Auferstehung leugneten.

Am nächsten Tag werden die beiden von den Hohenpriestern verhört, die aber weiter nichts zu tun wissen, als dass sie den Aposteln Redeverbot erteilen, wogegen diese sofort Einspruch erheben.

Nach einiger Zeit werden die namentlich nicht genannten Apostel wieder verhaftet und wunderbar von einem Engel befreit. Daraufhin werden sie erneut festgenommen und vor den Hohen Rat gestellt, der sie auf das Redeverbot hinweist. Petrus wehrt sich erneut dagegen. Der Schriftgelehrte Gamaliel, Lehrer von Paulus (22,3), plädiert dafür, die Apostel gewähren zu lassen. Wenn die Sache von Gott sei, könne man ohnehin nichts dagegen unternehmen, wenn nicht, müsse sie auch ohne Einschreiten des Hohen Rats zugrunde gehen. Gamaliel findet Zustimmung. Die Apostel erhalten erneutes Redeverbot, werden freigelassen und offenbar weiter nicht mehr belästigt.

Man muss sich hier die Frage nach der Geschichtlichkeit stellen. Denn die 1. Verhaftung aus Anlass der Heilung des Gelähmten erinnert stark an die Heilung des Blindgeborenen in Joh. 9 und scheint auch als Fortsetzung der Jesusgeschichte gedacht zu sein. Der Hohe Rat, der Jesus zum Tod verurteilt hatte, kann nicht schweigen, wenn die Jünger das Werk Jesu weiterführen. Die Leugnung der Auferstehung durch die Sadduzäer kann jedenfalls nicht der Grund für die Verhaftung gewesen sein, denn an eine Totenauferstehung glaubten auch die Pharisäer, die im Hohen Rat vertreten waren. Vgl. Apg. 23,6‑8.

Die 2. Verhaftung sieht aus wie eine Wiederholung der ersten; die wunderbare Befreiung der Apostel erinnert an die des Petrus in Apg. 12.

Lukas hat also offenbar nur unklare Vorstellungen über die Situation der "hebräischen" Urgemeinde. Was ihm überliefert ist, ist die Verfolgung der Hellenisten, und vielleicht die Nachricht, dass auch die "Hebräer" nicht unangefochten blieben. Seine Darstellung endet jedenfalls mit einer Art Duldungsedikt, nach dem der Rat den Hebräern keine Schwierigkeiten mehr machte.

Steinigung des Stephanus und die Vertreibung der Hellenisten (Apg. 6,1‑8,3; 9,1.2; 11,19‑21 )

Lukas deutet in Apg. 6 an, dass es in Jerusalem eine Gruppe griechisch sprechender Diasporajuden gab, die sich der Urgemeinde angeschlossen hatten. Sie kamen aus Zypern (4,36), Antiochia (6,5) Kyrene (11,19) und anderen Orten und bildeten offenbar unter den "Sieben" eine eigene Gemeinde (Kap. 6). Ihrem Anführer Stephanus weiß der Hohe Rat Schlimmeres vorzuwerfen als die Predigt von der Auferstehung Jesu: Reden gegen den Tempel und das Gesetz. Jesus wird dargestellt als einer, der den Tempel zerstören und die heiligen Ordnungen des Mose ändern wird (6,13.14). Ähnlich hat sich Jesus vielleicht wirklich geäußert. Aber es nimmt Wunder, dass gerade die Hellenisten darauf Bezug nehmen. Die vom hellenistischen Geist geprägten Diasporajuden hatten ohnehin ein anderes Verhältnis zur Thora und zum Tempel als die Juden in Palästina.

Grund für die Stephanusverfolgung war also die traditionskritische Einstellung der hellenistischen Christen, die sich auf entsprechende Äußerungen Jesu berufen konnten. Das führte dazu, dass sie (nicht die "Hebräer") aus Jerusalem vertrieben wurden (8,1; 11,19.20). Lukas stellt das so dar, dass die "Apostel" in Jerusalem hätten bleiben dürfen.

Von der Stephanusverfolgung zieht sich ein direkter Bogen zu Paulus:

  • Paulus hat als gesetzestreuer Jude (Gal. 1,14) die vertriebenen hellenistischen Christen bis nach Damaskus verfolgt, wobei man bedenken muss, dass er nicht nur zur Partei der Pharisäer gehörte (Phil. 3,5.6; Apg. 23,6), sondern selbst ein griechisch sprechender Diasporajude war.

  • Paulus hat sich nach seiner Bekehrung nicht den Hebräern angeschlossen, sondern die zuvor bekämpfte gesetzeskritische Predigt der Hellenisten aufgenommen und weiterentwickelt.

  • Die von den vertriebenen Hellenisten gegründete Gemeinde Antiochia wurde zur Heimatgemeinde von Paulus.

Es ist denkbar, dass man bei dieser Stephanusverfolgung, die ja noch im Jahr der Kreuzigung stattgefunden haben muss, auch die hebräischen Christen vor Gericht gestellt, dann aber wegen ihrer Gesetzestreue wieder freigesprochen hat. Es wird immer wieder angedeutet, dass man in Jerusalem der Meinung war, ein Judenchrist sei an das jüdische Gesetz gebunden. Mindestens hätte eine derartige Äußerung den Judenchristen in Jerusalem für einige Zeit Religionsfreiheit als innerjüdische Sekte verschafft.

Zwar hat man der Heidenmission des Paulus auf dem Apostelkonzil zugebilligt, dass sie darauf verzichten konnte, den Heidenchristen das jüdische Gesetz aufzuerlegen. Aber wie der Galaterbrief zeigt, gab es auch nach dieser Vereinbarung Judenchristen, die von den Heidenchristen die Einhaltung der Thora forderten. Als besonders "scharfer" Vertreter dieser Richtung galt der Herrenbruder Jakobus (Gal. 2,11), der den Beinamen "der Gerechte" erhielt und am Schluss doch von den Juden ermordet wurde (außerbiblische Überlieferung).

Der auf Jakobus zurückgeführte Jakobusbrief betont dementsprechend gegen Paulus nicht den Glauben, sondern das Handeln. Bei genauerem Zusehen erkennen wir aber, dass der Verfasser nicht an die Thora, sondern an das Liebesgebot, das "königliche Gesetz der Freiheit" denkt.

Paulus dagegen vertrat die Meinung, dass durch Christus das jüdische Gesetz überhaupt aufgehoben sei, nicht nur für Heiden- und Judenchristen, sondern auch für die Juden. An Stelle der aufgehobenen Thora tritt das Liebesgebot (Gal., Röm.). Diese radikale Einstellung war es, die Paulus in Schwierigkeiten brachte und den Christen in Jerusalem nicht behagte.

Petrus scheint eine Mittelposition eingenommen zu haben: Er praktizierte die Tischgemeinschaft mit Heidenchristen (Gal. 2,12), hielt sich aber als Judenchrist dem Gesetz verpflichtet. Dass die Heidenchristen diese Verpflichtung nicht hatten, haben wohl mit ihm viele Judenchristen nicht bestritten.

Enthauptung des Jakobus und Verhaftung des Petrus durch Herodes Agrippa I. (Apg. 12)

Das Martyrium des Zebedäussohns Jakobus wird Mark. 10,38.39; Matth. 20,22.23 von Jesus angekündigt, allerdings auch das seines Bruders Johannes. Dieser soll aber in hohem Alter in Ephesus gestorben sein (außerbiblisch; vgl. aber Joh. 21,22.23).

Genauere Hintergründe dieser Verfolgung sind nicht zu erkennen. Soviel wird aber deutlich, dass es sich nicht um eine Maßnahme des Hohen Rates, sondern eines weltlichen Fürsten handelte, der damit vielleicht den "Juden", d.h. dem Hohen Rat und den Synagogenbehörden, einen Gefallen tun wollte. Vgl. 12,3.

Die mit dieser Maßnahme in Verbindung gebrachte Verhaftung von Petrus erscheint aus historischer Sicht problematisch:

  • Die wunderbare Befreiung erinnert an die von Kap. 5,19.

  • Petrus muss nach 12,17 aus Jerusalem fliehen, befindet sich aber zur Zeit des Apostelkonzils 5 oder 6 Jahre später wieder in Jerusalem.

Es ist also möglich, dass Lukas die überlieferte Geschichte in einen falschen Zusammenhang eingeordnet hat.

 

zurück                                                                                                    weiter

 

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 1987 / 2007

Aktuell: 09.02.2019