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Heinrich Tischner

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Das Urchristentum

Philippusgeschichten

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Apostel Philippus und Evangelist Philippus

Der Diakon in Jerusalem

Der Evangelist in Samaria

Der Vater der prophetisch begabten Töchter in Caesarea

Das Philippusgrab in Hierapolis

 

Apostel Philippus und Evangelist Philippus

Für die vielen im NT genannten Personen gibt es nur wenige verschiedene Namen. Es müssen sich also oft mehrere Personen einen Namen teilen. So werden im NT nicht weniger als 7 Jakobusse, 6 Johannesse, 5 Josefs oder Josesse, 7 Judasse und 6 Marien genannt, die nicht immer klar voneinander zu unterscheiden und vielleicht in einigen Fällen identisch sind.

Dasselbe gilt auch für den Namen Philippus (4x), von denen aber zwei Personen aus der Herodesfamilie nicht in Frage kommen.

Es bleiben aber immer noch der in den Evangelien und Apg 1,13 genannte "Apostel" und Mitglied des "Zwölferkreises" einerseits und der in Apg 6,5; 8,5‑40 und 21,8 genannte andrerseits.

Über den Apostel ist so gut wie gar nichts bekannt. Er stammt aus Bethsaida (Joh 1,43) und tritt im Johannesevangelium wie andere Jünger ein paar Mal als Statist in Jesusgeschichten auf. Von Bedeutung ist allenfalls Joh 12,20.22, wo die beiden Apostel mit griechischen Namen, Andreas und Philippus, als Vermittler zwischen interessierten Griechen und Jesus fungieren.

Wesentlich besser informiert sind wir über den Philippus der Apostelgeschichte, der allerdings an verschiedenen Orten und in verschiedenen Funktionen tätig ist: 6,5 als "Diakon" und Mitglied des hellenistischen Siebenerkreises in Jerusalem; Kap. 8 als Missionar in Samaria und Caesarea; 21,8 als Evangelist, Mitglied des Siebenergremiums und Vater von vier prophetisch begabten Töchtern in Caesarea. Es ist anzunehmen, dass es sich in allen Fällen um dieselbe Person handelt.

Der Diakon in Jerusalem (Apg. 6)

Philippus wird erstmals Apg. 6,5 als Mitglied des Siebenergremiums genannt, das eingesetzt wurde, um die Versorgung der hellenistischen Witwen zu gewährleisten.

Lukas beschreibt hier die Einsetzung eines neuen Amtes neben den Aposteln, denen der "Dienst des Wortes" (V.4) obliegt; das neue Amt besteht im "Dienst an den Tischen"; so wörtlich V. 2. Beide Verrichtungen werden 'Dienst' (griech. diakonía) genannt. Lukas kennt also noch nicht den Titel 'Diakon', sondern nennt die so eingesetzten Leute "die Sieben" (21,8).

Er berichtet auch nichts von ihrer diakonischen Tätigkeit, sondern erzählt unmittelbar im Anschluss an ihre Einsetzung, dass Stephanus als begabter Prediger und Wundertäter aufgetreten sei. Nach dem Bericht über sein Martyrium (Kap 7) geht Lukas zu einem anderen Mitglied der "Sieben" über, Philippus, der aus Jerusalem vertrieben wurde. Auch von ihm weiß er nichts über eine diakonische Tätigkeit, sondern dass er missioniert hätte; daher der Titel 'Evangelist' in 21,8.

Man nimmt also an, dass die Sieben auch gar keine Diakone waren, sondern der Kirchenvorstand der hellenistischen Gemeinde. Lukas, der auf die Einheit der Kirche Wert legte, hätte sie mit diakonischen Sonderaufgaben betraut, damit nicht der Eindruck entstünde, die Sieben hätten den 12 Aposteln Konkurrenz gemacht.

Die Deutung auf Diakone stammt also von Lukas; ursprünglich war wohl von der Gründung einer eigenen hellenistischen Gemeinde die Rede. Vielleicht mögen diakonische Probleme mitgespielt haben, die von Lukas überbewertet wurden.

Die Sieben können in Jerusalem nicht lange gewirkt haben. Umso mehr erstaunt es, dass der Titel Jahrzehnte später in 21,8 wieder genannt wird, wahrscheinlich nur eine Bemerkung des Lukas, um den Philippus in Caesarea mit dem von Kap 6 und 8 gleichzusetzen.

Der Evangelist in Samaria (Apg. 8)

Den Missionar von Kap. 8 nennt Lukas in 21,8 "Evangelist"; er grenzt dieses Amt in Kap. 8 von dem der Apostel ab. Hier geht es nicht mehr um das Gegenüber von Predigt und Dienst an den Tischen, sondern um eine Missionstätigkeit, die der der Apostel untergeordnet ist: Philippus darf predigen und taufen; den Geist verleihen, also konfirmieren, dürfen dagegen nur die Apostel.

Wir müssen hier wirklich an eine Art Sakrament denken. Zwar hat der Geist Gottes durchaus die Möglichkeit, über jemand zu kommen auch ohne Handauflegung (wie über die Pfingstgemeinde, Apg 2, oder die Familie von Kornelius, Kap. 10). Aber in der Regel wird der Geist durch Handauflegung von einem Apostel verliehen, so 8,14‑17; ähnlich in Ephesus, 19,1‑8, wo es aber um Johannesjünger geht, die noch nicht auf den Namen Jesu getauft sind.

Wir haben hier ein sehr frühes Beispiel, wo das Wirken des Geistes an menschliche Vermittlung (Konfirmation) geknüpft ist, ein Geistesverständnis, das in der Folgezeit herrschend geworden ist: Ein "Geistlicher" ist einer, dem der Geist durch Handauflegung verliehen wurde ‑ ohne Rücksicht, ob er tatsächlich inspiriert oder begeistert ist.

Worin bestand nun die missionarische Tätigkeit des Philippus? Nach 8,5‑7 tat er dasselbe, was Jesus auch machte: Er predigte, trieb Dämonen aus und heilte Gelähmte und Verkrüppelte. Dabei hatte er so großen Erfolg, dass man annehmen muss, es hätte sich die ganze Stadt bekehrt. Mehr als diese summarische Angabe weiß Lukas nicht zu berichten.

Dazu kommen zwei besondere Episoden:

Die Geschichte vom Zauberer Simon (Simon Magus),

der sich 1. durch Philippus bekehren lässt und 2. von Petrus belehrt wird, dass das kirchliche Recht der Konfirmation unverkäuflich ist. In diesem Abschnitt steht deutlich Simon im Mittelpunkt.

Die Geschichte vom "Kämmerer aus Äthiopien",

genauer dem Finanzminister der Königin des Sudan, der nach Jerusalem reist und sich dort eine Jesajarolle kauft, die er auch lesen kann. Aber als Eunuch hat er keinerlei Möglichkeit, in die jüdische Gemeinde aufgenommen zu werden. Seine Religions‑ und Volkszugehörigkeit indessen bleibt offen. Es ist denkbar, dass er, wiewohl Eunuch, doch Jude war, also kein Schwarzer, oder dass er durch Juden in seiner Heimat den Glauben an den einen Gott kennen lernte. Jedenfalls besitzt er hellenistische Bildung und kann den griechischen Jesaja lesen.

Andrerseits erinnert das Motiv der wunderbaren Führung daran, dass die Geschichte für Lukas doch eine Art Schlüsselrolle spielt, dass sich Lukas den Äthiopier tatsächlich als schwarzen Heiden vorstellt und damit zeigt, wie das Evangelium durch direkte göttliche Führung zu den Heiden kommt.

Das Motiv von der wunderbaren Führung erklärt auch, warum Philippus seine Missionsstation in Samaria verließ und nach Caesarea ging. Er war eben kein ortsgebundener Pfarrer, sondern ein wandernder Missionar (so deutlich 8,40).

Der Vater der prophetisch begabten Töchter in Caesarea (Apg. 21,8.9)

Philippus wird letztmals erwähnt, wie er in Caesarea Paulus und seine Begleiter in seinem Haus aufnimmt. Dort ist er also sesshaft geworden. Der Notiz über die Töchter ist zu entnehmen, dass er verheiratet war. Die Töchter selbst waren Jungfrauen, d.h. sie huldigten dem asketischen Ideal der Jungfräulichkeit und blieben ihm nach außerbiblischer Tradition bis zu ihrem Lebensende treu.

Ihre prophetische Begabung wird zwar von Lukas erwähnt; er erzählt aber darüber keine Geschichte und berichtet stattdessen, dass der Prophet Agabus richtig die Verhaftung des Paulus vorausgesagt hätte.

Das Philippusgrab in Hierapolis

Die nachbiblische Überlieferung weiß von einem Philippusgrab in Hierapolis/ Kleinasien und betont, es handle sich um den Vater der prophetischen Töchter, deren Gräber ebenfalls gezeigt wurden. Dabei ist zu bedenken, dass man in späterer Zeit zwischen dem Apostel und dem Evangelisten keinen Unterschied mehr machte.

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Datum: 1987 / 2007

Aktuell: 09.02.2019