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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Urchristentum

Die urchristliche Gemeinde

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Hebräer und Hellenisten

Judenchristen und Heidenchristen

Judenchristliche Typen:

Heidenchristliche Typen:

Konfessionelle Spaltungen schon im Urchristentum

 

Sekten und Irrlehrer

Simonianer

Judenchristliche Irrlehrer

Johannesjünger

 

Konfessionen

Hebräer und Hellenisten

Von dem in Apg 6 beschriebenen Konflikt zwischen den hebräischen und hellenistischen Christen haben wir schon oft gehört. Hier soll noch einmal das Wesentliche zusammengefasst werden: Der Konflikt entsteht bei der Versorgung der hellenistischen Witwen. Wie aus Apg. 4,36; 6,5.9 hervorgeht, stammen die griechisch sprechenden Christen aus Zypern, Syrien, Ägypten, Libyen, Kilikien und der Provinz Asien. Es handelt sich nicht um Griechen, sondern um ehemalige Diasporajuden, die in die heilige Stadt gezogen waren. Ihre Muttersprache war nicht "hebräisch" (genauer: aramäisch) wie die der alteingesessenen Jerusalemer, sondern griechisch. Sie hatten, wie aus 6,9 hervorgeht, eigenen landsmannschaftliche Synagogen. Anders als Juden in Palästina waren die Diasporajuden stark von der hellenistischen Kultur beeinflusst. Sie lasen nicht die hebräische, sondern die griechische Bibel, die in Ägypten entstanden war, und in der Art ihrer Übersetzung manche Einzelheiten der heiligen Texte dem griechischen Denken anpasst. Der jüdische Gelehrte Philo aus Alexandria hatte eine Methode der Bibelauslegung entwickelt, die es ermöglichte, für griechisches Denken anstößige Stellen befriedigend zu deuten.

Überhaupt war man in der griechisch sprechenden Diaspora liberaler und sah vieles nicht so eng wie in Judäa. Schon die griechisch sprechenden Auslandsjuden fragten nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem Geist des Gesetzes, und konnten überdies in einer andersgläubigen Umgebung das Gesetz nicht so strikt befolgen, wie es in Judäa möglich war.

Der Tempel galt zwar als Zentrum der jüdischen Religion, aber er war weit weg, und selten konnte man sich die teure und mühsame Wallfahrt in die heilige Stadt leisten. Viele werden nie dorthin gekommen sein. Da Opfer nur in Jerusalem dargebracht werden durften, spielten sie im täglichen Leben keine Rolle. Man hatte sich angewöhnt, ohne den Tempel und seine Opfer auszukommen, verstand unter 'Opfer' Gebete und Lieder und feierte den wöchentlichen Gottesdienst in der Synagoge ähnlich wie bei uns mit Schriftlesung, Predigt, Liedern, Gebeten und Segen.

Für die weniger Privilegierten mag der goldene Prachtbau in der heiligen Stadt der Inbegriff der religiösen Sehnsucht gewesen sein; die sich eine Wallfahrt leisten konnten, erlebten dort keinen Traum, sondern die Wirklichkeit: eine verfilzte Priesteraristokratie, deren Metier mehr die Politik und das Geschäft als die Religion war ‑ engstirnige und kleinkarierte Autoritäten, denen der weltmännische Geist der Heimat ganz abging ‑ statt eines Gottesdienstes von hohem geistigem Niveau ein Viehmarkt mit entsprechendem Kuhhandel auf dem Tempelplatz und an der heiligen Stätte selbst mehr eine Metzgerei als ein Gotteshaus mit bestialischem Gestank nach Blut und verbranntem Fleisch, vermischt mit dem süßlichen Geruch des Weihrauchs. Also Gründe genug zu einer kritischen Einstellung nicht nur der Thora, sondern auch dem Tempel gegenüber.

Jesus von Nazareth, der den Tempel reinigte und die buchstabengetreue Gesetzesauslegung verabscheute, weil er nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem Willen Gottes fragte, mag also bei den Diasporajuden auf viel Sympathie gestoßen sein; also kein Wunder, wenn sich unter den ersten Christen nicht nur Galiläer und Judäer, sondern auch Hellenisten befanden.

Es braucht uns daher auch nicht zu wundern, wenn später Stephanus Gedanken aufgreift, die bereits Jesus geäußert hatte, und die Stephanus dann zum Verhängnis wurden: die Kritik an Gesetz und Tempel (Apg. 6,13 [1]).

Ganz anders die in Palästina geborenen aramäisch sprechenden Christen, besonders die aus Jerusalem. Für sie war der Tempel nicht weit weg, sondern stand sozusagen direkt vor der Haustür. Für sie war es selbstverständlich, möglichst oft im Tempel zu beten oder wenigstens die großen Feste zu besuchen. Die biblischen Gesetze waren keine wirklichkeitsfremden Vorschriften, die man so oder so auslegen kann, sondern geltendes Recht, an das man sich zu halten hatte.

Es waren also nicht nur verschiedene Muttersprachen, die die beiden Gemeindegruppen trennten, sondern verschiedene Denk- und Lebensgewohnheiten.

Wir werden nun freilich den "hebräischen" Christen zugute halten müssen, dass sie keine christlichen Pharisäer waren, die wie die jüdischen Pharisäer nur noch nach dem Buchstaben des Gesetzes gefragt hätten. Der "hebräische" Petrus wird sowohl von Lukas als auch von Paulus durchweg positiv dargestellt: Er hat begriffen, dass für einen Christen die alte Thora nicht mehr gilt. Was ihm Paulus in Gal. 2 vorzuwerfen hat, ist seine Inkonsequenz: Erst isst er mit den Heidenchristen (und sagt damit der Thora ab, die Gemeinschaft mit Heiden verbietet), und dann hält er sich auf einmal wieder an die Thora und kündigt den Heidenchristen die Tischgemeinschaft. Man kann das eine tun oder das andere, aber beides ist inkonsequent.

Sogar Jakobus, der sonst als gesetzestreuer "Einheizer" gilt, wird sowohl von Paulus als auch von Lukas positiv dargestellt: Auch er erkennt das gesetzesfreie Evangelium des Paulus und die unbeschnittenen Heidenchristen an.

Wir müssen dabei aber mit bedenken, dass gerade die palästinensischen Juden, die dem Hohenpriester direkt vor der Nase saßen, 1. keinen Anlass hatten, ihre jüdischen Gewohnheiten wie Sabbat, Reinigungszeremonien und Speisevorschriften aufzugeben (auch Paulus will sie nicht davon abhalten), und 2. mit ihren Äußerungen und ihrem Lebenswandel sehr vorsichtig sein mussten, wenn sie nicht dauernd in Schwierigkeiten kommen wollten. Auch wenn sie ‑ nach Meinung des Hohenpriesters ‑ einer jüdischen Sekte angehörten, unterstanden sie trotzdem seiner Rechtsprechung, während die Heidenchristen den Hohenpriester nichts angingen.

Außerdem scheint die Duldung, die die Christen seit dem Rat des Gamaliel (Apg. 5,34‑40) genossen, davon abhängig gewesen zu sein, dass sie sich nicht gegen Thora und Tempel äußerten. Die betonte Gesetzestreue, die die Judenchristen in späterer Zeit zeigen, scheint also ein Versuch zu sein, sich vor weiteren Anfeindungen zu schützen, war also nicht von Anfang an vorgegeben.

Um so mehr muss es uns überraschen, dass der Herrenbruder Jakobus im Jahr 63 vom Hohenpriester zur Steinigung verurteilt wurde. Die Legende, die ihm den Namen "der Gerechte" beilegt, betont, dass Jakobus wegen seiner Gesetzestreue sogar von den Juden hoch geachtet worden wäre. Was Anstoß erregt und zu seinem Martyrium geführt hätte, sei seine provokative Christuspredigt gewesen.

Die Judenchristen, die aus den "Hebräern" hervorgegangen sind, galten bis zum Ende des 1. Jahrhunderts als jüdische Sekte, die mehr oder weniger geduldet wurde. Erst nach dem jüdischen Krieg, etwa zur Zeit, als die Evangelien geschrieben wurden, wurden die Judenchristen auf Beschluss der jüdischen Synode von Jamnia generell aus der Synagoge ausgeschlossen, was zu schweren Ausschreitungen der jüdischen Behörden gegen die Christen führte.

Judenchristen und Heidenchristen

Aus der hellenistischen Gemeinde ging schließlich die rein heidenchristliche Gemeinde hervor. Nach Apg 11,20 waren es hellenistische Christen aus Zypern und Kyrene, die die erste heidenchristliche Gemeinde in Antiochia gründeten.

Paulus, der als Missionar von dieser Gemeinde ausgesandt wurde, scheint von Anfang an darauf verzichtet zu haben, den neu bekehrten Heiden die ganze Last des Gesetzes aufzuerlegen. Bewiesen ist das aber erst für die 2. Reise, wo er die galatischen Gemeinden gründete, denen er später den Galaterbrief schrieb. Da er aber nach Gal. 2,16 seine Berufung zum Heidenmissionar schon vor Damaskus erfahren hatte, wird Paulus schon seit dieser Zeit ein gesetzesfreies Heidenchristentum vertreten haben.

Dazu kommt, dass Paulus wohl nicht einfach die Christen überhaupt, sondern im Zuge der Stephanusverfolgung die vertriebenen Hellenisten bekämpft hatte, zu denen sein späterer enger Freund und Mitarbeiter Barnabas gehörte, der ihn auch nach Antiochia geholt hat. Das Christentum, zu dem sich der Auslandsjude Saulus bekehrte, der griechisch schreibt und die griechische Bibel zitiert, war das hellenistische Christentum eines Stephanus und Barnabas, nicht das "hebräische" eines Petrus und Jakobus.

Judenchristliche Typen:
Petrus

Petrus, den Paulus außer Gal. 2,7 mit seinem aramäischen Namen Kephas 'Fels' nennt, war nach 1. Kor. 15,5 der erste Auferstehungszeuge, der von daher ein großes Ansehen in der ganzen Christenheit hatte. Auch Paulus und der Schreiber des Johannesevangeliums erkennen ihn an.

Paulus sieht in Petrus einen Kollegen, dem das Apostelamt für die Juden, d.h. die Judenmission anvertraut ist, während Paulus zu den Heiden gesandt wurde (Gal. 2,7.8).

Auf Petrus werden die beiden Briefe zurückgeführt ‑ nach Meinung der Forscher beide zu Unrecht; der 2. Brief ist eine der jüngsten Schriften des NT und zitiert im 2. Kapitel den ebenfalls jungen Judasbrief. Der 1. Brief aus "Babylon" = Rom hat Anklänge an die Sprache der Paulusschule; zugrunde liegt eine Taufpredigt, die auf Petrus zurückgehen könnte.

Auffallend ist, dass drei der vier Stellen, in denen davon die Rede ist, dass Jesus am "Holz" hing (Apg. 5,30; 10,39; 1. Petr. 2,24), als Petrusworte gelten: Zufall oder weil sowohl Lukas als auch 1. Petr. Gedanken des wirklichen Petrus wiedergeben? Nach Meinung der Forscher wüssten wir jedenfalls trotz der Reden in Apg. und den beiden Briefen nichts Authentisches über die Theologie des Petrus.

Die altkirchliche Überlieferung (wohl im Anschluss an 1. Petr 5,13) gibt an, der Verfasser des Markus‑Evangeliums sei der aus Apg. 12,12; 13,5‑13; 15,37‑39 bekannte Johannes Markus, der nach dem Krach mit Paulus zu Petrus übergelaufen sei und in dessen Auftrag, sozusagen als Petrus‑Memoiren, das Evangelium verfasst habe. Auch das wird heute bestritten. Fest steht, das dieses Evangelium nicht nur von einem Mann mit römischem Namen geschrieben wurde, sondern auch auffallend viele lateinische Fremdwörter enthält. Man kann nicht behaupten, dass es judenchristlich geprägt ist. Auch das Markus‑Evangelium sagt uns also nichts über den authentischen Petrus. Falls es wirklich von Johannes Markus stammt, so ist zu bedenken, dass dieser, seinem lateinischen Beinamen nach zu urteilen, eher ein Hellenist als ein Hebräer war.

Jakobus

Ebenfalls umstritten ist, ob der Jakobusbrief wirklich von dem Herrenbruder stammt. Dagegen wird wie beim 1. Ptr. angeführt, dass der Brief in einem exzellenten Griechisch geschrieben sei, das man dem Herrenbruder nicht zutraue. Aber warum soll er kein Griechisch gekonnt haben? Im Gegenteil spricht vieles für eine Verfasserschaft des Herrenbruders: Trotz der Sprache ist der Brief so gut jüdisch gedacht, dass Luther der Meinung war, es handle sich um eine nur notdürftig christianisierte jüdische Schrift. Damit tut Luther dem Verfasser ebenfalls Unrecht. Was den Brief christlich macht, sind nicht ein paar christlichen Vokabeln, die man notfalls weglassen kann, sondern die vielen Anklänge an die Bergpredigt (ganz deutlich 5,12) und die Rede vom "vollkommenen Gesetz der Freiheit" (1,25; 2,12) bzw. dem "königlichen Gesetz" des Liebesgebotes (2,8). Der Verfasser dieses Briefes steht also dem Matthäusevangelium sehr nahe. Warum sollte es sich nicht um den Herrenbruder handeln? Wir verkennen ihn sicher, wenn wir aus ihm einen christianisierten Pharisäer machen.

Matthäus

war nach altkirchlicher Überlieferung einer der Apostel. Der judenchristliche Charakter seines Evangeliums ist unverkennbar. Nach dem Übersetzer der lateinischen Bibel, Hieronymus, wurde ein erweitertes Matthäusevangelium noch lange von judenchristlichen Sekten benutzt. Es soll in "hebräischer" Sprache geschrieben gewesen sein. Heute sind wir der Meinung, dass unser Matthäusevangelium in der griechischen Originalsprache vorliegt und das judenchristliche eine Übersetzung ins "Hebräische" gewesen ist.

Trotz der oben gezeigten Gemeinsamkeiten (Bezugnahme auf die Bergpredigt) gibt es doch einen gewichtigen Unterschied zwischen Jakobus und Matthäus:

  • Jakobus legt zwar wie Matthäus Wert aufs Tun (Jak. 1,22; Mt 7,26) und grenzt sich gegen einen falsch verstandenen Paulus ab, als käme es nur auf den Glauben und nicht aufs Handeln an (2,14‑26). Maßstab fürs rechte Handeln ist für Jak. aber eindeutig das Liebesgebot, in dem wie bei Paulus Röm. 13,8‑10 die ganze Thora zusammengefasst ist. Er redet zwar vom Halten des Gesetzes, bestreitet aber nicht, dass durch Christus die Thora aufgehoben ist und dafür das "Gesetz der Freiheit" gilt, dem die Christen verpflichtet sind.

  • Matthäus dagegen grenzt sich ausdrücklich dagegen ab, dass Jesus die Thora aufgehoben hätte (5,17‑19). In der Bergpredigt wird gezeigt, wie Jesus die Vorschriften der Thora sogar noch verschärft hat (5,21‑48). Jesus gilt also als neuer Mose, der eine neue Thora erlässt, die nicht bloß Beispiele christlichen Verhaltens, sondern verbindliche Vorschriften enthält. Das Liebesgebot wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt und kommt erst im überlieferten Rahmen von Streitgesprächen in Jerusalem (22,34‑40): nicht als neue Thora, sondern als Antwort an einen vorwitzigen Schriftgelehrten, dem Jesus durch seine schlagfertige Antwort genauso "das Maul stopft" wie vorher den Sadduzäern.

Trotz allem hat auch Matthäus kein ungebrochenes Verhältnis zur jüdischen Thora. Jesus ist für ihn nicht nur Gesetzesausleger, sondern Gesetzgeber. Matthäus verschweigt nicht die Konflikte mit dem Sabbatgebot (12,1‑14) und zitiert als einziger zweimal Hos. 6,6 "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer" (9,13; 12,7), muss also deshalb die rituellen Gebote in Frage stellen.

Heidenchristliche Typen:
Paulus

Wie schon dargestellt, ist Paulus kein Heidenchrist, sondern ein hellenistischer Judenchrist. Seine Sprache ist griechisch, freilich sehr mit jüdischer Begrifflichkeit durchsetzt und sicher ein Gräuel für Liebhaber einer gepflegten Sprache.

Trotz seiner Zugehörigkeit zum hellenistischen Christentum gehörte er vor seiner Begegnung ins Lager der Pharisäer (Phil. 3,5.6). Kennzeichen der Pharisäer war im Unterschied zu den Sadduzäern:

Pharisäer

volkstümlicher Glaube

Auferstehung der Toten

Engel gibt's

Bibel = unser AT

barmherzige Rechtsprechung

Thora = 1.‑5. Mose + Überlieferung

Warten auf den Messias

Laienbewegung

Glauben ist unser Hobby

Opfer für den Glauben

Sadduzäer

streng orthodox

mit dem Tod ist alles aus

Engel gibt's nicht

Bibel = nur 1.‑5. Mose

strenge Rechtsprechung

Thora = 1.‑5. Mose

keine Erwartung

Priesteradel

Glauben ist unser Job

Leben von den Opfern

Trotz allem, was im NT gegen die Pharisäer gesagt wird, standen sie in ihren Grundanschauungen dem Christentum sehr nahe. Der Pharisäer Paulus hätte also nur anerkennen müssen, dass Jesus der erwartete Messias ist, und dass Er die Thora ein bisschen anders ausgelegt hatte als sein Lehrer Gamaliel, und dann wäre er ein Christ gewesen.

Durch sein Damaskuserlebnis hat sich sehr viel mehr geändert: Er schloss sich nicht dem gesetzestreuen Judenchristentum eines Jakobus oder Matthäus an, sondern dem gesetzeskritischen Christentum der Hellenisten. Das, was vorher für ihn der heiligste Wert war, die Thora, wurde durch die Bekehrung plötzlich nicht nur wertlos (Phil 3,7), sondern zu einem Werkzeug der Sünde (Röm 7,7‑11). Es war schon ein grundlegender Wandel, den Paulus da durchgemacht hat.

Natürlich kann auch der Christ Paulus den alten Pharisäer und Schriftgelehrten nicht verleugnen; er behält viele seiner pharisäischen Grundsätze bei und spielt vor Hohen Rat sogar seine alte Parteizugehörigkeit gegen die Sadduzäer aus (Apg 23,6‑9). Er vergisst auch nicht, was er bei Gamaliel über die Bibelauslegung gelernt hat; die wissenschaftlichen Methoden behält er bei, geht aber von anderen Voraussetzungen aus und kommt zu anderen Ergebnissen als sein Lehrer. Dennoch trennen ihn von seiner alten Überzeugung so tiefe Gegensätze, dass ihn der unversöhnliche Hass seiner früheren Gesinnungsgenossen in dauernde Lebensgefahr bringt.

Johannes

Hier haben die damalige Phantasielosigkeit in der Namengebung und die altkirchliche Überlieferung ein heilloses Durcheinander angerichtet. Es stehen zur Debatte: Die Verfasser 1. des Evangeliums, 2‑4. der drei Briefe und 5. der Offenbarung ‑ 6. der Apostel und Zebedäussohn - 7. der Lieblingsjünger vom Ende des Johannesevangeliums - 8. ein unverheirateter Christ aus dem Priesterstamm ‑ 9. ein Ältester, der in Ephesus begraben liegt ‑ 10. ein Augenzeuge Jesu, der in hohem Alter starb. In der zweitausendjährigen Diskussion wurden alle denkbaren Kombinationen und Abgrenzungen vorgenommen, ohne dass man damit zu einem eindeutig anerkannten Ergebnis gekommen wäre. Man hat entweder alle in eins gesetzt oder bis zu 10 verschiedene Johannesse herausgearbeitet, so dass man bei einem Forschungsüberblick verzweifeln kann.

In Verzweiflung geraten kann man schon beim Johannesevangelium selbst, obwohl es doch gar nicht zum Verzweifeln geschrieben ist, Die moderne Forschung nimmt eine komplizierte Entstehungsgeschichte an.

Im Prinzip ist aber die Sache einfacher als man denkt: Kap. 21 ist ein Nachtrag, nachdem der Verfasser des Evangeliums gestorben war. Ihm hatte man prophezeit, er werde die Wiederkunft Jesu noch erleben (21,22‑23). Er starb aber doch vorher. Der Evangelist hat anscheinend Jesus persönlich kennen gelernt, aber nur die Leidensgeschichte selbst miterlebt. Das andere hat er aus der mündlichen Überlieferung. Manches von dem, was er daraus entnommen hat, ähnelt dem, was Lukas bei seinen Nachforschungen erfahren hat, stammt also aus demselben Überlieferungsstrang, z.B. Lazarus, Maria und Martha.

Der Evangelist ist wohl vom Apostel Johannes zu unterscheiden, da dieser von Anfang an dabei war und lange in Jerusalem gewirkt hat, während der Evangelist bald nach Syrien oder Kleinasien gegangen sein muss. Man konnte ihn mit dem Apostel verwechseln, weil man später die Jünger und die Apostel grundsätzlich in eins setzte, und Jünger und Apostel denselben Namen trugen. Außerdem hatte Jesus nach den Evangelien dem Apostel wie seinem Bruder kein langes Leben, sondern das Martyrium prophezeit (Mk 10,39).

Nehmen wir an, dass der Evangelist gleich nach Ostern angefangen hatte zu predigen und Ende des 1. Jahrhunderts gestorben ist, so war ihm eine Wirkungszeit von rund 65 Jahren vergönnt. Das ist eine lange Zeit, in der ein Mensch sich nicht gleich bleiben kann. Auch der Verfasser musste sich verändern: Er fing an als einer, der von Jesus und seinen Wundern begeistert war. Er erkannte in den Wundern, die er nicht alle persönlich erlebt haben muss, die Herrlichkeit Jesu (Joh. 2,11). Je länger er predigte und sich mit der Sache beschäftigte, um so tiefer drang er in das Geheimnis Jesu ein. Er musste sich ferner auseinandersetzen mit der neuen Geistesrichtung der Gnosis, die aus dem Menschen Jesus von Fleisch und Blut ein Himmelswesen machte, das nur scheinbar in der Welt lebte und litt. Manches aus dem gnostischen Gedankengut konnte er übernehmen, anderes wiederum nicht. Und schließlich erlitt er gegen Ende seines Lebens eine bittere Enttäuschung, als er aus der Synagoge ausgeschlossen wurde und vielleicht dabei leiden musste. All das schlug sich nieder in dem Evangelium, das er in den neunziger Jahren schrieb. Da kommt die alte Wunderbegeisterung genauso drin vor wie das langjährige Nachdenken über das Geheimnis der Person Jesu, die Auseinandersetzung mit der Gnosis wie die Enttäuschung über den Ausschluss aus der Synagoge. Warum sollten alle diese Erfahrungen und Gedanken nicht von einem einzigen Mann stammen? Er hat das Evangelium nicht am Schreibtisch in kurzer Zeit ersonnen, sondern es ist das Ergebnis einer 65jährigen Predigttätigkeit.

Die Johannesbriefe gehören wohl zusammen und nehmen Bezug auf das Johannesevangelium, scheinen also, wenn nicht vom Evangelisten, so doch von seinen Schülern zu stammen.

Die Offenbarung dagegen hat eine ganz andere Sprache und Denkweise:

Evangelium  

Offenbarung

Gericht = wenn man nicht glaubt  

Jüngstes Gericht

Jesus ist die Auferstehung  

Auferstehung am Jüngsten Tag

Lamm Gottes = amnós  

 árnion

Man nimmt daher an, dass ihr Verfasser ein anderer ist als der des Evangeliums. Für diesen wird nirgends ein Name genannt. Dagegen nennt sich der Verfasser der Offenbarung "Johannes". Es wäre denkbar, dass es sich um den Apostel handelt, dem Jesus zusammen mit seinem Bruder den Namen "Donnersöhne" gibt (Mk. 3,17), was gut auf den Verfasser der Offenbarung, nicht auf den des Evangeliums passen würde. Dass die beiden in Lk 9,54 am liebsten Feuer vom Himmel auf das ungastliche Samariterdorf fallen lassen würden, passt ebenfalls zum Stil der Offenbarung, desgleichen ihr Wunsch, in der Herrlichkeit zur Rechten und Linken Jesu zu sitzen (Mk 10,37). Und schließlich kommt der Leidenskelch aus dieser Geschichte (Mk 11,38.39) als Zornesbecher Gottes auch in der Offenbarung vor (14,10; 16,19; in dieser Bedeutung sonst nur noch in der Gethsemane‑Geschichte).

Zusammenfassung:

Evangelist: Evangelium und Briefe

Apostel: Offenbarung

Beide Verfasser schreiben ein semitisch gefärbtes Griechisch. Dabei möchte man den Seher Johannes eher als Judenchristen einordnen, den Evangelisten eher als "Hellenisten". Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass der Seher dauernd auf das AT Bezug nimmt, der Evangelist dagegen kaum; andrerseits beweist der Evangelist, dass er aramäisch kann und sich in Jerusalem auskennt.

Dass er offenbar in einer heidenchristlichen Gemeinde arbeitet, sieht man daran, dass er jüdische Bräuche erklärt (2,6) und die Feinde Jesu für ihn nicht Priester oder Pharisäer, sondern pauschal "die Juden" sind. Dies mag mit seinem persönlichen Werdegang zusammenhängen (Ausschluss aus der Synagoge). Das "Gesetz" ist für Johannes weniger eine Sammlung von Vorschriften (die die Juden selbst nicht halten, 7,19), sondern heilige Schrift, die Glaubenssätze untermauert.

Wir werden also annehmen müssen, dass der Evangelist kein "Hebräer" war, sondern ein "Hellenist", der allerdings längere Zeit in Jerusalem gelebt hat.

Lukas

Im Unterschied zu den bisher Genannten ist Lukas anscheinend kein geborener Jude. Kol. 4,10‑14 unterscheidet eine Anzahl jüdischer Mitarbeiter von Epaphras, Lukas dem Arzt und Demas (auch Phlm 23.24).

Es spricht nichts dagegen, dass dieser Lukas derselbe ist, der das Evangelium und die Apostelgeschichte geschrieben hat. Dieser schreibt ein vorzügliches Griechisch, z.T. in enger Anlehnung an die Sprache der griechischen Bibel und beweist seine Bildung durch seine Belesenheit und sein Quellenstudium.

Eine alte Theorie behauptet, Lukas sei auf der 2. Missionsreise in Troas zu Paulus gestoßen und habe ihn seitdem begleitet, auch nach Rom. Beweis: Bis zur Ankunft in Troas (Apg. 16,8) redet Lukas von der Reisegesellschaft in der 3. Person ("sie"), ab Troas (16,10) in der 1. ("wir"). Andere nehmen an, Lukas habe von da an einen schriftlichen Reisebericht benutzt und z.T. wörtlich übernommen.

Wenn wir davon ausgehen, dass die "Wir‑Stücke" in der Apg von einem Reisebegleiter des Paulus stammen, so war dieser auf der 2. Reise dabei von Troas bis Philippi (16,17); dort trennen sie sich. Paulus wird ausgewiesen, reist über Thessalonich, Beröa und Athen nach Korinth und von dort über Ephesus nach Antiochia. Auch die 3. Missionsreise macht Paulus allein, bis sich der Chronist ihm wiederum in Troas anschließt (20,5), und mit ihm nach Jerusalem reist. Dort wird Paulus verhaftet und nach Caesarea gebracht. In Jerusalem scheint der Begleiter zunächst zurückgeblieben zu sein (letztmals 21,18), und ist dann wieder bei der Fahrt von Caesarea nach Rom dabei (ab 27,1). Der Begleiter scheint also in Troas zu Hause gewesen zu sein.

"Lukas der Arzt" befindet sich nach dem Philemon-  und Kolosserbrief anscheinend an dem Ort, an dem Paulus in Gefangenschaft ist. Folgen wir der Darstellung der Apostelgeschichte, könnte es sich nur um Caesarea oder um Rom handeln, wo Paulus längere Zeit inhaftiert und der Reisebegleiter (= Lukas?) nach der obigen Darstellung dabei gewesen ist. Dies würde also alles gut zusammenpassen.

Fragen wir uns nun: Hat der Verfasser der Apostelgeschichte auch etwas von dem verstanden, was Paulus wollte? In 13,16‑41 bringt er eine Paulusrede in der Synagoge von Antiochia in Pisidien. Nach einem geschichtlichen Rückblick von Mose bis zum Täufer kommt er auf Jesus und seine Auferstehung zu sprechen. Er zeigt an Beispielen aus dem AT, dass in Jesus die Verheißung an die Väter in Erfüllung gegangen ist, und warnt am Ende vor dem Unglauben. Eine ähnliche Predigt legt Lukas auch dem Petrus (Apg 2) in den Mund. Höhepunkt der Pauluspredigt sind aber die Verse 38‑39: durch Jesus kommt die Sündenvergebung; wer an Jesus glaubt, ist gerecht; das konnte das Gesetz nicht leisten. Das liest sich wie eine Kurzfassung der Römerbriefs. Lukas hat also das Hauptanliegen von Paulus verstanden und richtig wiedergegeben.

Und doch bleibt ein wichtiger Unterschied: Für Paulus steht das Kreuz im Mittelpunkt; Rechtfertigung und Sündenvergebung kommen durch den Opfertod Christi; die Botschaft von Paulus ist das "Wort vom Kreuz" (l. Kor. 1,18). ‑ Bei Lukas hat man eher den Eindruck, als sei der Kreuzestod Jesu ein bedauerlicher Justizmord, der den Juden angelastet, aber dadurch wieder gut gemacht wird, dass Gott Jesus durch die Auferweckung rehabilitiert. Das Wesentliche ist für ihn nicht das Kreuz, sondern die Auferweckung. Er fasst die Paulusbotschaft in Athen bezeichnenderweise mit dem Ausdruck "das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung" zusammen (Apg 17,18). Hier haben wir's also mit der Theologie von Lukas selbst zu tun.

Zwar hat Lukas eine eigene theologische Meinung; sie fällt für uns aber kaum ins Gewicht, weil Lukas mehr Historiker als Prediger ist. Wie er in seinem Vorwort zum Evangelium angibt (1,1‑4), hat er selbst Erkundigungen angestellt, um seinem Freund Theophilus eine Grundlage des christlichen Glaubens darzustellen. Er hat sich dazu umfassend informiert, den Vorläufer des Markusevangeliums und eine Sammlung von Jesusworten gelesen, ferner schriftliche Aufzeichnungen über die Apostel und außerdem auch eigene Nachforschungen angestellt. Er versteht sich also selbst nicht als "Evangelist" (= Prediger), sondern als Historiker und nennt Apg. 1,1 sein erstes Buch nicht "Evangelium", sondern neutral "Wort" (lógos, Luther 'Rede'). Er hat seine Bedeutung für uns heute auch vor allem als Historiker und ist in vielem auch glaubwürdiger als Matthäus und Markus

Zwei Beispiele:

  • Nach Luk. 2 lag Jesus in einer Krippe; diese stand nach einer alten Überlieferung nicht in einem "Haus" (wie Mt 2,11), sondern in einer Höhle.

  • Nach Markus wurde Jesus vom Hohen Rat in einer nächtlichen Sitzung zum Tod verurteilt. Das war nach der jüdischen Strafprozessordnung gar nicht zulässig. Denn 1. durfte nachts keine Gerichtsverhandlung stattfinden, und 2. durfte ein Todesurteil nicht am 1. Prozesstag gefällt werden. Johannes 18,31 behauptet zudem, die Juden hätten damals schon das Recht zur Blutgerichtsbarkeit nicht mehr gehabt (was für spätere Zeit nachgewiesen ist). Lukas 22,66‑23,1 dagegen stellt glaubwürdig dar, der Hohe Rat wäre erst nach Tagesanbruch zusammengetreten, hätte Jesus nur verhört, aber nicht verurteilt und Ihn Pilatus ausgeliefert mit konkreten politischen Anklagen.

Konfessionelle Spaltungen schon im Urchristentum

Die Apg. betont zwar immer wieder die Einigkeit in der Urgemeinde (1,14; 2,46; 4,24; 5,12), verhehlt aber auch nicht, dass es schon in den ersten Jahren Unstimmigkeiten und konfessionelle Unterschiede gab. Die Leistung der Urgemeinde war nicht ihre ständige Übereinstimmung und Einigkeit, sondern dass sie es geschafft hat, immer wieder zur Einheit zurückzufinden. Es kam eben zu keinem Bruch zwischen Hellenisten und Hebräern oder zwischen Heiden- und Judenchristen.

Von der Gefahr auseinanderzubrechen schreibt auch Paulus im 1. Korintherbrief. In Korinth waren Paulus, Apollos, Petrus und Christus selbst in Gefahr, zu Sektenoberhäupter hochstilisiert zu werden (1,10‑13; 3,1‑4). Paulus betont, dass Christus nicht zerspalten werden kann. Vgl. Eph. 4,3‑6.

Trotzdem scheint es eine Zeitlang gelungen zu sein, die Einheit der Kirche trotz verschiedener Strömungen aufrechtzuerhalten.


Sekten und Irrlehrer

Die urchristliche Einheit konnte nur da aufrechterhalten werden, wo man sich in der Hauptsache einig war. Schon die Apostelgeschichte deutet aber an, dass es nicht nur verschiedene anerkannte Konfessionen gab, sondern auch Strömungen, die man nicht anerkennen konnte:

Die Simonianer

Simon Magus, der Zauberer aus Samaria, hatte sich unter Philippus zum Christentum bekehrt (Apg. 8,9‑13). Gleich darauf gerät er mit Petrus aneinander, weil er das Recht zu konfirmieren für Geld kaufen will (V. 18‑24). Petrus weist das Ansinnen empört zurück, und Simon bittet um Vergebung. Lukas sagt nicht, dass ihm vergeben wurde.

Wahrscheinlich aus gutem Grund: Simon gilt später als Gründer einer gnostischen Sekte. Die Gnosis verkündigte einen Erlöser, der die Seelen der Auserwählten aus der Welt befreit und in den Himmel holt, aus dem er selbst kommt. Die Welt wurde von einem bösen Gott erschaffen, der das AT offenbart hat und im Gegensatz zum guten Gott steht, der den Erlöser geschickt hat. Der Erlöser wurde von den Mächtigen der bösen Welt umgebracht, litt aber nur scheinbar, denn in Wirklichkeit ging er vor seinem Leiden in den Himmel zurück. Seine Leistung bestand darin, den Auserwählten, die vom bösen Gott in der Welt gefangen gehalten werden, den Weg zum Himmel zurück zu ebnen. Er hat sie nicht wirklich erlöst, sondern ihnen die Augen geöffnet für ihre Herkunft aus dem Himmel und ihre Gefangenschaft in der bösen Welt ‑ daher der Name Gnosis 'Erkenntnis': Gedanken, die im Johannesevangelium anklingen, und mit denen sich auch Paulus auseinandersetzen muss.

Simon Magus gilt also als Begründer einer gnostischen Sekte. Wenn er sich nach Apg. 8,10 die "große Kraft Gottes" nennt, so wird damit im Sinne der Gnosis angedeutet, dass er sich für eine Art Inkarnation Gottes, also für den Erlöser hält (so wie für Johannes Jesus das fleischgewordene, inkarnierte Wort Gottes ist).

Lukas lässt zwar den Ausgang der Simon-Geschichte offen, aber wir können an ihr erkennen, wie Christentum und Gnosis dieselbe Wurzel haben: Die Gnosis ist ein falsch verstandenes Christentum, das später von der Kirche erbittert als Irrlehre bekämpft wird, so wie Simon das Christentum falsch verstanden hat und von Petrus bekämpft wird. Eine Einigung ist nicht möglich.

Schon Paulus bekämpft in Korinth (nach 50) gnostisches Gedankengut. Die Korinther halten sich für "geistlich" (I 13‑14); das kann man verstehen im christlichen Sinn als "mit dem heiligen Geist begabt", aber auch im gnostischen Sinn als "Auserwählte, die nicht in diese böse Welt gehören". Sie grenzen sich ab gegen die "natürlichen Menschen", die "vom Geist Gottes nichts vernehmen" (1 2,14), also die hoffnungslos Verlorenen. Sie bilden sich etwas ein auf ihre "Gnosis" (Erkenntnis, 1 8,1) und glauben, alles sei ihnen als den Auserwählten erlaubt (1 6,12; 10,23). Paulus geht auf diese Äußerungen ein und biegt sie zurecht.

Noch intensiver setzt sich Johannes mit der Gnosis auseinander. Im Evangelium betreibt er anscheinend die Taktik, gnostische Bilder für rechtgläubige Gedanken zu verwenden ‑ ein gefährliches Unternehmen, das aber gelingt: Christus ist der Mensch gewordene Erlöser, der vom Himmel kommt und von den Mächtigen der Welt nicht begriffen und ergriffen wird. Die ihn aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu werden. Schließlich haben ihn die Mächte der Finsternis doch noch umgebracht, aber er hat wirklich gelitten und ist wirklich und nicht bloß scheinbar gestorben. Und Gott hat ihn "erhöht" und zu sich in den Himmel geholt. Wer an Christus glaubt, dem verleiht er jetzt schon alle himmlischen Güter; der ist zwar noch in der Welt, aber nicht mehr von der Welt.

Die Johannesbriefe gehen zum offenen Angriff über: Wer nicht bekennt, dass Jesus wirklich Mensch geworden ist, ist nicht von Gott (1 4,2).

Die außerbiblische Überlieferung berichtet, Simon sei mit einer ehemaligen Prostituierten aus Tyros namens Helena herumgezogen, die er "seinen ersten Gedanken" nannte ‑ wohl im Sinn eines "Ausflusses des göttlichen Geists", einer Seele aus der oberen Lichtwelt, die in der Welt (im Bordell) gefangen gehalten und vom Erlöser befreit wurde.

Judenchristliche Irrlehrer

Grund für das Apostelkonzil waren nach Apg. 15,1 Judenchristen, die von den Heidenchristen forderten, sie müssten sich erst beschneiden lassen, sonst könnten sie nicht gerettet werden. Paulus bekämpft sie scharf im Galaterbrief und belegt sie Gal 1,8.9 mit einem Fluch: "Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht", d.h. aus der Gemeinde und vom Heil ausgeschlossen. Er dreht damit den Spieß um, den die Gegner nach Apg. 15,1 gebrauchten: Wer sich nicht beschneiden lässt, ist vom Heil ausgeschlossen.

Was mit dem "Verflucht" gemeint ist, beschreibt Paulus sehr anschaulich 1. Kor. 5,4: Ein Christ, der in blutschänderischer Weise mit der (2.) Frau seines Vaters zusammenlebt, soll aus der Gemeinde ausgeschlossen (V 2) und "dem Satan übergeben werden zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage des Herrn". Ähnlich 1. Tim. 1,20, wo zwei Abtrünnige dem Satan übergeben werden, damit sie nicht mehr lästern. Ihr Vergehen erfahren wir 2. Tim. 2,17.18: Sie behaupten, die Auferstehung der Toten sei schon (geistig) geschehen; man brauche also nicht mehr drauf zu warten (gnostische Irrlehre).

Das Apostelkonzil, d.h. Petrus, Johannes und der Herrenbruder, gibt Paulus Recht und verurteilen damit die Beschneidungsprediger als Irrlehrer. Dies wird zwar nicht ausdrücklich festgestellt, ergibt sich aber aus der Sache selbst: Wer dem einen Recht gibt, setzt automatisch den anderen ins Unrecht.

Spätere Konzilien haben sich nicht nur damit begnügt, die rechte Lehre festzustellen, sondern ausdrücklich die entgegen gesetzte Irrlehre mit dem Bannfluch belegt: "Wer anders lehrt, sei verflucht / verdammt."

Die Johannesjünger

In den Evangelien wird Johannes der Täufer als Vorläufer Jesu dargestellt, der mit dem Beginn der Wirksamkeit Jesu seine Pflicht getan hat und von der Bühne abtritt. Dies hing natürlich damit zusammen, dass Jesus zu der Zeit zu predigen anfing, als Johannes gefangen gesetzt wurde (Mt 4,12).

Das Johannesevangelium erweckt den Eindruck, als sei ein beträchtlicher Teil der Johannesjünger [2] zu Jesus übergelaufen. Dass Jesus mit Johannes in Verbindung stand, von ihm getauft wurde und seine Predigt weiterführte, bezeugen die Evangelien, und dass die Kirche die Taufe von Johannes übernahm, ist auch klar.

Trotzdem gingen die Anhänger des Täufers nicht einfach im frühen Christentum auf. Apg. 19,1‑7 lernt Paulus in Ephesus "Jünger", kennen, die nur mit der Johannestaufe, aber nicht auf den Namen Jesu getauft waren. Es waren 12 Mann, also gerade so viele, wie für einen Synagogengottesdienst notwendig sind. Bildeten sie eine eigene Täufergemeinde? Paulus macht sie zu Christen, indem er sie darüber aufklärt, dass Jesus der sei, den der Täufer angekündigt hatte, und noch mal tauft, u. zw. auf den Namen Jesu.

Das liest sich nicht so, als sei das ein einfacher "Konfessionswechsel", auch wenn Lukas der Meinung gewesen sein mag, Paulus habe nur das Versäumte, die richtige Taufe nachgeholt, ähnlich wie Petrus in Samaria die Konfirmation nachgeholt hatte. Was Paulus tatsächlich macht, ist eine ganz normale Missionierung: Er predigt den Täuferjüngern in ihrer Sprache die christliche Lehre, die Täuferjünger bekennen sich zu Jesus und werden getauft. Nur ein Konfessions‑ oder ein Religionswechsel?

Täufersekten hat es im Orient lange gegeben, u.a. die von einem gewissen Mani begründeten Manichäer im Irak, die viel christliches Gedankengut aufgegriffen haben, aber die Christen verteufelten. Alle diese Sekten waren zwar nicht die unmittelbare Fortsetzung des Werks von Johannes dem Täufer, aber doch Auswirkungen davon, wie auch die Kirche eine Auswirkung davon war. Man könnte auch die Kirche als eine Täufersekte bezeichnen.

War Jesus wirklich der Nachfolger von Johannes, oder nicht viel mehr ein Abtrünniger? Mt 11,1‑6; Lk 7,18‑23 zeigen, dass Johannes Jesus gegenüber Bedenken hatte. Die Antwort Jesu ist überliefert, nicht aber, was Johannes dazu gesagt hat.

 

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[1] Das Motiv der "falschen Zeugen", die den Märtyrer zu Tode bringen, hat literarische Vorbilder, siehe Nabot und Jesus; der Vorwurf, den man Stephanus machte, wird schon berechtigt gewesen sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 






 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Zu diesen Johannesjüngern gehörte auch der spätere Nachfolger des Paulus in Korinth, Apollos (Apg 18,24‑28).

 

 

 

 

 

 

 

 

 








 

 

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Datum: 1987 / 2007

Aktuell: 09.02.2019