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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Urchristentum

Die urchristliche Gemeinde

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Gütergemeinschaft

Mission

Kirchenzucht

 

Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

Nur aus Apg. 2,44.45; 4,33‑5,11 wissen wir von einer urchristlichen Gütergemeinschaft. Wir hören weder sonst etwas in der Apg davon, noch deuten andere Stellen im NT etwas darüber an. War das nur ein Versuch, der bald wieder aufgegeben wurde, oder hat Lukas seine Quelle falsch verstanden, so dass es gar keinen urchristlichen Kommunismus gegeben hätte?

  • Die zusammenfassenden Berichte über die Urgemeinde 2,42‑47; 4,32‑35 scheinen nicht aus Quellen zu stammen, sondern von Lukas selbst formuliert zu sein. Fragen wir, was Lukas als Quellen zur Verfügung gestanden hat:
    4,34.35 scheint eine Verallgemeinerung der folgenden Notiz 4,36.37 zu sein, wonach Barnabas den Erlös eines verkauften Ackers "den Aposteln zu Füßen gelegt" hätte. Da Barnabas aus Zypern stammt, dort vielleicht auch Grundbesitz hatte, den er bei seiner Übersiedlung nach Jerusalem verkauft haben könnte, kann es sich durchaus um einen Einzelfall und nicht um die Regel gehandelt haben.
    Nach V. 34 diente das Geld nicht dazu, die gemeinsame Kasse aufzufüllen, von der die Gemeindeglieder lebten, sondern um eine Art Nothilfefonds zu bilden, aus dem bedürftige Christen unterstützt wurden: also keine Gütergemeinschaft, sondern eine bis in die heutige Zeit übliche Maßnahme der Armenfürsorge.
    Von einer Gütergemeinschaft ist hier aber auch nicht die Rede; diese wird vielmehr 2,44 mit den Worten dargestellt "Sie hatten alle Dinge gemeinsam." Dies liest sich in der Tat so, als hätte es in der Urgemeinde so etwas wie eine Gütergemeinschaft gegeben, wo keiner mehr Privateigentum hatte und alle Einnahmen in die gemeinsame Kasse flossen.
    Dieser Eindruck wird aber sofort dadurch zerstört, dass Lukas in 2,45 mitteilt, die ersten Christen hätten "Güter und Habe verkauft und unter alle" je nach Bedarf verteilt. Das ist keine Gütergemeinschaft, wie sie später in den Klöstern gehandhabt wurde, sondern die Christen machten das, was Jesus vom reichen Jüngling gefordert hatte: "Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen." Nach der klassischen kommunistischen Theorie hätten die Christen die "Produktionsmittel" (Häuser und Grundstücke) nicht verkaufen dürfen, sondern ins Gemeineigentum überführen und von dem Erlös (Miete, Früchte, Pacht) leben müssen. Sie haben aber kein Gemeineigentum gebildet, sondern nur ihr Privateigentum zugunsten der Armen aufgegeben. Das ist keine "Gütergemeinschaft", sondern freiwillige Armut.

  • Als weitere Quelle stand Lukas die Geschichte von Hananias und Saphira zur Verfügung (Apg 5,1‑11). Diese ist aber kein Beispiel für die urchristliche Wirtschaftsweise, sondern für ein Strafwunder in Ausübung der Kirchenzucht.
    Wir können an dieser Geschichte trotzdem etwas über die Verfahrensweise beim Verkauf der Güter erkennen: Hananias war weder verpflichtet, den Acker zu verkaufen noch den gesamten Erlös abzugeben (V.4). Der Verkauf und die Spende waren also freiwillig; die Sünde bestand nur in dem Versuch, den heiligen Geist zu belügen mit der Angabe, das sei der gesamte Erlös.
    Was könnte Hananias bewogen haben zu lügen? Der Leistungsdruck, der durch das Beispiel anderer Spender wie Barnabas entstand? Das Bedürfnis, in der Gemeinde etwas zu gelten? Oder die Überlegung, durch die angebliche Aufgabe des ganzen Besitzes könne er sich einen Schatz im Himmel erwerben?

2,44 "Sie hatten alle Dinge gemeinsam" ist also eine sehr schmale Basis für die Annahme, in der Urgemeinde hätte es so etwas wie echte Gütergemeinschaft gegeben. Die von Lukas gesammelten Fakten sprechen eine andere Sprache.
Statt von einer Gütergemeinschaft berichtet uns die Apg von ganz anderen Dingen: Die ersten Christen stellten ihre Häuser für die Zusammenkünfte zur Verfügung; sie veranstalteten gemeinsame Mahlzeiten und unterstützten ihre Armen durch den Verkauf von Gütern.

Urchristliche Mission

Schon die Evangelien berichten, Jesus hätte die Jünger zwei und zwei auf Predigtreisen geschickt (Mt 10,5‑15; Mk 6,7‑13; Lk 9,1‑6). Lk berichtet sogar von der Aussendung eines größeren Kreises von 70 oder 72 (10,1‑12). Er schafft durch die beiden Aussendungen die Möglichkeit, beide Ihm bekannten Traditionen über die Aussendung zu verarbeiten, die aus Markus und die aus der Redequelle; Mt hat beide zu einem Stück zusammengearbeitet. Aber der Grund für die besondere Darstellungsweise des Lukas ist noch ein anderer: Ihm war bewusst, dass es nicht nur die Zwölf waren, die predigend und heilend im Land herumzogen. Die merkwürdige Zahl von 72 ist leicht zu erklären: 6 x 12 oder 60 + 12. Auch der Hohe Rat in Jerusalem hatte 72 Mitglieder. Wollte Jesus mit den 72 eine Art christlichen Hohen Rat schaffen?

Was wir aus der Apg. über urchristliche Mission erfahren, ist eigentlich immer nur, dass "Hauptamtliche" wie Philippus oder Paulus predigend im Land herumreisen. Diese "Hauptamtlichen" hat man ursprünglich wohl 'Apostel' genannt; Lukas, der der Apostelbegriff auf die Zwölf, Barnabas und Paulus einschränkt, nennt Philippus "Evangelist", ohne dass der diesen Ausdruck öfter verwendet.

Neben diesen Aposteln und Evangelisten wurde wohl ein erheblicher Teil der Missionsarbeit von der Gemeinde selbst geleistet, die zu ihren Versammlungen einlud und mit ihrer Armenfürsorge, ihren gemeinsamen Mahlzeiten und ihren Krankenheilungen sicher für viele Außenstehende attraktiv gewesen ist. Wir erfahren aber über diese Mission auf Nachbarschaftsbasis so gut wie gar nichts. Wir können höchstens an einigen Beispielen erkennen, dass diese Mission ohne Missionare tatsächlich funktioniert hat:

So wurden die Gemeinden in Damaskus und Antiochia anscheinend ohne Mitwirkung von Missionaren von vertriebenen hellenistischen Christen gegründet. Nach Apg. 9,32‑36 findet Petrus in Lydda und Joppe schon Christen vor. Nach Apg 18,24 wirkte in Ephesus ein Judenchrist aus Alexandria in Ägypten, der zwar "richtig" von Jesus predigte, aber die christliche Taufe nicht kannte. Er hatte das Christentum also nicht durch offizielle Mission, sondern auf irgendwelchen Schleichwegen kennengelernt, möglicherweise schon in seiner Heimat. Das Christentum war ebenso auf unbekannten Wegen nach Italien und Rom gekommen. Es gab Christen nicht nur in Rom, sondern auch in Puteoli (Apg. 28,14). Da in Apg 18,1‑3 nicht steht, dass Paulus seinen Arbeitgeber Aquila bekehrt hatte, müssen wir annehmen, dass der aus Rom Vertriebene schon Christ war, als Paulus zu ihm kam.

Mt 28,19.20 gibt eine Art Missionsprogramm an: "Macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie ... tauft und sie lehrt, alles zu halten, was Ich euch befohlen habe."

Objekt der "Mission" ('zu Jüngern machen') sind nicht einzelne, möglichst viele oder alle Menschen, sondern "alle Völker". Diese Formulierung hat alttestamentlich‑jüdische Hintergründe: Im AT kann ein Einzelner nicht am Heil teilhaben, sondern nur, wer zu dem "auserwählten Volk" gehört. Erwählt hat Gott also nicht einzelne Musterexemplare von Menschen, sondern ein "Volk" (hbr. ʕam, griech. laós, lat. populus, Luther "Volk"). Alle anderen Nationen (hbr. gôjîm, griech. éthnē, lat. gentes, Luther "Heiden") gehören nicht dazu und kennen den wahren Gott nicht, sie sind "Heiden". Das sind also nicht die 'Ungläubigen', sondern der Rest der Welt, der nicht zum auserwählten Volk gehört. Nachdem sich die Missionsarbeit vor Ostern nach Mt 10,5 auf Israel beschränkt hatte, soll sie jetzt auf "alle Völker", d.h. auf die nicht israelitische Menschheit ausgedehnt werden. Luther hätte an dieser Stelle also besser "alle Heiden" übersetzt.

Die Christianisierung besteht aus zwei Teilen: 1. Taufe und 2. Unterweisung, u.zw. im Sinne von Matthäus nicht Glaubenslehre, sondern Unterricht in christlicher Moral, wie sie im Matthäusevangelium verkündigt wird. Merkwürdigerweise nennt Matthäus die Unterweisung erst nach der Taufe, obwohl anscheinend schon im Urchristentum der Taufe immer ein Unterricht vorausging.

Paulus vergleicht 1. Kor 3,1.2 die Anfangsunterweisung mit der Milch, von der Säuglinge sich ernähren, die noch keine feste Nahrung vertragen, ähnlich Hbr. 5,12.13 und 1. Petr. 2,2.

Der Taufe voraus ging natürlich die Missionspredigt, von der uns die Apg ein paar klassische Beispiele liefert (13,16‑41 bei der Judenmission; 17,22‑31 bei der Heidenmission). Diejenigen, die durch die Missionspredigt neugierig geworden waren und sich für eine Taufe interessierten, hat man dann noch einmal längere Zeit als "Katechumenen" unterrichtet, bevor sie getauft wurden. Das erfahren wir Apostellehre 7,1 nicht nur formal, sondern im vorausgegangenen Abschnitt auch inhaltlich. In Apostellehre 191‑6,3 wird die christliche Lehre anschaulich dargestellt am Bild von den zwei Wegen, die zum Leben oder zum Tod führen. Es geht dabei im Wesentlichen um Verhaltensmaßregeln. Die christliche Lehre (1 Gott, Jesus Gottes Sohn usw.) wurde bereits in der Missionspredigt dargestellt und war daher jedem Interessenten bekannt.

Die Geschichte vom Kämmerer (Apg 8,26‑40) zeigt uns dagegen eine ganze andere Art von Taufunterricht: Philippus erklärt dem Sudanesen das AT und macht ihn dabei mit dem christlichen Glauben vertraut.

In einer späteren Überlieferung wird in V. 37 dem Kämmerer ein Taufbekenntnis in den Mund gelegt: "Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist." Das Taufbekenntnis scheint einer alten Gepflogenheit zu entsprechen, ist aber sonst in der Apg. nicht erwähnt, auch nicht in der Apostellehre

Die Neugetauften lernten natürlich auch nach der Taufe den christlichen Glauben noch besser verstehen und gingen so allmählich von der "Milch" zur "festen Nahrung" über.

Für 'missionieren' gebraucht Mt 28,19 das Wort "zu Jüngern machen" (von christlichen Schriftgelehrten Mt 13,52, Josef von Arimathäa 27,57; auch Apg 14,21 von der 1. Missionsreise; etwas anders formuliert Jh 4,1 neben "taufen"). Weitaus häufiger ist dagegen von "evangelisieren" die Rede (z.B. an der genannten Stelle Apg 14,21) oder von "predigen" (z.B. Apg 8,2 neben "evangelisieren" 8,1 von Philippus). Der Ausdruck "jemand bekehren" ist im NT unbekannt, dagegen ist oft davon die Rede, dass jemand "sich bekehrt" hätte (Apg 9,35; 11,21 u. ö.; "Bekehrung der Heiden" Apg 15,3). Ebenso wenig finden wir im NT Wörter wie "Mission", "missionieren": Denn lat missio bedeutet nicht "Bekehrungspredigt", sondern 'Sendung, Missionsauftrag'; das entsprechende Wort im NT bedeutet 'Apostelamt'; dagegen hat apóstolos die Grundbedeutung 'Missionar

Urchristliche Kirchenzucht

Mt 18,17 behandelt die Frage, wie man mit Gemeindegliedern verfahren soll, die gesündigt haben: Es soll zuerst versucht werden, die Sache privat in Ordnung zu bringen, also nach Mt 6,25.26; 1. Kor 6 nicht vor Gericht zu gehen. Dabei ist in Mt 18 im Unterschied zu den beiden anderen Stellen trotz der Formulierung "Sündigt dein Bruder an dir" wohl nicht an private Streitigkeiten gedacht, sondern daran dass der Mitchrist gegen irgendwelche Gebote verstoßen hat. Da soll zunächst ein seelsorgerliches Gespräch unter vier Augen geführt werden; wenn der Sünder kein Einsehen hat, nochmals ein Gespräch mit mehreren Zeugen; und wenn das auch nichts nützt, schließlich eine Verhandlung vor der Gemeindeversammlung. Diese hat als letztes Mittel die Möglichkeit, den Sünder "wie einen Heiden und Zöllner zu behandeln", also aus der Gemeinde auszuschließen.

Ein konkretes Beispiel für urchristliche Kirchenzucht finden wir in der Geschichte von Simon Magus (Apg 8,18‑24), wo Petrus den Zauberer scharf zurecht weist und ihn auffordert, Buße zu tun, damit ihm vergeben wird. Simon sagt daraufhin: "Bittet ihr den Herrn für mich, dass nichts von dem über mich komme, was ihr gesagt habt." Damit ist das Thema Simon für Lukas erledigt; wir erfahren nicht, wie Petrus reagiert hat, ob er die Reue gelten lässt und dem Simon vergibt oder nicht.

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Datum: 1987 / 2007

Aktuell: 09.02.2019