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Heinrich Tischner

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Das Urchristentum

Die urchristliche Gemeinde

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Namen der Christen

Entstehung in Jerusalem

Die urchristliche Gemeinde

Ämter::

Die Entwicklung in Jerusalem

Apostel und Evangelisten

Älteste und Bischof; Papsttum

Propheten und Lehrer

Diakone

Das Verbot des Ämterkaufs

 

 

Namen der Christen

Das Wort "Christ" (Kʰristianós) für den Anhänger der neuen Religion kam nach Apg. 11,26 in Antiochia auf. Lukas selbst verwendet diesen Ausdruck noch 26,28 im Munde des Königs Agrippa I1. und zeigt damit, dass es sich um eine Fremdbezeichnung handelt. Der Name kommt sonst nur noch 1. Ptr. 4,16 vor.

Paulus kennt ihn offenbar nicht, obwohl er sich doch in Antiochia auskannte. Er deutet aber in 1. Kor. 1,12 an, dass es in Korinth eine Partei gab, die weder zu Paulus noch zu Petrus noch zu Apollos, sondern einfach zu Christus gehören wollte. Hier haben wir einen Ansatz für den Christennamen als Selbstbezeichnung.

Paulus redet nicht von "Christen", sondern von "Brüdern" oder "Heiligen"; ferner gebraucht er die Wendung "in Christus", die an manchen Stellen etwa das ausdrückt, was wir als "christlich" bezeichnen würden.

Lukas dagegen übernimmt aus dem Evangelium das Wort "Jünger" und überträgt es in der Apg. auf die Christen, so deutlich 11,26: "In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt." Daneben gebraucht er natürlich auch den Ausdruck "Brüder" und "Heilige", allerdings auffallend selten.

Entstehung in Jerusalem

Wir haben oben schon gesehen, welche zentrale Bedeutung Jerusalem für das Kirchenverständnis von Lukas hat. Historisch richtig daran wird sein, dass die erste christliche Gemeinde (nicht nur ein Anhängerkreis des irdischen Jesus) in Jerusalem entstanden ist. Richtig ist weiterhin, wie wir von Paulus wissen, dass die Gemeinde von Antiochia und die von Paulus gegründeten Gemeinden die von Jerusalem als Mutterkirche anerkannt haben. Dennoch mag es auch Gemeinden gegeben haben, die sich nicht von Jerusalem abhängig fühlten, sondern ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Gründer hatten.

Die urchristliche Gemeinde

Ämter

Die Entwicklung in Jerusalem

Nach der Darstellung des Lukas hat Jesus zu Lebzeiten 12 seiner Jünger zu Aposteln berufen (Evg 6,13‑16), von denen Judas Iskariot nach Karfreitag ausgeschieden war. Die restlichen elf werden Apg. 1,13 noch einmal aufgeführt, außerdem hätten zur Urgemeinde die Frauen gehört, die die Passion miterlebt hatten, sowie Mutter und Brüder Jesu. 1,15 wird eine Zahl von ca. 120 Christen genannt. Aus ihnen wird, um die Zwölfzahl wieder aufzufüllen, Matthias nachgewählt, von dem man aber später nichts mehr hört.

Wenn in der Folge von den "Aposteln" die Rede ist, wird man im Sinne von Lukas immer an das Zwölfergremium denken müssen. Sie werden im fortlaufenden Text letztmals 11,1 erwähnt, wo es um die Rechtfertigung der Taufe des Kornelius durch Petrus geht. Später ist noch einmal im Zusammenhang des Apostelkonzils (15,2.22.23; 16,4) von ihnen die Rede, allerdings immer in Verbindung "Apostel und Älteste". Danach hört man nichts mehr von ihnen. Beim letzten Besuch des Paulus in Jerusalem werden nur noch die "Ältesten" erwähnt (21,18).

Aus den Paulusbriefen ist zu ergänzen, dass sich bereits beim 1. Besuch des Paulus in Jerusalem (um 37) dort nur noch Petrus befunden hätte, ferner der Herrenbruder Jakobus (Gal. 1,18.19); jedenfalls hätte er nur die beiden dort kennen gelernt. Es ist also anzunehmen, dass zu diesem Zeitpunkt die Zwölf schon nicht mehr dort waren.

Beim Apostelkonzil (Gal. 2,1‑10) sind nur Petrus, Johannes und der Herrenbruder vertreten, die Paulus aber nicht 'Apostel' nennt, sondern ihre Aufgabe umschreibt er mit "die das Ansehen hatten" (6) und "die als Säulen angesehen werden" (9). Demzufolge gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr den Titel "Apostel" für die Kirchenleitung in Jerusalem. Paulus spricht zwar in 8 vom Apostelamt, meint hier anscheinend aber kein lokales, sondern ein überregionales Amt.

Außerbiblische Quellen geben an, der Herrenbruder Jakobus sei der erste Bischof von Jerusalem gewesen und im Jahr 63 auf Veranlassung des Hohenpriesters gesteinigt worden.

Wir können also folgende Entwicklung der Gemeindeverfassung in Jerusalem erkennen:

  • 33:  Leitungsgremium der von Jesus eingesetzten Zwölf

  • 37:  Nur noch Petrus in Jerusalem, dazu Jakobus (Herrenbruder)

  • 50:  Petrus, Johannes, Jakobus als Apostel (Apg.) bzw. "Säulen" (Paulus), daneben "Älteste": Übergang  von der Apostel‑ zur Bischofsverfassung

  • um 60: Ältestenverfassung; Jakobus (+ 63) als Bischof (in der Bibel in dieser Funktion nicht erwähnt).

Neben den "hebräischen Zwölfen" gab es, wie oben gezeigt, die hellenistischen "Sieben", die aber bald aus Jerusalem vertrieben wurden.

Apostel und Evangelisten. Die Theorie des Lukas.

Es ist den Forschern immer wieder aufgefallen, dass Paulus und Lukas unter 'Aposteln' nicht dasselbe verstehen.

Lukas meint die 12 auserwählten Jünger Jesu, die in den ersten Jahren die Urgemeinde leiteten. Was später aus ihnen geworden ist, weiß Lukas nicht. Die Überlieferung berichtet, sie hätten sich nach dem Befehl Jesu auf Missionsreisen in alle Welt gemacht. Dem widerspricht, dass der Zebedäussohn Johannes und Petrus noch um 50 in Jerusalem sind ‑ extra angereist, oder weil sie dort wohnten?

Außer den Zwölfen nennt Lukas nur noch Barnabas und Paulus auf der 1. Missionsreise 'Apostel' (14,4.14) ‑ Überbleibsel eines älteren Sprachgebrauchs? Der Herrenbruder wird nicht ausdrücklich 'Apostel' genannt, müsste aber in Apg. 15 entweder zu den 'Aposteln' oder den 'Ältesten' gehören.

Paulus setzt sich in den Korintherbriefen und in Gal. mit judenchristlichen Missionaren auseinander, die sich auch Apostel nennen, ohne dass man den Eindruck hat, dass es sich um Mitglieder des Zwölferkreises handelt. In seinem Osterbericht 1. Kor 15,3‑9 macht er sogar einen Unterschied zwischen Petrus, den Zwölfen, Jakobus und "allen Aposteln". Ähnlich 1. Kor. 9,5 wo er Petrus, die anderen Apostel und die Brüder des Herrn unterscheidet. Hier sind also die Zwölf und die Apostel verschiedene Gruppen; Petrus scheint außerdem eine Sonderstellung einzunehmen, da er extra genannt ist. In Gal. 2,8 redet er dagegen von einem Apostelamt des Petrus unter den Juden.

Paulus scheint also mit diesem Titel etwas anderes zu meinen als Lukas. Was ist ein Apostel im Sinn von Paulus?

1. Kor. 12 beschäftigt sich Paulus mit den verschiedenen Diensten in der Gemeinde und zählt in V. 29 die Apostel, Propheten, Lehrer und Wundertäter auf. Die Aufgabe der drei letzten ist klar: Propheten reden im Namen des Auferstandenen und wissen wie Agabus (Apg. 11,28; 21,10.11) die Zukunft. Die Lehrer verstehen theologisch zu argumentieren wie Stephanus (Apg. 6,9.10; 7) und Apollos (Apg. 18,24.25). Die Wundertäter haben die Gabe zu heilen wie Petrus (Apg. 3) und Philippus (Apg. 8,6.7). Apostel scheinen wie die anderen in einer Ortsgemeinde, z.B. in Korinth, tätig zu sein, sind also keine Mitglieder der Kirchenleitung wie bei Lukas.

In 2. Kor. 10‑12 setzt sich Paulus scharf mit 'Aposteln' auseinander, die bei den Korinthern hoch im Kurs stehen und gegen die er nicht mithalten kann, die er darum als "Superapostel" bezeichnet (11,5). Sie glänzen mit ihrer Redegabe (11,6), weisen Empfehlungsschreiben auf (2. Kor, 3,1) und nehmen im Unterschied zu Paulus das Recht in Anspruch, sich von der Gemeinde aushalten zu lassen. Allem Anschein nach handelt es sich um wandernde Missionare, die von einer Gemeinde (Jerusalem?) ausgesandt wurden.

Da sich auch Paulus selber Apostel nennt und diesen Titel gegen die "Superapostel" verteidigt, stellt er sich doch wohl mit ihnen auf eine Stufe. Er gebraucht auch an zwei Stellen (2. Kor. 8,23; Phil. 2,25) das griechische Wort apóstolos im Sinn von 'Abgesandter' (so Luther), also in einem ganz anderen Sinn als Lukas.

Das Wort "Apostel" im Sprachgebrauch von Paulus bezeichnet also einen Abgesandten, der im Auftrag einer Gemeinde entweder neue Gemeinden gründet oder Aufträge ausrichtet. Die Bedeutung 'Missionar' ist die genaue lateinische Entsprechung:

  • griech. apostéllein = lat. mittere 'senden'

  • griech. apostolḗ = lat. missio 'Sendung'

  • griech. apóstolos = lat. missionarius 'Gesandter',

wobei die lateinische Bibel freilich den Begriff als Fremdwort (apostolus, apostolatus; aber: mittere) übernimmt.

Paulus selbst legt Wert darauf, dass er kein Apostel der Gemeinde von Antiochia, sondern ein "Apostel Jesu Christi" ist, wie er am Eingang seiner Briefe ausdrücklich betont, und dass er vor Damaskus von Christus persönlich zum Apostel berufen wurde (Gal. 1,15.16).

In der nachbiblischen "Apostellehre" (geschrieben um 100) werden die Wandermissionare noch Apostel genannt. Sie schreibt dazu (11,4‑6):

"Jeder Apostel, der zu euch kommt, soll jedoch nur einen Tag bleiben; wenn es nötig ist, auch einen zweiten! Wenn er aber drei Tage bleibt, ist er ein Lügenprophet. Geht der Apostel weiter, soll er nichts bekommen außer Brot, bis er übernachtet! Wenn er aber Geld nimmt, ist er ein Lügenprophet."

Anweisungen für solche Wanderprediger sind auch Mt 10,5‑15 überliefert. Die wandernden Apostel gab es also noch am Ende des 1. Jahrhunderts und scheinen zu einer rechten Plage für die Gemeinden geworden zu sein.

Diese Wandermissionare nennt Lukas nicht 'Apostel', sondern im Falle von Philippus (Apg. 21,8) 'Evangelisten'. Der Ausdruck kommt in der Apg. nur hier und in den als echt anerkannten Paulusbriefen gar nicht vor, nur noch Eph. 4,11; 2. Tim. 4,5. Die Philippusstelle erweckt den Eindruck, als habe Lukas nachträglich versucht, alles, was er über Philippus berichtet hat, auf einen Begriff zu bringen.

Dagegen bezeichnet er in Apg. 8,40 die Tätigkeit des Philippus als "evangelisieren" (griech. evangelízestʰai), neben 'predigen' (8,5 kērýssein). Er hat also keinen festgefügten Sprachgebrauch und hat anscheinend den Titel 'Evangelist' willkürlich verwendet, um Philippus zu charakterisieren. Aber er nennt ihn bezeichnenderweise nicht "Apostel"

Was hat es nun mit den Zwölfen auf sich, die Paulus von den Aposteln unterscheidet und Lukas mit ihnen gleichsetzt? Das Problem ist, dass wir über die meisten von Ihnen nicht viel wissen: Über Petrus und die Brüder Johannes und Jakobus berichtet die Apostelgeschichte; Judas hat sich aufgehängt; Matthäus = Levi soll das Evangelium geschrieben haben, und bei den übrigen besteht noch nicht mal Einigkeit über die Namen. Sie verschwinden mit der Einsetzung der Sieben (Apg. 6,2) aus der Apostelgeschichte; Paulus erwähnt sie 1. Kor. 15,5 nur im Zusammenhang mit Ostern. Nach außerbiblischer Überlieferung (wohl im Einklang mit Mt 10; 28) sollen sie als Missionare in die verschiedenen Länder gezogen sein.

Nach Lukas treten die Zwölf in Apg. 6 als eine Art Kirchenvorstand der Urgemeinde auf, und viele moderne Forscher vertreten die Ansicht, die Zwölf seien durch das Ostererlebnis in ihren Dienst berufen worden, also nicht von Jesus vor der Passion, wie es die Evangelien darstellen.

Dagegen gibt es einen schwerwiegenden Einwand: In allen Apostellisten der Evangelien (Mk 3,16‑19; Mt 10,2‑4; Lk 6,14‑16; Johannes hat keine Apostelliste, zählt aber Judas auch zu den Zwölfen: 6,71) gehört der Verräter Judas mit zu den Zwölfen; in Apg 1,13 fehlt er natürlich, wird aber auch dort als eigentlich zugehörig vorausgesetzt. Wie aber kann Judas, der Jesus nicht überlebte, zu den Zwölfen gehört haben, wenn die Zwölf erst vom Auferstandenen berufen wurden?

Das spricht also dafür, dass die Zwölf tatsächlich noch zu Lebzeiten Jesu eingesetzt wurden. Wozu, wird in den Apostellisten selbst nicht gesagt; vgl. aber Mt 10 (Aussendung als Wanderprediger). Lk 22,29.30 deutet es aber an:

"Ich will euch das Reich zueignen, wie mir's mein Vater zugeeignet hat, dass ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch in Meinem Reich und richten die zwölf Stämme Israels."

Und er begründet das damit, dass die Zwölf bei ihm "ausgeharrt hätten in seinen Anfechtungen" (V. 28); ähnlich Jh 6,66‑71: Die Zwölf als harter Kern, die Jesus auch in einer Krise treu geblieben sind, bei der sich viele von ihm abgewendet haben. Das muss noch vor Ostern gewesen sein, weil der spätere Verräter, wie Johannes ausdrücklich feststellt, zu den Treuen gehört hat.

Wir werden also die Aufgabe der Zwölf, wie sie Jesus gesehen hat, von der der Wanderapostel von Mt 10 unterscheiden müssen: Den Zwölfen werden Ministerposten im Reich Gottes in Aussicht gestellt. Vgl. das Ansinnen der Zebedäussöhne in Mk 10,35‑45. Jesus hat sie also als Repräsentanten eines neuen Israel berufen, daher die Zwölfzahl. Er wollte vielleicht keine Kirche gründen in dem Sinn, was später daraus geworden ist. Aber er wollte das Volk Israel reorganisieren und hat daher auch Ämter verteilt. Und wenn er die Zwölf auf Reisen schickt, dann nicht um zu missionieren, sondern um das Reich Gottes auszurufen, das Jesus errichten will. Die "Apostel" im Sinne Jesu sind keine Wanderprediger oder Missionare, sondern Herolde der neuen "Regierung", die den Machtwechsel in allen Dörfern und Städten Israels bekannt geben sollen.

Später ist natürlich alles ganz anders gekommen. Der Hohe Rat dachte nicht daran, wegen Jesus zurückzutreten, der römische Statthalter auch nicht; der Anspruch Jesu wurde nicht überall anerkannt, und so kam es zu einer Spaltung innerhalb Israels: Die einen lehnten Jesus ab und ließen alles beim Alten ‑ die anderen erkannten ihn an und schlossen sich zu einem neuen Israel zusammen, aus dem dann die Kirche hervorging.

Aus für uns nicht mehr erkennbaren Gründen haben die von Jesus eingesetzten Zwölf bald in der Urgemeinde ihre Bedeutung verloren, wurden abgelöst durch das Triumvirat von Petrus und den Zebedäussöhnen und diese wiederum vom Herrenbruder Jakobus, der der erste Bischof von Jerusalem gewesen sein soll.

Älteste und Bischof; Papsttum

Im Bericht über die erste Kollekte, die Antiochia durch Barnabas und Saulus nach Jerusalem schickt, werden erstmals Älteste (griech. presbýteroi) erwähnt, denen die Kollekte ausgehändigt wird (Apg. 11,29). Älteste werden bei der Visitationsreise am Ende der 1. Missionsreise von Barnabas und Paulus auch in den kleinasiatischen Gemeinden eingesetzt (14,23), was im Sinne von Lukas dann wohl grundsätzlich für alle von Paulus gegründeten Gemeinden gelten soll.

Paulus selbst erwähnt in den als echt anerkannten Briefen nichts davon, dagegen 1. Tim. 5,17.19; Tit. 1,5. Die Ältesten als Gemeindeleiter scheinen also eine verhältnismäßig junge Einrichtung zu sein.

In 1. Thess. 16,12 (dem ältesten Paulusbrief) erwähnt Paulus eine Gruppe von Christen, die "an euch arbeiten und euch vorstehen in dem Herrn und euch ermahnen", also eine Art Kirchenvorstand. Wie aus Apg. 17,10 hervorgeht, mussten Paulus und Silas nach kurzem Aufenthalt übereilt aus Thessalonich aufbrechen, hatten also sicher keine Gelegenheit, ordnungsmäßig einen Kirchenvorstand einzusetzen. Offenbar hat sich ein Leitungsgremium aus engagierten Leuten von selbst gebildet; ähnlich auch in Korinth (1. Kor. 16,15‑18). In Korinth hat man einerseits den Eindruck, als handle es sich um keine obrigkeitliche Kirchenleitung, sondern um den Mitarbeiterkreis der Gemeinde. Andrerseits behält sich Paulus, wie aus den beiden Briefen hervorgeht, auch in Abwesenheit das Recht vor, Gemeindeangelegenheiten zu regeln. Er versteht sich also nicht nur als Gründer der Gemeinde, der dann weiterreist und die Gemeinde sich selbst überlässt, sondern als eine Art kirchenleitendes Organ mit Weisungsbefugnis.

Lukas berichtet Apg. 20,17‑38 von einem kurzen Aufenthalt des Paulus in Milet; dorthin habe er die Ältesten von Ephesus bestellt, um von ihnen Abschied zu nehmen. In seiner Abschiedsrede ermahnt er sie (28):

"So habt nun acht auf die ganze Herde, in der euch der heilige Geist eingesetzt hat zu (griech. epískopoi), zu weiden die Gemeinde Gottes..."

Die Angeredeten tragen also die Amtsbezeichnung 'Älteste', Paulus vergleicht ihren Dienst mit dem von Hirten, spricht aber nicht von 'Hirten', sondern von epískopoi (eine ähnliche Zusammenstellung 1. Petr. 2,25).

Epískopos war ein Beamtentitel der damaligen Zeit ('Aufseher, Inspektor'), ist aber hier nicht als Titel, sondern als Funktion verstanden; der eigentliche Titel der Kirchenvorsteher lautet nach Lukas "Älteste".

Paulus selbst, der den Titel "Älteste" nicht verwendet, redet in Phil. 1,1 die Christen ("Heiligen in Christus Jesus") samt ihren "Inspektoren" (epískopoi) und Diakonen an. Hier wird der Beamtentitel also offenbar für den Kirchenvorstand gebraucht, den Lukas "Älteste" nennt: also im Grunde zwei verschiedene Bezeichnungen für dasselbe Amt:

  • jüdisch 'Älteste' (presbýteroi) =

  • hellenistisch 'Inspektoren, (epískopoi).

Wie die Mehrzahl beider Titel zeigt, hat es sich um ein Kollegium gehandelt, ähnlich unserem Kirchenvorstand, für den in einigen Landeskirchen ja auch ein anderer Name (Presbyterium) gebräuchlich ist.

In den wohl von einem Paulusschüler stammenden 1. Tim 3,1‑3; Tit 1,5‑9 ist ausführlich vom Inspektorenamt die Rede: Das Amt kann nur bekommen, wer einen guten Ruf hat und nicht gerade erst getauft worden ist. Es wird bei ihm als selbstverständlich vorausgesetzt, dass er verheiratet ist, allerdings muss es auch in Ehe und Familie stimmen. Seine Aufgabe ist nach 1. Tim. 3,2; Tit 1,9 die Lehre, d.h. die Predigt, die in Schriftauslegung und Ermahnung besteht; nach Tit. 1,9 die Seelsorge und Kirchenzucht und nach 1. Tim 1,5 die Gemeindeleitung. Das Wort "Inspektor" ist zwar in der Einzahl gebraucht; aber aus Tit. 1 geht hervor, dass "Älteste" (Mehrzahl, V.5) und "Inspektor" (Einzahl, V. 7) ein und dasselbe sind, jedoch zu unterscheiden von den 1. Tim. 1,8‑13 genannten Diakonen.

Diese Stellen beweisen also nicht, dass mit "Inspektor" ein einzelner Gemeindeleiter gemeint wäre. Wenn der Verfasser den Titel in der Einzahl gebraucht, dann deswegen, weil hier von den Anforderungen die Rede ist, die man "an einen Kirchenvorsteher" zu stellen hat. Auch wenn es mehrere Kirchenvorsteher gibt, so muss man jeden einzelnen Kandidaten prüfen, und jeder Kandidat kann auch nur eins der verschiedenen Kirchenvorsteherämter bekleiden, also nicht mehrere zugleich. Die Einzahl hat also stilistische, keine sachlichen Gründe.

Dennoch gibt es Hinweise, dass es in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts schon so etwas wie einen einzelnen Gemeindeleiter gegeben hat, also eine Art Pfarrer, dem eine Mehrzahl von Kirchenvorstehern zur Seite stand:

  • Apg. 21,18 wird Jakobus (ohne Titel) als einzelner neben den Ältesten von Jerusalem genannt; dies entspricht der Überlieferung, dass der wenige Jahre später hingerichtete Herrenbruder der erste "Bischof" von Jerusalem gewesen se1.

  • Der Verfasser von 1. und 2. Joh. stellt sich vor als "der Älteste". Das liest sich so, als handle es sich um ein "monarchisches", kein kollegiales Amt. Der Verfasser war unter diesem Titel, nicht unter seinem Namen den Adressaten bekannt. Das ist ungefähr so, wenn sich heute jemand vorstellt mit "der Pfarrer".

  • Der Verfasser der Offenbarung nennt sich schlicht Johannes (ohne Titel); er schreibt an die sieben Gemeinden in Asien und ihre "Engel", d.h. doch wohl an ihre Gemeindeleiter bzw. an deren himmlischen Repräsentanten. Der Titel "Engel" ist aber nicht eindeutig und beweist nichts für ein monarchisches Amt in den asiatischen Gemeinden.

Noch in der "Apostellehre" (um 100) ist von einer Mehrzahl von "Inspektoren und Diakonen" die Rede (15,1):

"Wählt euch nun Inspektoren und Diakone, würdig des Herrn, sanftmütig, nicht geldgierig, aufrichtig und bewährt! Sie leisten euch nämlich ebenfalls den Dienst von Propheten und Lehrern."

Hier wird deutlich, dass es sich um Wahlämter handelt. Da im Unterschied zu den Propheten und Lehrern nichts von einer Bezahlung gesagt ist, nimmt man an, dass es Ehrenämter waren, deren Inhaber mit anderen Berufen ihr Geld verdienten. Die Warnung vor Geldgier macht deutlich, dass die Kirchenvorsteher offenbar mit Kollektengeldern zu tun hatten und dementsprechenden Versuchungen ausgesetzt waren. Wenn sie in ihrer Arbeit den Propheten und Lehrern gleich gestellt werden, so ist einerseits zu erkennen, dass ihr Ansehen nicht besonders hoch war, und dass sie andrerseits auch gottesdienstliche Aufgaben (Predigt) wahrnehmen konnten, wenn keine Propheten und Lehrer da waren. Das Inspektorenamt in der Apostellehre ähnelt also eher dem unserer Kirchenvorsteher als dem eines Pfarrers.

Seit dem 2. Jahrhundert ist nun eine tief greifende Wandlung in der Struktur der Kirche festzustellen, die in den späteren Teilen des NT schon angedeutet wird:

  • Aus dem kirchenvorsteher‑ähnlichen Amt der Inspektoren (epískopoi) wird das des pfarrerähnlichen alleinigen Gemeindeleiters (Bischof, das Wort ist abgeleitet von lat episcopus).

  • Aus dem ursprünglich gleichwertigen Titel "Ältester" (presbýteros) wird das dem Bischof untergeordnete Amt des Priesters (das Wort ist abgeleitet von lat. presbyter).

Die relativ junge Apostellehre macht einen altertümlichen Eindruck: Es ist in ihr noch von wandernden Aposteln die Rede, von einem kollegialen, nebenberuflichen, wählbaren Inspektorenamt und schließlich findet sich in ihr keine Andeutung, dass Gottesdienst und Sakramente ausschließlich Sache besonderer Amtsträger se1.

Die ältere Apostelgeschichte ist da viel moderner: Sie kennt keine Wanderprediger mehr, die sich "Apostel" nennen; die Ältesten werden nicht gewählt, sondern eingesetzt, und schließlich ist der Vollzug kirchlicher Handlungen bereits an kirchliche Amtsträger gebunden: Wie wir gesehen haben, kann Philippus zwar taufen, aber nicht "konfirmieren"; das bleibt den Aposteln vorbehalten. Das Recht zu konfirmieren könnte käuflich sein, wie Simon Magus meint; dies wird aber abgelehnt.

Wir haben in der Apg. also die spätere Entwicklung schon vorgebildet: an die Stelle der Apostel treten später die Bischöfe, an die des "Evangelisten" die Priester.

Die spätere Entwicklung der Großkirche brachte es mit sich, dass die Bischöfe nicht nur Leiter einer kleinen Ortsgemeinde, sondern Oberhaupt einer großen Stadtgemeinde wurden (bzw. im ursprünglich städtearmen Deutschland: Leiter eines ganzen Kirchenbezirks). Dementsprechend wurde das Presbyteramt aufgewertet vom dem eines Kirchenvorsteher zu dem eines Pfarrers, d.h. des Leiters einer Ortsgemeinde oder eines Gemeindebezirks.

  • In der heutigen katholischen Kirche unterscheidet man zwischen:

    • Pfarrer = Gemeindeleiter

    • Priester = Geistlicher, der die Sakramente verwalten darf

    • Bischof: hat das Recht zu firmen (konfirmieren) und Priester zu weihen.

In der evg. Kirche gibt es den Priestertitel nicht. Aber de facto hat nur der Pfarrer das Recht zur Sakramentsverwaltung und zur Konfirmation. 'Pfarrer' ist also in der kath. Kirche der tatsächliche Gemeindeleiter (kann auch ein Diakon sein), in der evg. Kirche ein Titel, der dem kath. 'Priester' entspricht, und den auch Geistliche tragen, die nicht im Gemeindedienst, sondern z.B. im Schuldienst stehen.

In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gibt es auch keinen Bischofstitel wie in anderen evangelischen Landeskirchen. Das Bischofsamt (Einsetzung der Pfarrer und Aufsicht über sie) wird kollegial von den Pröpsten im Leitenden Geistlichen Amt wahrgenommen. Dem evg. Landesbischof und dem kath. Bischof entspricht in der EKHN also nicht der Kirchenpräsident, sondern der Propst. Der Kirchenpräsident ist "nur" der Präsident der Landeskirche.

Nach der Apostellehre können die Inspektoren und Diakone notfalls auch die Aufgabe von Propheten und Lehrern wahrnehmen. Die zu diesem Zeitpunkt noch nicht festliegende Glaubenslehre (Dogma) wird also von den (hauptamtlichen) Propheten und Lehrern, notfalls von den nebenberuflichen Inspektoren und Diakonen gehütet. Sie können aber nicht einfach predigen, was sie wollen, sondern die Gemeinde hat das Recht und die Pflicht, sie zu prüfen (l. Thess. 5,21; 1. Kor. 14,29; 1. Joh 4,1; so auch noch die Apostellehre). Das "Lehramt" (besser. das Recht zu prüfen und zu beurteilen) liegt also im NT und in der Apostellehre eindeutig in der Hand der Gemeinde.

Das hat sich im 2. Jahrhundert ebenfalls geändert. Schuld daran war nicht die immer stärkere Veramtlichung der Kirche, sondern die mit großer Härte geführte Auseinandersetzung um die rechte Lehre. Hier war ein Zeitpunkt gekommen, wo die theologisch weniger gebildeten Gemeindeglieder einfach überfordert waren. Schon in den Korintherbriefen klagt Paulus darüber, wie leicht die Gemeinde mit gewandtem Auftreten, rhetorischen Mätzchen und tiefsinnig klingenden Lehren zu beeindrucken war.

Die Auseinandersetzung um die rechte Lehre wurde also mehr und mehr Sache der studierten Hauptamtlichen und schließlich die des Bischofs. Der war seinerseits an die überkommene Tradition und an das gebunden, was sich nach und nach als NT herauskristallisierte. Wobei zu bedenken ist, dass ein Bischof, gemessen an der Zahl seiner "Schäfchen" und an der Größe seines Sprengels, etwa das war, was heute ein Gemeindepfarrer oder Stadtdekan ist.

Bei ganz schwierigen Fragen traten die Bischöfe von Zeit zu Zeit zu Bischofsversammlungen (griech. Synoden, lat. Konzilien) zusammen, teilweise mehr auf regionaler Ebene, teilweise auf Ebene der Ökumene, d.h. der ganzen Welt. Der Sprachgebrauch hat sich so entwickelt, dass "Synode" die regionale und "Konzil" die weltweite Konferenz bezeichnet.

Bereits in der Apostelgeschichte ist zu erkennen, dass die wachsende Kirche eine Struktur hatte: Da gab es die Urgemeinde in Jerusalem, die Muttergemeinde von Judäa und Samaria wurde, und der sich auch Antiochia verpflichtet wusste. Antiochia wiederum wurde zur Muttergemeinde der kleinasiatischen Kirchen usw.

Bald waren also die Bischöfe der orientalischen Zentren Jerusalem, Antiochia, Alexandria (in Ägypten) und später Konstantinopel nicht nur die "Stadtpfarrer" der jeweiligen Städte, sondern auch die kirchlichen Oberhäupter ganzer Regionen. Sie nannten sich dann "Patriarchen" (Oberväter). Ihnen gleichgestellt war der Bischof von Rom, der sich aber nicht "Patriarch´", sondern papa, 'Papst' (Vater) nannte. Die kirchlichen Provinzen wurden schließlich so aufgeteilt, dass der Patriarch von Jerusalem über die Christen in Palästina, der von Antiochia über die im übrigen Orient, der von Alexandria über die nordostafrikanischen, der von Konstantinopel über die oströmischen und der von Rom über die weströmischen regierte.

Der Papst war also unbestrittenes kirchliches Oberhaupt immer nur über Italien, Spanien und die nordwestafrikanischen Provinzen. Die Goten haben ihn nie anerkannt, die Iren nur zögernd; die Franken hatten eine eigenständige Kirche, und erst die Angelsachsen und Karolinger unterstellten ihre Kirchen dem Papst.

Dennoch haben die fränkischen und später deutschen Könige lange dem Papst das Recht streitig gemacht, die Bischöfe einzusetzen. Der Streit zog sich zum Jahr 1122 (Wormser Konkordat).

Die Päpste wurden von den östlichen Patriarchen immer als gleichgestellte Kollegen angesehen. 1054 kam es schließlich zu einer Kirchenspaltung in eine römisch-katholische Kirche und in verschiedene griechisch katholische, jetzt orthodox genannten Kirchen im Osten. Die Kirchenspaltung hat aber nicht nur kirchenpolitische Gründe; die griechischen Christen im Osten und die lateinischen im Westen hatten sich schon Jahrhunderte vorher auseinander gelebt und geglaubt.

Propheten und Lehrer

1. Kor. 12,28 zählt Paulus verschiedene Gemeindeämter auf: Apostel (= Missionare), Propheten, Lehrer und Wundertäter. Das sind nun im Unterschied zu den oben genannten Inspektoren und Ältesten keine Ämter, in die man gewählt werden kann, sondern sie erfordern besondere Begabungen. Paulus nennt die dazugehörigen Fähigkeiten "Gaben (griech kʰarísmata, Einzahl kʰárisma) des Geistes". Die besonderen Fähigkeiten einzelner Christen sind also nicht angeborene "Naturtalente", sondern Geschenke, die den Betreffenden vom heiligen Geist durch die Taufe zuteil wurden.[1]

Einen vom Geist mit besonderen Fähigkeiten ausgestatteten Menschen nennt man einen "Charismatiker" (von kʰárisma 'Begabung'), also einen 'Begabten', oder einen Pneumatiker (von griech pneûma 'Geist'), also einen 'Geistlichen'. "Begabte" und "geistliche" Menschen sollten also nach Meinung des NT alle Christen sein, wobei zu bedenken ist, dass Paulus in 1 Kor. 13 die Liebe als höchste Geistesgabe bewertet).

Es hat sich aber im kirchlichen Sprachgebrauch herausgebildet, dass man mit "Geistlichen" keine geistlichen Asse oder Talente bezeichnet, sondern kirchliche Amtsträger, die ihre Fähigkeiten durch Ausbildung und ihre Befähigung durch kirchliche Beauftragung erwerben (evg.: Ordination, kath.: Weihe).

Der Übergang vom Geist zum Amt findet schon in neutestamentlicher Zeit statt, wie wir gesehen haben: Nach der Apg. setzen Paulus und Barnabas Älteste ein (während sich in Korinth noch begabte Gemeindeglieder in Führungspositionen hochgearbeitet haben). Nach der Apostellehre können gewählte Amtsträger bei Bedarf begabte Propheten und Lehrer im Gottesdienst vertreten.

In 1. Kor. 14 setzt sich Paulus mit zwei von den Korinthern hochgeschätzten Begabungen auseinander, mit dem verzückten "Zungenreden", das keiner versteht, und mit dem ebenfalls verzückten prophetischen Reden in klar formulierten Worten, die auch zufällig anwesende Nichtchristen verstehen. In diesem Kapitel gibt uns Paulus auch einen Einblick in die urchristlichen Gottesdienste, bei denen es keine vorgeschriebene Ordnung, sondern viel Raum für freie Entfaltung gab, u. zw. so viel Freiheit, dass es in solchen Zusammenkünften recht chaotisch zugegangen sein muss, jeder redete und keiner zuhörte, und Paulus mahnen muss: "Gott ist nicht ein Geist der Unordnung, sondern des Friedens" (V. 33).

Da gab es Zungenredner, die es plötzlich überkam, Gott lautstark mit einem unverständlichen Blabla zu loben. Da gab es Propheten, die es plötzlich überkam, zur gleichen Zeit wie die Zungenredner ihre Weissagungen an den Mann zu bringen. Da gab es schließlich noch ein paar kluge Lehrer, die ihre Weisheiten auch nicht für sich behalten wollten. Andere entdeckten ihre musischen Fähigkeiten und versuchten im allgemeinen Tohuwabohu einen selbstverfassten Psalm zu singen. Paulus: "So geht's nicht, immer einer nach dem andern."

Der einzige Vorteil der korinthischen Unordnung ist, dass wir auf diese Weise etwas über die Tätigkeit der Propheten und Lehrer erfahren:

Die Propheten scheinen normalerweise nicht die Zukunft vorausgesagt, sondern seelsorgerlich gewirkt zu haben: Sie hatten einen Blick für das, was in den Menschen vorging, sie sahen hinter die Fassade und deckten die innere Armseligkeit und Bosheit auf (V. 24.25).

Auf prophetische Eingebung wird in Apg. 13,1‑3 die Aussendung von Barnabas und Saulus als Missionare zurückgeführt. An diesem Abschnitt können wir nicht nur erkennen, dass urchristliche Propheten an wichtigen Entscheidungen beteiligt waren, sondern auch, dass die ersten Christen den Empfang prophetischer Offenbarung nicht dem Zufall überließen, sondern sich mit Fasten und Beten darauf vorbereitet haben.

Die Propheten scheinen aber auch Glaubenslehren verkündigt zu haben, deren Erkenntnis sie aber nicht auf ihre theologische Bildung, sondern auf Offenbarung zurückführten, d.h. durch plötzliche Inspiration (l. Kor. 14,30). Davon konnten die anderen lernen, aber sie hatten auch die Pflicht, kritisch zuzuhören und nicht bedenkenlos alles zu glauben (V.29). Vieles von dem, was heute als christliche Lehre gilt, dürfte auf die Wirksamkeit dieser Propheten zurückzuführen sein. Vieles von dem, was später in christlichen Sekten als der Weisheit letzter Schluss angepriesen wurde, fiel nicht durch die Verbohrtheit verkalkter Bischöfe und den Unverstand geistlich unbeweglicher Synoden unter den kirchlichen Tisch, sondern wurde schon früh von wachen und kritischen Gemeindegliedern als unsinniger Aberglaube abgelehnt und gar nicht lange diskutiert. Auch die Fähigkeit, Geister zu unterscheiden, ist für Paulus eine Gabe des Geistes (1. Kor. 12,10).

Paulus traut übrigens den Propheten im Unterschied zu den Zungenrednern zu, dass sie ihren Rededrang beherrschen können, bis sie an der Reihe sind (1. Kor. 14,32).

Die Lehrer schöpften ihre Weisheit nicht aus prophetischen Offenbarungen, sondern aus der Bibel und ihren theologischen Kenntnissen. Ein Musterbeispiel dafür ist z.B. die schriftgelehrte Predigt des Stephanus Apg. 7. Ein weiteres Beispiel ist Paulus selbst, der bei Gamaliel Theologie studiert hatte und mit allen Wassern rabbinischer Auslegekunst gewaschen ist. Seine Zuhörer vermissten aber bei ihm den rhetorischen Schwung (2. Kor. 12,6); seine mitunter überlangen Predigten müssen teilweise recht trocken gewesen sein; wer kann es dem Eutyches in Troas verargen, wenn er gegen Mitternacht während der Predigt eingeschlafen ist? (Apg. 20,9). Seine Erfolge und seine Anfeindungen verdankte Paulus nicht seiner Gelehrsamkeit oder seiner mitreißenden Predigt, sondern seinen revolutionären Gedanken und seinem zähen Festhalten daran.

Diakone

Nach Apg. 6 wurden schon früh eigene "Sozialarbeiter" eingesetzt. Wenn auch Lukas das Wort "Diakon" nicht verwendet ‑ er hält sich auch sonst im Gebrauch von Amtsbezeichnungen zurück, so ist doch der "Dienst an den Tischen", der den Sieben aufgetragen wird, doch eindeutig eine diakonische Aufgabe.

Anlass für die Einsetzung der Sieben war ein Problem, das Lukas aber mehr andeutet als ausführt: Beim täglichen Dienst (griech. diakonía) wurden die hellenistischen Witwen übersehen (V.1). Nach V. 2 wird dieser Dienst genauer als "Dienen (diakoneîn) an den Tischen" erläutert. Was damit gemeint war, kannten die ersten Leser der Apg. vermutlich noch aus eigener Anschauung; wir müssen es uns heute mühsam zusammenreimen:

Nach Apg. 2,46 hielten die Christen (anscheinend täglich) gemeinsame Mahlzeiten in den Häusern, bei denen sie (liturgisch) das (Abendmahls‑) "Brot brachen und die Speise mit Freude und Herzenseinfalt zu sich nahmen". Kurz vorher wird erwähnt, dass sie Hab und Gut, also wohl auch Lebensmittel, miteinander teilten. Dies scheint zunächst spontan und ungeplant geschehen zu sein.

Inzwischen war aber die Christengemeinde auf über 5000 Männer angewachsen (Apg. 4,4). Da mussten die gemeinsamen Mahlzeiten schon organisiert werden, wenn alles reibungslos funktionieren sollte. Nach 4,35 verteilten die Christen ihre Habe nicht unter der Hand, sondern sie legten sie "den Aposteln zu Füßen", die dann dafür sorgten, dass jeder bekam, was er nötig hatte. Die Apostel hatten also eine Kollektenkasse eingerichtet, aus der die Armen unterstützt und vielleicht auch das gemeinsame Abendessen bestritten wurden.

6,1 wird nun berichtet, dass die hellenistischen Witwen "übersehen wurden"; d.h. sie erhielten aus Unkenntnis der Verhältnisse nicht die übliche Unterstützung, bekamen kein Essen ins Haus oder wurden über Zeit und Ort der jeweiligen Mahlzeiten nicht informiert. Die "Hebräer", d.h. die Einheimischen, kannten sich in den einheimischen Verhältnissen aus, wussten aber nicht über die Bedürfnisse der zugezogenen Hellenisten Bescheid. Diese waren durch Überalterung und fehlende Großfamilie am Ort ohnehin benachteiligt, die "Apostel" dagegen durch ihre Doppelfunktion als Prediger und Diakone überfordert. So schuf man zu ihrer Entlastung und zur besseren Versorgung der Hellenisten den Siebenerkreis ‑ nach Darstellung von Lukas.

Mit Ausnahme der antiochenischen Kollektenaktion "Brot für Judäa" (Apg. 11,29.30) erwähnt Lukas nichts von diakonischen Aktivitäten. Die Kollekte ist, wie auch Paulus in den Korintherbriefen schreibt, nicht Sache von Diakonen, sondern der Apostel.

Dagegen erfahren wir Apg. 9,36‑42 von Tabita aus Joppe, die viel für die Armen getan hatte (mit dem Fachausdruck "gute Werke und Barmherzigkeit" bezeichnet). Sie spendete kein Geld, sondern machte Kleider für die Witwen. Sie setzte also nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihre Arbeitskraft ein, um den Armen zu helfen. Ein Titel für ihre Tätigkeit hat Lukas nicht; was sie tat waren "gute Werke und Barmherzigkeit". Das Wort "dienen" oder "Dienst" fällt in diesem Zusammenhang nicht. Lukas würde sich wundern, wenn wir Tabita "Diakonisse" nennen würden.

Bei Paulus hören wir etwas Genaueres über die gemeinsamen Mahlzeiten. Wieder sind es keine idealen Verhältnisse, sondern Unsitten in Korinth, die uns einen Einblick in selbstverständliche Gebräuche geben:

1. Kor. 11,17‑22 kritisiert Paulus, dass beim gemeinsamen Abendessen jeder kommt, wie er Zeit hat, sein Vesper auspackt und selber isst, was er mitgebracht hat. Am Ende ist der eine, dem's besser geht, übersättigt, der andere hungrig, weil er nichts mitbringen konnte. Außerdem hat man anscheinend auch nicht aufeinander gewartet, so dass für diejenigen, die nicht früher kommen konnten, z.B. Sklaven, die noch Dienst hatten, am Ende nichts mehr übrig ist. Die Bessergestellten aber, die sich leisten können, früher da zu sein, sind satt geworden. Das, sagt Paulus, ist nicht Sinn eines gemeinsamen Mahls. Da wäre es besser, wenn jeder daheim isst. Das liest sich fast so, als habe man grundsätzlich die einzige Mahlzeit am Tag gemeinsam eingenommen und gar nicht mehr daheim gegessen. Der ursprüngliche Sinn, dass die mitgebrachten Lebensmittel erst in den großen Topf kommen und dann an alle verteilt werden, wäre aber verloren gegangen. Paulus kritisiert nicht das gemeinsame Essen an sich, auch nicht die Verbindung mit dem Abendmahl, sondern die Unsitten, die dabei eingerissen sind.

Das Wort "Diakon" (griech diákonos), das Lukas überhaupt nicht verwendet, hat bei Paulus verschiedene Bedeutung, ist also kein Fachausdruck für ein Gemeindeamt:

  • Bedeutung 'Diener' (lat. minister): Die Apostel als Diener der Gemeinde (Kol. 1,25), des neuen Bundes (2. Kor. 3,6), des Evangeliums (Eph. 3,7), Gottes (2. Kor. 6,4) und Christi (2. Kor. 11,23); Christus als Diener der Beschneidung (Röm 15,8), aber kein Diener der Sünde (Gal. 2,17); der Staat als Gottes Diener (Röm 13,4); allgemein von Paulus und Apollos (l. Kor. 3,5), Tychikus (Eph. 6,21; Kol. 4,7), Epaphras (Kol. 1,7), Timotheus (l. Thess. 3,2). Man könnte das Wort in den letztgenannten Fällen auch mit 'Mitarbeiter' übersetzen; so wird in manchen Handschriften Timotheus in 1. Thess. 3,2 genannt; vgl. auch 1. Kor. 3,9: Paulus und Apollos als Mitarbeiter Gottes.

  • Spezialbedeutung 'Kellner' in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana (Joh. 2,25.9).

  • Bedeutung 'Diakon' (lat. diacon, diaconus): Den Übergang von der allgemeinen zur speziellen Bedeutung 'Bediensteter einer Gemeinde' finden wir in Röm. 16,1, wo Phöbe, die Überbringerin des Römerbriefs, als "Diakon der Gemeinde in Kenchreä" vorgestellt wird. Bereits in Phil. 1,1 werden "Diakone" als Gemeindebedienstete neben den Inspektoren genannt; vgl. auch 1. Tim 3,8‑13, wo neben den Anforderungen, die man an einen Inspektor zu stellen hat, die für einen Diakon genannt werden. Diakone neben den Inspektoren kommen auch in der Apostellehre vor (15,1), ohne dass wir etwas über ihre Aufgabe erfahren.

Von besonderer diakonischer Bedeutung sind in 1. Tim 5,3‑15 die Witwen. Von ihnen wird im Rahmen einer Haustafel gehandelt, die vom rechten Verhalten der einzelnen Stände redet (z.B. Alte und Junge, Sklaven). Das Anliegen des Schreibers ist nicht ganz deutlich; da ist davon die Rede, dass Witwen "auserwählt" werden samt den Kriterien, die dabei anzulegen sind (9.10), dass andere aber abzuweisen seien (11‑13). Nach V. 16 geht es anscheinend um die Versorgung der Witwen durch die Gemeinden: Berechtigt zum Empfang einer Unterstützung ist nur die, die einen guten Ruf hat, älter als 60 ist und nicht anderweitig versorgt wird. Es wird also hier einem Anspruchsdenken der Riegel vorgeschoben: Die Tatsache, dass der Mann gestorben ist, macht eine Frau noch nicht zur Sozialhilfeempfängerin.

Das Verbot des Ämterkaufs (Simonie)

Apg. 8,18‑24 schafft der inzwischen bekehrte Simon Magus einen Präzedenzfall, der im Kirchenrecht eine wichtige Bedeutung bekommen hat: Er will die Fähigkeit, den heiligen Geist zu verleihen, für Geld kaufen. Petrus lehnt entrüstet dieses Ansinnen ab und Simon bittet um Vergebung für diese Sünde. Ob sie ihm gewährt wurde, wird nicht berichtet.

Betrachtet man das Anliegen des Simon unvoreingenommen, so erscheint es unsinnig: Wenn man dem heiligen Geist, der durch Handauflegung übertragen werden soll, auch nur ein bisschen Freiheit zugesteht, so ist anzunehmen, dass er sich zwar an die Person eines Apostels bindet, aber nicht käuflich ist. Der heilige Geist ist eben kein Zaubertrick, den man für Geld erwerben kann wie viele Tricks, die sich Simon vielleicht vorher auf diese Art angeeignet hat.

Aber darum geht's ja gar nicht. Simon will nicht den Geist kaufen und seiner Trickkiste einverleiben, sondern er hält sich bei seinem großen Ansehen, das er in der Bevölkerung genießt, eines Apostels ebenbürtig und will darum auch die Befugnisse haben, die ein Apostel hat, und dafür bietet er Geld. Es geht also gar nicht um den heiligen Geist, den auch Petrus nicht in seiner Gewalt hat (Apg. 10,44‑47), sondern um das kirchliche Recht, durch Handauflegung zu konfirmieren. Kirchliche Ämter sind also nicht käuflich. Priester, Bischof, Papst darf nicht werden, wer am meisten zahlt, sondern wer die Befähigung dafür hat. So hat das katholische Kirchenrecht die Stelle ausgelegt und den Versuch des Ämterkaufs, die "Simonie", unter Strafe gestellt.

 

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[1] Das Wort 'Begabung', deutet etwas ähnliches an; das Wort 'Talent' stammt vom griechischen Ausdruck für die "anvertrauten Zentner"; Mt 25,14‑30

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Datum: 1987 / 2007

Aktuell: 09.02.2019