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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Pietismus in Hahn bei Pfungstadt

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Pietismus

Die Väter

Spener

Zinzendorf

Pietistische Errungenschaften

Erweckungsbewegung

Aufklärung und Rationalismus

Romantik

Pfungstadt

Hahn

Führende Familien

Jugendbund

Jungschar

Gemeinschaft

Hahnsche Gemeinschaft

Weiterentwicklung nach 1960

Dank und Würdigung 

 

Pietismus

ist eine religiöse Richtung, die den persönlichen Glauben an die Stelle setzt von konfessioneller Rechthaberei, Überbetonung der Vernunft, nur formaler Kirchentreue, Verweltlichung und Gleichgültigkeit.

 

Die Väter

Spener

Entstanden ist der Pietismus nach dem 30-jährigen Krieg, als die religiösen Streitigkeiten zwischen den Konfessionen immer schärfere Formen annahmen und Glauben mit dem Festhalten an spitzfindig ausgetüftelten Lehren verwechselt wurde.

In derselben Zeit bildete sich der Absolutismus aus; die Fürsten waren zugleich Kirchenoberhäupter und vereinigten alle weltliche und geistliche Macht in ihrer Person. Die Pfarrer waren Staatsbeamte und hatten Anteil an weltlicher Macht und weltlichem, barocken Prunk. Persönlicher Glaube und christliches Leben, wie es in der Reformationszeit noch verbreitet war, blieben auf der Strecke.

Auf diesem Hintergrund veröffentlichte Philipp Jakob Spener 1675 in Frankfurt die "Pia Desideria" [1], die als Geburtsurkunde des Pietismus gelten. Er forderte darin:

1. intensivere Beschäftigung mit der Bibel

2. religiöse Betätigung der Laien

3. Christentum der Tat und nicht bloß des Wissens

4. liebevolles Verhalten im Umgang mit anderen Konfessionen

5. ein "gottseliges Leben" der Geistlichen

6. erbauliche Predigt.

Schon 1670 hatte Spener angefangen mit collegia pietatis, Erbauungsstunden im kleinen Kreis außerhalb des Gottesdienstes, die künftig ein wesentlicher Bestandteil pietistischer Frömmigkeit sein sollten und immer wieder in den Verdacht der Sektiererei kamen.

 

Zinzendorf

1727 gründete Nikolaus Ludwig Graf Zinzendorf in der Oberlausitz ein Dorf für Glaubensflüchtlinge, verband sie in der Herrnhuter Brüdergemeine und nahm dabei Ideen Speners auf. Er machte viele Reisen und brachte seine Ideen nach ganz Europa, unter anderem auch in den 30er Jahren nach Oberhessen, wo er die Gemeinden Marienborn und Herrnhaag gründete.

 

Pietistische Errungenschaften

Viele Aktivitäten der Kirche sind Errungenschaften, die der Pietismus eingeführt hat: die innere und äußere Mission, Diakonie, Gemeindegruppen, Kinder- und Jugendarbeit, Kindergottesdienst ...

 

Erweckungsbewegung

Aufklärung und Rationalismus

Ende des 17er Jahrhunderts war die Zeit der Aufklärung. Philosophen wie Immanuel Kant oder der Franzose Voltaire propagierten die "Befreiung des Menschen" durch den Gebrauch der Vernunft "aus selbst verschuldeter Unmündigkeit." Konfessionelle Streitigkeiten hatten die überlieferte Religion fragwürdig werden lassen. Lessing stellte in "Nathan der Weise" die Frage, was denn nun die wahre Religion sei und kam zu dem deprimierenden Schluss, dass die ursprüngliche Wahrheit der Religionen wohl verloren gegangen ist. Die Aufklärung und das neu entstandene naturwissenschaftliche Denken förderten auch den Atheismus. Man merkte, dass man ganz gut ohne Gott auskommen konnte.

Diese Bewegung mündete schließlich in die französische Revolution und die gewaltigen politischen und kulturellen Veränderungen, die Napoleon durch seine Eroberungszüge in ganz Europa verbreitete und die ganz unter dem Zeichen der Vernunft standen.

 

Romantik

Nach der Niederlage des Franzosen kam es in den befreiten Gebieten zu einer Neubesinnung: Nicht mehr die Vernunft sollte im Mittelpunkt stehen, sondern das Gefühl – nicht mehr ein "vereintes Europa" unter französischer Führung, sondern der Nationalstaat der sich wieder auf seine eigenen Werte besann. Nach dem vernunftbetonten Zeitalter der Aufklärung kam die entgegengesetzte Richtung der Romantik, die eher das Irrationale zur Geltung brachte.

Das machte sich auch in religiöser Hinsicht bemerkbar. In ganz Europa kam es zu Erweckungsbewegungen, die in Deutschland ganze Landstriche erfasste wie zum Beispiel das Siegerland. Erweckungsprediger fanden bei ihren Evangelisationsveranstaltungen außerhalb kirchlicher Räume eine große Zuhörerschaft und gaben auch in Südhessen den älteren pietistischen Kreisen neuen Auftrieb.

 

Antirationalismus

Die Pietisten des 18er Jahrhunderts gerieten allerdings ganz im Bann der damaligen antirationalistischen Strömung. Nicht nur wie im älteren Pietismus der persönliche, auch gefühlsmäßig verifizierbare Glaube wurde betont, sondern es wurde ein Widerspruch konstruiert zwischen Glauben und dem modernen naturwissenschaftlichen Denken. Die Wunder der Bibel wurden verstanden als übernatürlicher, göttlicher Eingriff unter Umgehung der Naturgesetze. Der biblisch orientierte Schöpfungsglaube geriet zunehmend in Widerspruch zu modernen Theorien, wie die Welt entstanden ist. Dieser romantische Antirationalismus hängt unserem Glauben heute noch, fast 200 Jahre später, wie ein Klotz am Bein.

 

Romantische Frömmigkeit

Trotz allem hat die Romantik den Glauben ungemein bereichert, hat sie ihm doch wieder das Gefühl zurückgegeben, das in der Zeit vorher fast verloren gegangen war. Statt gelehrter Vorträge hörte man jetzt auf den Kanzeln Predigten, die Herz und Gewissen ansprachen. Statt reformatorischer Gesänge mit lehrhaftem Inhalt oder barocker Lobeshymnen sang man jetzt gefühlsbetonte Lieder, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen. An die Stelle des überlieferten liturgischen Stundengebets trat in der privaten Andacht die tägliche Bibellese, unterstützt von den Herrnhuter Losungen und dem Neunkirchner Kalender, sowie das freie Gebet, auch in Gemeinschaft.

 

Pfungstadt [2]

Die Herrnhuter Gemeinden begannen sofort ihre Umgebung zu missionieren. Seit 1783 kamen Herrnhuter Sendboten regelmäßig nach Pfungstadt, wo seit 1790 regelmäßig pietistische Versammlungen stattfanden. Die Sendboten nahmen in der Regel ihren Weg von Darmstadt über Pfungstadt, Hahn nach Crumstadt und Biebesheim und von dort die Bergstraße hinauf nach Weinheim und Heidelberg. Überall gründeten sie weitere Gemeinschaften.

 

Hahn

Während 1867 in Pfungstadt nur fünfzehn Personen in die Bibelstunde gingen, waren es in Hahn 1868 bis zu achtzig. Kern dieser Gemeinschaft sollen in dieser Zeit die Brüder Link und Merschroth gewesen sein.

 

Führende Familien

Die beiden Familien gingen später getrennte Wege:

Die Linken bauten in der Obergasse ein Sälchen, wo sich die Gemeinschaftsleute trafen. Einer ihrer Nachkommen, Daniel Link, war verheiratet mit Marie, einer Tochter aus der ersten Ehe von Johannes Maus III. Ihre beiden Töchter Katharina (1904-76) und Elisabeth (1907-71) kannte ich noch. Katharina war mit dem Baptisten Fritz Häberlein verheiratet und hatte mit der Gemeinschaft nichts mehr zu tun, aber Elisabeth, unverheiratete Kindergärtnerin, spielte alls in der sonntäglichen "Stund" das Harmonium. Sie wohnten beide in ihrem Elternhaus. Das Sälchen wurde nicht mehr benutzt, stattdessen fand die Bibelstunde in den 50er Jahren im Saal des Kindergartens (gegenüber der Kirche) statt.

Die Brüder Peter und Hans Merschroth in der Schulstraße hatten sich inzwischen, bedingt durch eine Heirat, den Württembergischen "Michel-Hahnern" angeschlossen. Hans Merschroth war der Gründer des Hahner Altersheims, das heute einen sehr guten Ruf hat.

Führende Familie im 19" Jahrhundert war die Familie Friedrich und Anna [3] Kehr (Gernsheimer Straße in der Nähe des Rathauses) mit den Kindern Jakob und Lina und den Enkeln Friedrich, Walter und Rudolf. Friedrich war Ende des Jahrhunderts sogar 1. Vorsitzender des Gemeinschaftsverbands Darmstadt-Eberstadt.

 

Jugendbund

Der "Jugendbund für entschiedenes Christentum" ist zwar eine eigene Organisation wie der CVJM, in Hahn aber eng verbunden mit der "Landskirchlichen Gemeinschaft", von welcher der Jugendbund sozusagen die Jugendgruppe war (1923 aus einer Jugendgruppe heraus entstanden und dem EC-Verband angeschlossen).

Der EC unterscheidet zwischen Gästen, freundschaftlichen und tätigen Mitgliedern. Die Mitglieder verpflichten sich, täglich die Bibel zu lesen und zu beten sowie die Gottesdienste und Gruppenstunden regelmäßig zu besuchen. Einmal im Monat fand eine "Weihestunde" der Tätigen statt, eine Art Gruppenseelsorge mit laut gesprochener persönlicher Beichte.

 

Jungschar

Als Kindergruppe des Jugendbundes gründete ich zusammen mit Rudolf Kehr und seiner späteren Frau Reinhilde Caspari im Herbst 1959 eine Jungschar. Sie hat mindestens 25 Jahre existiert, denn 1984 war ein Kind aus dieser Gruppe, Alexandra Pfeifer, auf unsrer Dornholzhausen-Freizeit dabei.

 

Gemeinschaft

Die Erwachsenen trafen sich Sonntagnachmittags im Kindergarten zur "Stund" [4]. In der Regel war es der Prediger der Stadtmission Pfungstadt oder Eberstadt, der eine dreiviertelstündige Ansprache zu einem biblischen Thema hielt; dazu wurden Lieder aus dem "Gemeinschaftsliederbuch" gesungen, welche Elisabeth Link auf dem Harmonium begleitete. Am Schluss kam eine freie Gebetsgemeinschaft, bei der jeder Teilnehmer ein Gebet sprechen konnte – auf hochdeutsch und unter Verwendung geläufiger "Textbausteine". Die Ansprachen waren manchmal interessant, manchmal einschläfernd (was bei mir nichts heißen will). Und die Lieder waren schön und begleiten mich heute noch.

 

Hahnsche Gemeinschaft

Unabhängig von Jugendbund und Gemeinschaft gab es bei der Familie Peter und Hans Merschroth (heute Altersheim) eine Gemeinschaft der Michel-Hahner, entstanden in Württemberg und durch eine schwäbische Ehefrau nach Hahn importiert. Diese Art von Gemeinschaft ist wohl entstanden in einfachen bäuerlichen Verhältnissen und befolgte eine strenge konservative Regel: Man versammelte sich in Merschroths Wohnzimmer, die Männer rund um den Tisch, die Frauen im Hintergrund. Beim Singen wurde jede Zeile vorgesagt und dann von allen nachgesungen. Die Gründer der Gemeinschaft waren wohl so arm, dass sie sich nicht mehrere Liederbücher leisten konnten. Einer der Brüder verlas einen Bibeltext und eine Auslegung von Michael Hahn. Dann durfte oder musste reihum jeder Bruder etwas dazu sagen – ohne Diskussion.

Michel-Hahner und Landeskirchliche beteten zwar getrennt, akzeptierten aber einander und besuchten gelegentlich die Veranstaltungen der anderen.

 

Weiterentwicklung nach 1960

Mein Werdegang

Während meines ganzen Studiums blieb ich mit dem Jugendbund verbunden und besucht fast jeden Sonntag die Gruppenstunden und andere Zusammenkünfte. Auf diese Weise wurde ich davor bewahrt, zu sehr von der Basis abzuheben. Ich hatte während dieser ganzen Zeit Kontakt mit gläubigen Menschen, denen die Probleme meines Studiums fremd und unverständlich waren. Sie holten mich immer wieder auf den Boden zurück und setzten mir ab und zu auch den Kopf zurecht.

Das war freilich kein friedlicher Prozess, sondern es kam zu Diskussionen, die auch von meiner Seite nicht immer sachlich blieben. Es war eine spannende und aufregende Zeit. Manchmal hatte ich noch nicht richtig den Mund aufgemacht, als schon der erste Widerspruch kam. So habe ich es tatsächlich mal erlebt. Ich wollte eine "Einleitung" zu einem biblischen Text machen und hatte kaum angefangen, da unterbrach mich Bruno Ernst: "Das ist nicht wahr!"

Mir haben diese Diskussionen gut getan und ich hoffe, den Anderen auch.

Die negativen Seiten des Pietismus

Der Pietismus zur Zeit Speners und Zinzendorfs war entstanden als eine Reformbewegung gegen die oberflächliche Kirchlichkeit der damaligen Zeit. Von daher hat der Pietismus von Anfang an eine kritische Einstellung zu einer Kirche, der von Geburt an jeder angehört. Von daher neigten die Gemeinschaftsleute schon immer dazu, Pfarrer als von Berufs wegen "ungläubig" zu halten.

Die Bindung an die Bibel und der ererbte Antirationalismus machte die Pietisten auch allergisch gegen jede Art von "moderner" Theologie, die von vorneherein, da nicht pietistisch, "ungläubig" sein musste. Das führte im Gegensatz zu den Anfängen (Widerspruch gegen die Rechthaberei bei konfessionellen Streitigkeiten) wiederum zu einer konservativen Orthodoxie, die sich in der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" organisierte.

Diese separatistischen Tendenzen führten in Hahn in der 1970er Jahren zu einem offenen Bruch mit der evg. Kirchengemeinde. Die Gemeinschaftsleute ließen fortan ihre Kinder im schwäbischen Bad Liebenzell (Sitz einer Missionsgesellschaft) konfirmieren. Es kam in den 80er Jahren zum Glück wieder zu einer Aussöhnung, so dass die Gemeinschaft mit Rudolf Kehr sogar im Kirchenvorstand vertreten war.

Der deutsche Pietismus hat sich selbst Schaden zugefügt durch das eigensinnige Festhalten an Vorurteilen, die vor 180 Jahren ihre Berechtigung hatten, und durch seine Tendenz zur Rechthaberei, die im Widerspruch steht zu den erklärten Absichten seiner Begründer.

 

Das Ende

2002 löste sich die Hahner Landeskirchliche Gemeinschaft auf, weil sie nicht mehr genug Mitglieder hatte. Die wenigen, die übrig geblieben waren, wurden nach Pfungstadt verwiesen. Den Jugendbund soll es schon länger nicht mehr geben.

Wie konnte so etwas passieren? Ich hatte schon 1968 in einem bösen Brief dem Hahner Jugendbund den Untergang prophezeit. Die Gründe weiß ich nicht mehr genau. Unter anderem hatte mich damals die engstirnige Moral gestört und wohl auch, dass EC und Gemeinschaft hauptsächlich Familienbetrieb waren, in denen Außenstehende wenig zu melden hatten. "Wenn ihr so weitermacht", war die Aussage meines Briefes, "dann werdet ihr mangels Nachwuchs nicht mehr lange weitermachen können."

So ganz stimmt das mit dem Familienbetrieb für die 60-er Jahre nicht. Es kamen ja auch Jugendliche, die nicht zu den altehrwürdigen Gemeinschaftsfamilien gehörten. Aber wie es so geht, als wir erwachsen wurden, zogen viele fort und es scheint nicht gelungen zu sein, dauerhaft neue Leute dazu zu gewinnen. Und die Alten starben nach und nach weg.

Dank und Würdigung

Ich verdanke der Hahner Gemeinschaft und dem Jugendbund sowie der Darmstädter Stadtmission wertvolle geistliche Impulse und finde es schade, dass diese Impulse nicht auch großflächig in unserer Landeskirche wirksam geworden sind.

   

[1] "Fromme Wünsche"

[2] nach der Festschrift 200 Jahre Evangelische Stadtmission Pfungstadt 1990 S. 19-21

[3] eine geborene Merschroth, also wohl aus der Gründer-Familie

[4] mit deutlich gesprochenem /d/, nicht wie bei hessisch Šdunn ‚Stunde‘

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2006

Aktuell: 27.05.2020