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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zukunft

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim

08.-15.04.1988

Apokalyptik und Apokalypsen

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Was eine Apokalypse ist

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Pseudonymität

Bildersprache

Deutung der Gegenwart als erfüllte Weissagung

Eschatologische Elemente:

Weltuntergang

Ein apokalypti-sches Spiritual

Jesus und die Apokalyptik:

Das Reich Gottes kommt

Das Reich Gottes ist da.

 

Der unbekannte Verfasser des Buchs Daniel begründet eine neue Literaturgattung, die sich um die Zeitenwende bei Juden und Christen einer großen Beliebtheit erfreute: die Apokalypse (wörtlich 'Enthüllung, Aufdeckung', auch Titel der neutestamentlichen "Offenbarung").

Was eine Apokalypse ist,

können wir uns am Danielbuch selbst deutlich machen, ohne dass wir deswegen einen Blick in eine der vielen anderen Apokalypsen werfen müssen:

1. Zeitgeschichtlicher Hintergrund:

Verfolgung der Gläubigen. Der seleukidische König Antiochus IV. Epiphanes (173‑64) versucht mit Gewalt, die Juden zum Hellenismus zu bekehren – bis dahin, dass er im Jerusalemer Tempel einen fremden Gottesdienst einrichtet. Es kommt zur Widerstandsbewegung der Makkabäer, denen Antiochus schließlich unterliegt.

2. Pseudonymität:

Das Buch Daniel behauptet aber, es wäre viele hundert Jahre früher entstanden und gehe zurück auf Visionen des legendären Weisen Daniel, [1] der nach den Angaben des Buchs zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft gelebt haben müsste. Diese Weissagung aus dem 5er-Jahrhundert geht jetzt erst im 1er-Jahrhundert in Erfüllung.

Alle Apokalypsen außer der neutestamentlichen sind pseudonym und werden zurückgeführt auf die großen Gestalten der Vorzeit, von Adam über Henoch, Mose und Jesaja bis Esra.

3. Bildersprache:

Die alten Propheten gebrauchen zwar ebenfalls Bilder und Gleichnisse, aber sie sagen, wenn's drauf ankommt, meist konkret, was sie meinen, und scheuen sich auch nicht, die Namen der Kritisierten zu nennen, z.B.

  • Von Norden (= Mesopotamien) kommt Unglück. [2]

  • Verlasst euch nicht drauf, dass Gott den Tempel und euch schützen wird. [3]

  • Gott hat Nebukadnezar bis auf Weiteres die Weltherrschaft anvertraut. [4]

All das bezieht sich auf Menschen und Verhältnisse der Gegenwart, die der Prophet kennt und deren Namen er nennen kann. Wenn aber eine Prophezeiung erst Hunderte von Jahren später in Erfüllung geht, dann kann er keine Namen wissen. Alles, was er schreibt, kann nicht mehr als eine vage Vorahnung sein.

Der Verfasser des Danielbuchs und der anderen Apokalypsen vermeidet durch diese Bildersprache also den Anschein, als seien heute lebende Menschen gemeint, obwohl jeder der ersten Leser dieser Schriften genau wusste, von wem die Rede war. Man kann ihm also seitens der Kritisierten nichts nachweisen; erstens hat er das Buch ja angeblich gar nicht geschrieben, sondern höchstens wiederentdeckt; und zweitens redet das Buch ja ausdrücklich von Gestalten der Vergangenheit. "Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt."

Im Gebrauch der Bildersprache zeigt sich ebenfalls ein großer Unterschied zwischen den Propheten und der Apokalyptik: Die Propheten gebrauchten ihre Bilder

  • um die wahre Absicht zunächst zu verschleiern und dann umso stärker betroffen zu machen [5]

  • als poetische Ausdrucksweise [6]

  • zur Verdeutlichung [7]

  • zur sinnbildlichen Darstellung [8]

Die Propheten, so könnten wir unsere Erkenntnisse zusammenfassen, gebrauchen die Bilder vor allem als literarische Ausdrucksformen (Bilder, Gleichnisse); sie schmücken damit entweder ihre Rede aus und setzen dabei voraus, dass die Bilder verständlich sind (poetischer Gebrauch). Oder setzen sie ein, um ihre Aussagen zu unterstreichen (rhetorischer Gebrauch). Selten handelt es sich um echte Visionen, denn die Propheten sind Ohrmenschen, keine Augenmenschen. Ihr Medium ist das Wort, nicht das Bild. Ihre literarischen Bilder erwecken oft den Eindruck, als seien sie extra für diesen Fall erdacht worden. In einigen Fällen sieht der Prophet offenbar reale Gegenstände, zu denen ihm durch Stichwortassoziation eine Prophezeiung einfällt. [9] Selten oder nie handelt es sich um geheime Botschaften, die nur Eingeweihten verständlich sind, denn der Prophet legt Wert drauf, dass die Zuhörer auch verstehen, was er sagt, sonst hat seine Rede keinen Sinn.

Anders in der Apokalyptik: Hier werden a) angebliche oder tatsächliche Visionen erzählt und b) verschlüsselte Bilder gebraucht, die gedeutet werden müssen, weil sie in sich unverständlich sind.

Beispiel: Dan 8. Ein Ziegenbock (Griechenland) mit zwei Hörnern (Philipp und Alexander) besiegt einen Widder (Perserreich). Das große Horn (Alexander) zerbricht; an dessen Stelle wachsen vier kleine Hörner (Nachfolgestaaten); aus einem dieser Hörner wächst ein weiteres (Antiochus IV.). "Daniel" versteht diese Vision nicht und bekommt sie vom Engel Gabriel gedeutet. Dieser verrät aber auch nur, dass mit den beiden Tieren die Perser und die Griechen gemeint sind, und dass es sich bei den verschiedenen Hörnern um Reiche oder Könige handelt. Weitere Namen werden nicht genannt.

Aus der Sicht eines Daniels zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft handelt es sich um Zukunftsprognosen – aus der Sicht eines Verfassers zur Zeit der Makkabäerkämpfe dagegen um einen geschichtlichen Überblick und eine ganz kleine, aber wichtige Voraussage für die nächste Zukunft: Die Zeit des Antiochus ist begrenzt (V. 14); er wird scheitern ohne Zutun von Menschenhand (V. 25).

4. Deutung der Gegenwart als erfüllte Weissagung:

Den bedrängten Gläubigen wird nicht nur das Ende der Verfolgung angesagt, sondern auch klargemacht: Was ihr jetzt erlebt, ist von einem Propheten schon vor langer Zeit vorausgesagt worden. Es handelt sich also nicht um eine Panne in der Weltgeschichte, sondern beruht auf einem unerforschlichen Ratschluss Gottes. Tatsächlich lässt sich ein Unglück leichter ertragen, wenn wir es wider alle Vernunft aus Gottes Hand nehmen und eben nicht fragen: "Wie konnte Gott das zulassen?"

5. Eschatologische Elemente:

Das theologische Fachgebiet der Eschatologie beschäftigt sich mit den Themen Weltuntergang, Auferstehung der Toten, Jüngstes Gericht, Erneuerung der Welt (griech es-chatós "letzter", also "die letzten Dinge"). Nicht zu verwechseln mit dem, was die Griechen Metaphysik nannten (Fachgebiet der Philosophie, Themen Seele, Jenseits, freier Wille), benannt nach ihrem Standort in der Bibliothek "hinter" (griech metá) den Büchern über die Natur (griech physiká). Die Eschatologie fragt nicht, was "hinter der Natur" ist (das Jenseits), sondern was "hinter der Geschichte" kommt.

Im Buch Daniel finden wir darüber geschrieben Kap 12,1‑3: es kommt eine neue Unterdrückung der Gläubigen in ungeahntem Ausmaß; der Erzengel Michael wird ihnen aber helfen. Dann werden die Toten auferstehen zum ewigen Leben oder zur ewigen Verdammnis, und die Gesetzeslehrer werden im Himmel besonders ausgezeichnet werden.

Das ist nicht gerade viel, was hier zum Thema Eschatologie geschrieben ist, und wohl auch nicht besonders originell. Eine viel größere Bedeutung für das Neue Testament haben die Aussagen in Kap 7, die ursprünglich gar nicht eschatologisch, im Zusammenhang mit Ende und Erneuerung der Welt, gemeint waren. Es geht in diesem Kapitel um das bekannte apokalyptische Schema: Vier Weltreiche, dargestellt als Tiere, wechseln einander ab. Das letzte Tier trägt Hörner, von denen sich eines gegen Gott auflehnt. Gott kommt zum Gericht und verurteilt die vier bestialischen Reiche zum Tod und übergibt stattdessen die Macht einer Symbolfigur in Menschengestalt, der in V 27 nicht auf einen Herrscher (Messias), sondern auf das staatstragende "Volk der Heiligen des Höchsten" gedeutet wird. Da mit den vier vorherigen Reichen historische Staaten gemeint sind, wird hier nicht an die Engel, sondern an die Juden gedacht sein: "Daniel" weissagt eine ewige Weltherrschaft der Juden – etwas Zukünftiges, aber nicht Eschatologisches.

6. Weltuntergang

Die von uns als typisch empfundenen apokalyptischen Motive vom Weltuntergang fehlen im Buch Daniel; dazu ist dieses Buch viel zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt und hat andere Dinge seinen bedrängten Lesern zu predigen als den Weltuntergang. Diese Themen werden in den anderen Apokalypsen und im Neuen Testament umso stärker aufgegriffen.

Kurze apokalyptische Texte finden sich in der Bibel auch außerhalb von Daniel und der Offenbarung: Die konkreten prophetischen Unheilsankündigungen gehen nahtlos in globale Weltuntergangsgemälde über. Die Idee vom Weltuntergang hat also ihre Wurzeln nicht in der Apokalyptik, sondern in der Prophetie. Sie bezieht auch von dort ihre Bilder (Sonne und Mond verlieren ihren Schein, die Sterne fallen vom Himmel, dämonische Heuschreckenschwärme, das Himmelsgewölbe rollt sich zusammen wie ein Tuch). Besonders wichtig sind die apokalyptischen Texte in den Evangelien, vor allem die größeren Abschnitte Mt 24‑25; Mk 13; Lk 21. Kern dieser Textsammlung ist wohl die (prophetische) Weissagung der Tempelzerstörung durch Jesus. Diese Weissagung wurde ergänzt durch allgemeine apokalyptische Worte Jesu sowie durch Texte, die sich mit der Tempelzerstörung näher befassen. Die Christen haben sich an Matth 24,16 wörtlich gehalten und konnten sich rechtzeitig vor dem jüdischen Krieg im Ostjordanland in Sicherheit bringen. Es lag also eine echte Voraussage vor, nicht, wie wir's oft erleben, dass hinterher einer behauptet, er habe es schon immer gewusst.

Ein apokalyptisches Spiritual,

das oft falsch verstanden wird, lautet:

Oh when the saints go marching in, oh then let me be in that number, when the saints go marching in, (nämlich in die vollendete Welt)

When Gabriel blows in his horn (= die Gerichtposaune)

And when the moon has turned to blood ... and when the sun refuses to shine (Wenn die Sonne ihren Schein verliert und der Mond rot wie Blut wird = Symptome des Weltuntergangs)

And when they crown him King of Kings (= den wiederkommenden Christus).

Jesus und die Apokalyptik

Wie sich leicht belegen lässt, war Jesus mit der apokalyptischen Gedankenwelt vertraut: Er redete vom Reich Gottes, nannte sich selbst "Menschensohn", warnte vor falschen Messiassen und Propheten und kündigte eine baldige Zeitenwende an. Hat Jesus selbst apokalyptisch gedacht und gepredigt, oder hat er nur gängige Bilder benutzt und sich damit in Gefahr begeben, falsch verstanden zu werden?

In der Tat gibt es zwei widersprüchliche Überlieferungen über das, was Jesus gewollt hat:

a. Das Reich Gottes kommt.

Nach der einen hat Jesus den nahen Weltuntergang, verbunden mit dem Kommen des Menschensohnes, angekündigt und deshalb zur Umkehr gerufen.

  • Belege: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes (= die endgültige Herrschaft Gottes in einer vollendeten Welt) ist herbeigekommen. Ändert euch und glaubt an die frohe Botschaft." [10]

  • Der Menschensohn wird kommen mit den Wolken des Himmels (hier nicht der ideale Herrscher, sondern der himmlische Richter; unklar ob mit Jesus identisch), verbunden mit Weltuntergang, Gericht und Erneuerung der Welt. [11]

b. Das Reich Gottes ist da.

Nach der anderen hat Jesus mit den soeben zitierten Worten nicht gemeint: Das Reich Gottes kommt demnächst, sondern: Es ist schon da.

  • Belege: Der gefangene Täufer hat in Jesus große Erwartungen gesetzt und ist jetzt von seinem Auftritt anscheinend enttäuscht. Er fragt: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Jesus schickt ihm als Antwort einen Tätigkeitsbericht und bringt damit unausgesprochen zum Ausdruck: Hier gehen Erwartungen in Erfüllung, hier wird Gott Wirklichkeit. [12]

  • Jesus widerlegt den Vorwurf, er stehe mit dem Teufel im Bund: Mit Hilfe des Teufels Dämonen austreiben ist Unsinn. Damit ist das Gegenteil wahrscheinlich gemacht: "Wenn ich aber durch den Finger Gottes handle, dann ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen." [13] Das Reich Gottes kommt also nicht in näherer oder weiterer Zukunft, sondern hat mit Jesus angefangen.

  • Noch deutlicher sagt es Jesus: "Das Reich Gottes kommt nicht irgendwann deutlich sichtbar, sondern es ist schon mitten unter euch." [14] Man kann auch übersetzen: "inwendig in euch"; auch dann wäre es schon da. Dazu passt die apokalyptische Vorstellung vom blitzartigen Eingreifen Gottes [15] schlecht. Jesus redet, wenn es um sein Handeln geht, nicht vom Blitz, sondern vom Senfkorn, das klein ist und wachsen muss, bis eines Tages ein riesengroßer Baum draus wird. Auch das Reich Gottes fängt klein an, macht Jesus klar; es ist nicht auf einmal fix und fertig da, sondern muss wachsen wie ein Senfkornbaum und hat dieselbe durchdringende Kraft wir der Sauerteig im Brot oder das Salz in der Suppe.

Hier haben wir es mit dem originalen Jesus zu tun. Apokalyptische Bilder haben andere vor und nach ihm auch gebraucht (und bei Jesus waren es dann auch nur Bilder, keine eigentliche Redeweise); aber keiner hat gewagt zu behaupten: In dieser oder jener scheinbar unbedeutenden Tat wird das Reich Gottes keimhaft, ansatzweise schon Wirklichkeit.

Der Evangelist Johannes hat diesen Gedanken so konsequent weitergeführt, dass in seinem Evangelium kaum noch Platz für die Zukunft bleibt. Der Seher Johannes dagegen hat sich voll auf die Apokalyptik gestürzt und erwartet alles Heil von der Zukunft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Hes 14,14 zusammen mit Noah und Hiob genannt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Jer 1,14

[3] Jer 7

[4] Jer 27

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[5] Jes 5,1‑7

[6] Jes 11,1

[7] Jer 18,1‑10

[8] Jer 27

 

 

 

 

 

 

 

[9] z.B. Jer 1,11+12.13+14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[10] Mk 1,15

 

 

[11] Mk 13,26; 14,62

 

 

 

 

 

 

 

 

[12] Mt 11,1‑6

 

 

 

[13] Lk 11,20

 

 

[14] Lk 17,20.21

 

[15] Mt 24,27

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1988 / 2007

Aktuell: 09.02.2019