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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zukunft

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim

08.-15.04.1988

Einleitung in die Offenbarung

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Verfasser

Der Verfasser des letzten Buchs der Bibel nennt sich selbst Johannes [1] und bezeichnet sich als "Knecht" Christi, als "Bruder und Mitgenosse an den Bedrängnissen ..." der Empfänger, führt also keine Amtsbezeichnung wie "Apostel" oder "Ältester", scheint aber trotzdem bei den sieben Gemeinden Kleinasiens in hohem Ansehen gestanden zu haben.

Man hat gemeint, aus dem Fehlen eines Titels schließen zu können, dass Johannes kein offizielles Amt gehabt hat, also auch kein Apostel sein könnte. Wenn wir uns aber in den Apostelbriefen umsehen, so fehlt auch da oft die amtliche Titulatur der Verfasser. In den beiden Thessalonicherbriefen z. B. nennt sich Paulus entgegen sonstiger Gepflogenheiten mit seinem bloßen Namen und fügt die Namen seiner Mitarbeiter an: "Paulus und Timotheus und Silvanus..". (Vgl. dagegen Phil. 1,1 "Paulus und Timotheus, Knechte Christi ..." oder 1. Kor. 1,1 "Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes und Sosthenes, unser Bruder ...").

Das Fehlen eines amtlichen Titels will also nichts heißen; es kann christliche Bescheidenheit sein. Dieser Johannes wird in der altkirchlichen Überlieferung mit dem Zebedäussohn und Jünger Johannes gleichgesetzt und teilweise mit dem Verfasser des Johannesevangeliums und der drei Briefe verwechselt, obwohl das Evangelium und die Briefe den Namen Johannes als Verfasser nicht erwähnen:

Verfasserangaben:

Evangelium: der vorher erwähnte Lieblingsjünger [2]

1. Brief: kein Name, aber Bezug aufs Evangelium

2. Brief V.1 "der Älteste"

3. Brief V. 1 "der Älteste"

Es sind keine großen theologischen Kenntnisse notwendig, um zu erkennen, dass das Evangelium und die Offenbarung ganz unterschiedliche Richtungen vertreten:

 

Evangelium

Offenbarung

Christus

der Offenbarer, der gekommen ist,

um den Weg zum Vater zu zeigen.

der himmlische Richter, der kommen wird,

um die Bösen zu bestrafen und die Guten zu belohnen.

Gericht

Hat schon stattgefunden durch die Entscheidung für oder gegen Christus.

Steht noch aus.

Sieg

"Ich habe die Welt überwunden" / "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."

Christus wird das Böse besiegen.

Römer

Pilatus hat seine Macht "von oben her" = von Gott.

der römische Staat hat seine Macht vom Teufel.

Reich Gottes

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt."

Die Heiligen werden mit Christus die Welt regieren.

Militär:

Die Diener Jesu kämpfen nicht mit Waffen.

Die Heiligen rüsten sich zum Krieg gegen die Angreifer Gog und Magog und werden durch ein Wunder gerettet.

Heil:

schon in der Gegenwart

erst in der Zukunft

Tendenz

Gnostisch

Apokalyptisch.

Es lassen sich allerdings gewisse Übereinstimmungen zwischen dem Evangelium und der Offenbarung nicht leugnen:

Christus:

das Lamm Gottes

(amnós toû Theoû),

das der Welt Sünde trägt. [3]

das Lamm

(árnion),

das geschlachtet ist. [4]

das Wort

(lógos) [5]

das Wort Gottes

(lógos toû Theoû) [6]

"Zeugnis"

20 x (Evg+Briefe)

(Markus 3x, Lukas 2x, Paulus 2x)

8 x

"Sieg"

"siegen"

"siegend, Sieger"

(Brief 1x)

Evg 1x, Brief 7x

Brief 1x

7x

 

10x

"Ich bin"‑ Worte von Christus und Gott:

7 x

4 x (aus AT)

Geheimnisvolle Zahlen

153 Fische [7]

Bedeutung unbekannt

666 Zahl des Tieres [8]

= "Kaiser Nero" oder "Titus Flavius Domitianus, unser Herr und unser Gott"

Wie bereits am ersten Beispiel deutlich wird, handelt es sich nicht um die Sprache eines und desselben Verfassers, sondern um gemeinsame Anschauungen: Der Evangelist und der Seher verwenden für "Lamm" verschiedene Wörter; jener denkt wohl an Jesaja 53, dieser an den Opferkult, in dem Lämmer geschlachtet wurden. Auch die "Ich-bin"-Worte sind bei aller äußeren Ähnlichkeit verschieden: Der Evangelist verwendet sie nur von Jesus, der Seher hauptsächlich von Gott; der Seher entnimmt die Bilder aus dem Alten Testament, der Evangelist nicht. Es besteht also kein Zweifel, dass der Verfasser des Evangeliums nicht die Offenbarung geschrieben hat. Wer aber war dieser Johannes? Alles, was wir über den Zebedäussohn und Jünger wissen, passt auf den Verfasser der Offenbarung:

 

Jünger

Seher

Name

Johannes

Johannes

"Donnersohn"

Markus 3,17

9 x "Donner"

Feuer vom Himmel

Lukas 9,54

Off 8,7; 13,13; 20,9

Thronen neben Jesus

Markus 10,37

Off 3,21; 4,4; 20,4

Kelch

Markus 11,38.39

Off 14,10; 16,19

 

vom Martyrium

Zornesbecher

Visionäres

Verklärung Jesu

ganzes Buch

Diese Gründe machen wahrscheinlich, dass die Offenbarung tatsächlich von dem Zebedäussohn und Jünger Johannes geschrieben wurde.

Anklänge an das Johannesevangelium sind wohl darauf zurückzuführen, dass Evangelium und Offenbarung ungefähr zur selben Zeit von judenchristlichen Verfassern an Leser geschrieben wurden, die im Orient lebten (das Evangelium wohl in Syrien, die Offenbarung in Westanatolien).

Empfänger

Der Seher widmet sein Werk in sieben einzelnen "Sendschreiben" den kleinasiatischen Gemeinden in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea. [9] Der eigentliche Autor der Briefe ist allerdings Christus selbst, in dessen Namen der Seher schreibt, und die eigentlichen Empfänger die (Schutz‑)Engel der Gemeinden. Manche deuten den Ausdruck "Engel der Gemeinde" auf den Gemeindeleiter.

Abfassungszeit

Nach dem Kirchenvater Irenäus wurde die Offenbarung gegen Ende der Regierungszeit von Kaiser Domitian (81‑96) verfasst. Domitian war der erste Kaiser nach Nero, der eine Christenverfolgung durchführte. Auf eine Verfolgung verweist erstens die Verteufelung des römischen Staats. Dieser wird dargestellt durch das siebenköpfige Tier; [10] die Köpfe werden gedeutet auf die sieben Hügel Roms oder auf sieben Kaiser. Auf eine Christenverfolgung verweisen zweitens die immer wieder genannten Märtyrer, die Blutzeugen für ihren Glauben.

Abfassungsort

Bei genauerem Lesen erkennen wir, dass die Offenbarung in ihrer jetzigen Gestalt nicht auf der Insel Patmos entstanden sein kann (1,9: "Ich war auf der Insel"). Dort hatte Johannes dagegen seine Visionen, die er aufschrieb und nach seiner Rückkehr bearbeitete.

Vision und Niederschrift

Was sich abgespielt hat zwischen den Visionen auf Patmos und der jetzt vorliegenden Endfassung des Buchs der Offenbarung, war ein komplizierter Prozess, etwa vergleichbar dem, wenn wir versuchen wollten, einen Traum niederzuschreiben: Das Offenbarungserlebnis erfolgte wahrscheinlich in einem Zustand, in dem Johannes nicht fähig war zu schreiben. Er hat sich also später Notizen gemacht und schließlich das vorliegende Buch geschrieben. Das Offenbarungserlebnis war nicht damit zu Ende, dass Johannes zum Schreibzeug griff, sondern trat durch das Niederschreiben in ein neues Stadium ein: Die Visionen erfolgen in Bildern, die in Worte gekleidet werden müssen. Durch den Versuch, das Geschaute zu erzählen, wird der Inhalt geistig durchdrungen, gedeutet und verstanden. Es bieten sich das Alte Testament und das damalige Gesangbuch als Gestaltungshilfen an. Während des Schreibens fallen dem Verfasser neue Bilder und Zusammenhänge ein. Die literarische Gestaltung gehört mit zum Offenbarungserlebnis.

Inhalt und Gliederung

Wer die Offenbarung zum ersten Mal liest, wird fast erdrückt von der Fülle der schrecklichen und tröstlichen Bilder. Man hat leicht den Eindruck, als sei das ganze ein unübersichtlicher Wust von Visionen. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich, dass dieses Buch eine klare und übersichtliche Gliederung hat: Im Hauptteil folgt der Seher einem alten Schema vom Weltuntergang, das auch in der folgenden Gliederung zugrundegelegt wird:

 


 

[1] 1,1.9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Jh 21,24

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3] Jh 1,36 [4] Offb 5,6

 

[5] Jh 1,1 [6] Offb 19,13

 

 

 

 

 

 

 

[7] Jh 21,11 [8] Offb 13,18

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[9] Kap 2 und 3

 

 

 

 

 

 

 

 

[10] Kap 13 und 17

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1,1‑20  Einleitung

 

2,1‑3,22 Die 7 Sendschreiben an die Gemeinden in Kleinasien

 

4,1‑22,5 Die eigentliche Offenbarung

 

            4,1‑11  Einleitung: Die Thronvision

 

            5,1‑8,5 Das Lamm und das Buch mit den sieben Siegeln

 

                        Christus und die rätselhafte Weltgeschichte)                                                         

A

                                   5,1‑14  Nur das Lamm kann die Siegel öffnen

 

                                               (= Christus hat Macht über die Geschichte)

 

                                   6,1‑17  Öffnung der ersten 6 Siegel

 

                                               Nr. 1‑4 Die apokalyptischen Reiter bringen Katastrophen  

A

                                               Nr. 5    Die Seelen der Märtyrer schreien nach Gerechtigkeit       

B

                                               Nr. 6    Die Welt gerät ins Wanken                                      

G1

                        7,1‑17  Zwischenstück: 144.00 Christen werden versiegelt

 

                                   8,1‑5    Öffnung des 7. Siegels, leitet über zu den Posaunen.

 

            8,6‑11,19        Die Engel mit den sieben Posaunen                                               

C

                                   (leiten die Wiederkunft Christi ein) [11]

 

                        8,6‑9,21          Die ersten 6 Posaunen bringen Katastrophen

 A

                        10,1‑11,14      Zwischenstück

 

                        10,1‑11           Johannes nimmt das bittersüße Büchlein in Empfang

 

                                               (= die prophetische Botschaft) [12]

 

                        11,1‑2  Vermessung des Tempels [13]

 

                                   und Preisgabe eines Teils an die Heiden                                                   

B

                        11,3‑14           Die beiden Zeugen, ihr Tod, Auferstehung und Himmelfahrt

 B

            11,15‑19         7. Posaune: Lobpreis im Himmel

 

            12,1‑14,20      Die Christenverfolgung und ihr Ende                                                          

B

                        12,1‑17           Mutter Kirche, Christuskind und Satansdrache

 

                        12,18‑13,18    Der Widerchristus und sein Prophet                                   

B

                        14,1‑5  Das Lamm und die 144.000. Vorwegnahme des Sieges Christi

D

                        14,6‑20           Der Menschensohn kommt zum Gericht                               

            15,1‑16,21      Die sieben Zornesschalen                                                              

A

                        15,1‑16,1        Vorspiel im Himmel

 

                        16,2‑21           Ausgießung der 7 Schalen mit Katastrophen

A

            17,1‑19,10      Der Fall Babylons (= Roms)                                                           

D

                        17,1‑18           Die Hure Babylon und das scharlachrote Tier

 

                                               (= die Götzendienerin Rom und das Kaisertum)

 

                        18,1‑24           Der Fall Babylons                                                                            

D

                        19,1‑10           Himmlischer Triumph über den Fall

 

            19,11‑22,5      Die letzten Dinge                                                                             

C‑H

                        19,11‑21         Wiederkunft und Sieg Christi                                               

CD

                        20,1‑6  Das tausendjährige Friedensreich

 

                        20,7‑10           Der endgültige Sieg über den Teufel                                               

D

                        20,11‑15         Auferstehung und jüngstes Gericht                                     

EF

                        21,1‑8  Die neue Welt                                                                                  

G

                        21,9‑22,5        Das neue Jerusalem                                                            

H

22,6-21           Schluß des Buches

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[11] 1 Thess. 4,16

 

 

[12] Hes 3,1‑3

 

[13] Hes 40 ff

 

 

 

 

Dadurch, dass der Seher in den Gesichten von den Siegeln, den Posaunen und den Zornesschalen sowie in den Abschnitten über den Drachen und die Hure Babylon einzelne Motive (besonders A und B) wiederholt, gelingt es ihm, in diesem erweiterten Schema die große Fülle seiner Visionen unterzubringen. Zugleich vermeidet er dadurch auch den Eindruck, als laufe die zukünftige Weltgeschichte gradlinig auf das Ende zu. Die Offenbarung soll gerade kein Fahrplan für das Weltende sein. Die Weltgeschichte ist verwickelter und undurchsichtiger, als mancher glauben will.

Zweck und Ziel

Versuchen wir, die Botschaft des Sehers in Klartext umzusetzen, so sagt er seinen Gemeinden in Kleinasien folgendes:

"Ihr befindet euch zur Zeit in einer schweren Christenverfolgung. Ich möchte euch darum Mut machen, euren Glauben nicht zu verraten, sondern treu zu bleiben. Auch wenn ihr den Eindruck habt, als sei das Werk Christi verloren: Christus behält wider alle Mächte des Teufels den Sieg. Ihr wisst, dass vor seinem Wiederkommen schreckliche Dinge geschehen werden. Dies ist in Gottes Plan so vorgesehen. Dazu gehört auch, dass der Teufel sich mit allen Mitteln gegen Christus auflehnt, um seine Kirche zu zerstören. Er bedient sich auch dazu menschlicher Hilfe. Der römische Kaiser, der verlangt, dass ihr ihn anbetet, ist ein solches Werkzeug des Teufels. Aber Christus wird den Sieg behalten und den Teufel mit seinen Helfershelfern vernichten. Aber glaubt ja nicht, dass dieser Sieg rasch errungen wird. So schnell gibt sich der Teufel nicht geschlagen. Deshalb wird es auf der Erde noch zu vielen Katastrophen kommen, bis Christus wirklich Sieger ist."

Welche Ereignisse vor dem eigentlichen Weltende hat nun der Seher tatsächlich vorausgesagt? Man hat ja immer wieder gemeint, die Offenbarung auf die jeweilige Gegenwart und Zukunft anwenden und die Wiederkunft Christi ausrechnen zu können. So hat das der Seher sicher nicht gemeint. Was er vielmehr voraussagt, ist folgendes: "Die gegenwärtige Christenverfolgung wird nicht die letzte sein; ein wiedererstandener Nero wird es noch viel schlimmer treiben. Dem heidnischen Römerreich droht aber Gefahr von Völkergruppen außerhalb der Grenzen (der Seher denkt wohl an die Parther aus dem Iran), die allerdings auch die Christen in Gefahr bringen werden. Schließlich aber wird das heidnische Römertum untergehen und Christus den endgültigen Sieg behalten. Nach einer langen Friedenszeit, in der die Christen nicht unterdrückt werden, sondern selbst die Herrschaft ausüben, wird es zu neuen Schwierigkeiten kommen. Und erst dann ist das Ende der Welt da."

Es braucht nicht nachgewiesen zu werden, dass diese Weissagungen bis hin zum Sieg des Christentums und zur tausendjährigen Herrschaft der Kirche in groben Zügen in Erfüllung gegangen sind.

 

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1988 / 2007

Aktuell: 09.02.2019