Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was sind Märchen?

Email:

Typen

Partygeschichten

Märchen

Historische Entwicklung

Ältere Formen

Sitz im Leben

Von der Erwach-senen- zur Kin-dergeschichte

Vom Mythos zum Märchen

Von der Unterhaltung zur Nutzanwendung

Volks- und Kunstmärchen

Märchentyp und Märchenmotiv

 

1. Typen

a. Partygeschichten

Heute ist es noch oder wieder üblich, zur Unterhaltung auf Partys haarsträubende Geschichten zu erzählen, etwa von einem, dem gegen seinen Willen eine Spenderniere entnommen wurde. "Mein Arbeitskollege kennt jemand, dem ist das und das passiert…"

Manche dieser Geschichten sind uralt. So hatte ich um 1965 glaubhaft von einem Spukhaus gehört, in dessen Keller man ein Skelett fand. Als man den Toten ordnungsgemäß beerdigte, habe der Spuk aufgehört. Dasselbe hat schon Lukian im 1er-Jahrhundert berichtet. Sein Zeitgenosse Apuleius erzählt von einem, dem Nase und Ohren für magische Zwecke gestohlen wurden, die Vorform der gestohlenen Spenderniere.

Einem ähnlichen Zweck dienten die Kalendergeschichten von Hebbel: zur Unterhaltung der Leser, oft auch zur ihrer Erbauung.

b. Märchen

Ein Märchen ist seit Grimm eine kürzere überlieferte Erzählung meist phantastischen Inhalts, die nicht an einem bestimmten Ort spielt und nicht von bekannten Personen handelt. In der Regel haben die Märchenhelden entweder gar keine oder sprechende Namen wie "Rotkäppchen, Dummling" oder Allerweltsnamen wie "Hänsel, Gretel".

2. Historische Entwicklung

Die obige Definition von Märchen gilt erst seit der Romantik. [1] Gehen wir den Vorformen eines bekannten Märchens nach, so merken wir, dass da eine Entwicklung stattgefunden hat:

a. Ältere Formen

Boccaccios "Decamerone" ist nicht nur die Mutter der Novelle, sondern auch des modernen Märchens, das zeigt schon der Titel "Pentamerone" seines Nachfolgers Basile: Ein Zyklus von Geschichten von Erwachsenen für Erwachsene, die hauptsächlich an bekannten Orten spielen und von Personen mit den üblichen Namen handeln. Die Vorgängerin von Schneewittchen heißt Lisa und der Besitzer des Gestiefelten Katers Pippo. Freilich merken wir hier schon den Übergang, wenn die verachtete Lucrezia den Spottnamen gatta cennerentola 'Aschenkatze' bekommt.

Auch in der viel älteren Märchensammlung "Tausendundeine Nacht" tragen die Helden Namen und leben an bekannten Orten.

b. Sitz im Leben

Ursprünglicher Sitz im Leben des Märchens waren Mußestunden, in denen Erwachsene einander Geschichten erzählten, so deutlich in "Tausendundeine Nacht" (Scheherezade erzählt dem König), bei Boccaccio (Menschen, die vor der Pest geflohen sind, vertreiben sich die Zeit mit Erzählen), bei Basile (ein Königspaar hört sich fünf Tage lang die Geschichten bekannter Erzählerinnen an) und auch noch bei Hauffs "Wirtshaus im Spessart" (die Gäste des Wirtshaus verbringen die Nacht mit Erzählen).

c. Von der Erwachsenen- zur Kindergeschichte

Schon bei Perrault lässt sich beobachten, dass die überlieferten Märchen für Kinder zugeschnitten werden. Das Buch wurde angeblich von seinem Sohn für die französische Prinzessin geschrieben. Perrault mildert z.B. in der Fortsetzung von "Dornröschen" die ursprünglichen Härten von Basile: Die "Schlafende Schöne" wird nicht mehr von einem verheirateten König geschwängert, sondern von einem Prinzen nach der Hochzeit. Die böse Königin ist nicht seine Ehefrau, sondern seine Mutter. Sie will ihm auch nicht aus Rache die beiden Kinder zum Essen vorsetzen, sondern sie gehört zur Rasse der Menschenfresser an und kommt nicht gegen ihre kannibalischen Gelüste an. Sie wird zum Schluss nicht verbrannt, sondern begeht Selbstmord.

Diese Tendenz hält an bei den deutschen Nachfolgern. Grimm und Bechstein lassen die Geschichte damit enden, dass der Prinz das auferweckte Dornröschen heiratet. Besonders Grimm hat sehr an der Sprache gefeilt und die Märchen in eine volks- und kindertümliche Fassung gebracht.

d. Vom Mythos zum Märchen

Auch die heutige Unterscheidung zwischen Mythos, Sage und Märchen ist eine neuere Erfindung. Ein Motiv des Märchens von den beiden Brüdern geht z.B. zurück auf den orientalischen Mythos vom Kampf Baals gegen das Chaosungeheuer Jam ('Meer'). In der griechischen Mythologie ist der Heros Perseus der Drachenkämpfer, in der mittelalterlichen Heiligenlegende hat man diese Tat St. Georg zugeschrieben, in der Edda dem Sigurd, im deutschen Epos dem Siegfried, in den Volksbüchern dem hürnenen Seyfried und bei Grimm schließlich einem der beiden Brüder des Märchens.

e. Von der Unterhaltung zur Nutzanwendung

Ursprünglicher Zweck der Märchen war die Unterhaltung, der Zeitvertreib. Eine Geschichte wird dadurch spannend, dass sie vom alltäglichen Leben abweicht. Deshalb erzählte man keine normalen Ereignisse, sondern Tragödien, Abenteuer, Schwänke, Romanzen, Unglaubliches, Spukgeschichten, Krimis. Die Helden sind meist Kinder von Königen oder ganz armer Leute und haben oft Abenteuer mit Fabelwesen zu bestehen. Der Phantasie des Erzählers sind keine Grenzen gesetzt. Die Zuhörer leiden mit den Helden und freuen sich an ihren Erfolgen. In einer gut erzählten Geschichte lässt der Erzähler die Zuhörer nicht nur Anteil haben an den Abenteuern seines Helden, sondern auch an den Abenteuern seiner eigenen Gedanken: Wird er eine Lösung für das Problem finden, das er konstruiert hat? Wird er den roten Faden nicht verlieren oder wieder aufnehmen? Wird er die Widersprüche auflösen können, in die er sich verstrickt hat? Ein guter Erzähler bezieht die Zuhörer mit ein, lässt sie Lösungen vorschlagen oder auf Widersprüche aufmerksam machen ("Du hast aber vorhin gesagt, die Prinzessin habe ein goldnes Kleid angehabt.")

Trotz allem kann man in vielen Geschichten in verfremdeter Form sein eigenes Leben mit allen seinen Konflikten wiedererkennen: Vielen Mädchen ergeht es wie Aschenputtel, das arbeiten muss und trotzdem seinen Prinzen findet. Viele Jungen sind zuerst mal Angeber wie das Tapfre Schneiderlein und müssen beweisen, was in ihnen steckt. Mancher Kriegsteilnehmer kam heim und fand seine Frau in den Armen eines Anderen wie Agamemnon oder muss wie Odysseus feststellen, dass man gar nicht mehr mit ihm gerechnet hat. Da braucht man gar nicht viel dazu erklären. Aus einer guten Erzählung zieht jeder auf seine Weise seinen Nutzen.

Trotzdem haben viele alte Geschichten eine ausdrückliche Moral. Die Märchen aus 1001 Nacht und viele andere dienen manchmal als Beispielgeschichte für die Wahrheit von Sprichwörtern. Im Wesen einer Fabel liegt es, dass am Schluss der Anknüpfungspunkt an wirkliche Leben genannt wird. Perrault hängt an jede seiner Geschichten eine Nutzanwendung.

f. Volksmärchen und Kunstmärchen

In der Romantik kam der Unterschied auf zwischen Volksmärchen und Kunstmädchen. Das eine sind alte überlieferte Geschichten, das andere literarische Produkte, deren Verfasser man kennt.

Nach der Theorie der Romantik verlieren sich die Ursprünge der Volksmärchen in grauer Vorzeit. Sie müssen nicht unbedingt mündlich überliefert sein. Auch die Brüder Grimm schöpfen aus schriftlichen Quellen, haben sich aber auch Märchen erzählen lassen. Sie haben diese Geschichten aber nicht wortwörtlich wiedergegeben, wie sie es gehört hatten, sondern haben sie bearbeitet, sprachliche Meisterwerke draus gemacht und oft auch Inhalte verändert.

Tatsächlich hat jedes Märchen seine Geschichte, die sich manchmal bis ins Altertum zurückverfolgen lässt. Manchmal liegen die Quellen aber auch in der Neuzeit und sind die Erfinder dieser Geschichte bekannt. Variationen mancher Geschichten sind oft sehr weit verbreitet. Wir können daher annehmen, dass sie sehr alt sind.

g. Märchentyp und Märchenmotiv

Die Geschichte von dem herumgestoßenen Mädchen, das niedrige Arbeiten verrichten muss und dann dank ihres Schuhs einen König heiratet, wurde schon Strabon in der Antike erzählt: Rhodopis, eine griechische Sklavin, gewinnt die die Liebe des Pharao Amasis (5er-Jahrhundert). Wir kennen die Story aus "Aschenputtel". Dieses Märchen berichtet aber nicht nur von der verachteten Magd, dem Schuh, und dem König, sondern wird als Beispiel für die Gemeinheit der Stiefmutter erzählt, dass das arme Mädchen mit völlig sinnlosen Arbeiten beschäftigt wird wie Linsen aus der Asche herauslesen. Wir müssen hier also unterscheiden zwischen dem Märchentyp "Aschenputtel", den Kern einer zusammenhängenden Geschichte und dem Märchenmotiv "Linsen aus der Asche lesen", das ebenfalls uralt ist und schon in "Amor und Psyche" vorkommt. Solche Motive dienen dazu, vorhandene Geschichten weiter auszuschmücken, und kommen in mehreren, von einander unabhängigen Geschichten vor.

Ein bekanntes Beispiel ist der Schluss der Rotkäppchengeschichte: Der Jäger schneidet Großmutter und Mädchen aus dem Bauch des Wolfs heraus und legt Wackersteine hinein – ausdrücklich übernommen aus "Der Wolf und die sieben Geißlein". Das Motiv vom Kinderfresser, der das jüngste Kind übersieht, stattdessen einen Stein frisst und vom Überlebenden gezwungen wird, die Geschwister wieder frei zu geben, das kannten schon die Griechen im Mythos von Kronos. Hier wurde also ein verkürzter Märchentyp als Motiv in eine ganz andere Geschichte übernommen.

Manchmal wachsen mehrere Märchen zu einem neuen zusammen. Die Grundform der Geschichte vom Todesschlaf eines Mädchens, das wieder auferweckt ist, liegt schon in der Bibel vor ("Tochter des Jairus") und hat seine endgültige Gestalt in "Dornröschen" gefunden. Bei Basile und ihm folgend Perrault ist angehängt die Erzählung von der Rache der Frau, die ihrem Mann seine Kinder zu essen gibt. Das entspricht der antiken Sage von "Prokne und Philomela", ein Typ der sich in Grimms "Von dem Machandelboom" wiederfindet.

Hier wurden also zwei unabhängige Geschichten aneinandergehängt. Im englischen Mädchen "Catskin" sind dagegen zwei Märchen miteinander verschmolzen, das von der verkannten Magd, die den Prinzen heiratet ("Aschenputtel") und vom Vater, er seine Tochter begehrt, welche in Fell gehüllt flieht und einen Prinzen heiratet (Basile "Die Bärin"). Diese Vermischung finden wir auch in "Allerleirau", aber "Catskin" geht noch einen Schritt weiter: Das Motiv des "Katzenfells", in das sich die Tochter hüllt, stammt aus Basiles "Aschenkatze", dem italienischen "Aschenputtel".

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Basiles Definition: "solche Geschichten..., wie die alten Weiber sie zur Unterhaltung der kleinen Kinder zu erzählen pflegen" (Einleitung Ende, Italienische Märchen S 20)

nach oben

Übersicht

 

Register Märchen

Begriffe: erfundene Geschichten

 

Datum: 2006

Aktuell: 09.02.2019