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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Frau Holle

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Inhalt

Versionen

Grimm

   Fassung 1912

   Anhang 1

   Anhang 2

   Fassung 1819

Lehnert

Motivgeschichte

faule und fleißige Schwester

Spinnen am Brunnen

Brunnen

Backofen

Apfelbaum

schüttel mich

andere Welt

Mensch im Himmel

beiden Tore

Frau Holle

Gold und Pech

Literarische Vorlagen

Die drei Feen

Die Feen

Die alte Hexe

Parallelen

Goldmaria und Pechmaria

Die böse Stiefmutter

Deutung

Überlieferungs-geschichte

psychologische Deutung

 

 

1. Inhalt

Ein fleißiges Mädchen fällt in einen Brunnen, landet in einer anderen Welt und kommt schließlich in ein Haus. Dort und unterwegs gibt es einiges zu tun und dem Mädchen ist keine Arbeit zu viel. Sie findet Aufnahme bei einem mythischen Wesen und zeichnet sich dort durch Fleiß und Bescheidenheit aus. Als sie sich schließlich wieder auf den Heimweg macht, wird sie mit Gold überschüttet. Die faule Schwester will auch ihr Glück machen, ist aber auch weiterhin anspruchsvoll und faul und wird mit Pech überschüttet.

2. Versionen

a. Frau Holle

Eine Witwe hat eine hässliche und faule Tochter und eine schöne und fleißige. Die fleißige muss den ganzen Tag arbeiten. Beim Wasserholen fällt sie in einen Brunnen. Sie kommt auf einer Wiese wieder zu sich, findet einen Backofen, aus dem sie das fertig gebackene Brot holt, und einen Apfelbaum mit reifen Äpfeln, den sie schüttelt. Dann kommt sie zum Haus der Frau Holle. Dort soll sie den Haushalt führen und die Betten ausschütteln, damit es schneit. Sie macht ihre Arbeit gut und hat ein gutes Leben. Schließlich bekommt sie Heimweh und bittet um ihren Abschied. Frau Holle begleitet sie durch ein großes Tor, da fällt Gold auf sie herab und bleibt an ihr hängen. Das Tor wird verschlossen und das Märchen ist wieder oben auf der Welt. Die andere Tochter soll auch dieses Glück bekommen. Sie springt in den Brunnen, holt aber nicht das Brot aus dem Backofen und schüttelt den Baum nicht. Sie tritt in den Dienst der Frau Holle, tut aber ihre Arbeit nicht. Frau Holle kündigt ihr und geht mit ihr durch das Tor, da wird ein Kessel mit Pech über ihr ausgeschüttet, das ihr Leben lang an ihr hängenbleibt.

Grimm, Kinder- und Hausmärchen 1,24 (1812 / 15)

b. Grimm Anhang 1

In einer anderen Fassung sollen beide Mädchen am Brunnen spinnen. Da der Stieftochter der Rocken in den Brunnen gefallen ist, wird sie von der bösen Frau hineingeworfen. Sie kommt in ein Haus und tut die Arbeit, die jetzt gemacht werden muss. Eine Nixe kommt, lässt sich kämmen und beschenkt sie reich. Die andere Tochter soll auch zu der Nixe, macht aber alles verkehrt und kommt mit üblen Geschenken nach Hause.

Naubertische Sammlung 1,136-179

c. Grimm Anhang 2

Die Heldin soll eine schöne Brunnenfrau kämmen und bekommt als Lohn viele nützliche Wunderdinge. Ihre Schwester wächst wegen ihres Trotzes Schilf auf dem Kopf, das nur die Heldin für 24 Stunden beseitigen kann.

Die junge Amerikanerin oder Verkürzung müßiger Stunden auf dem Meer (1765)

d. Grimms Fassung von 1819

enthält nur wenige Änderungen. Die Geschichte wird dramatisiert dadurch, dass die Fleißige nur eine Stieftochter, die Faule aber die leibliche Tochter ist. Die Fleißige spinnt sich die Hände blutig Wie sie die Spindel reinigen will, fällt diese in den Brunnen. Die Mutter schimpft und sagt, sie soll die Spindel wieder herausholen. Sie springt voller Angst hinein. – Die Faule spinnt erst gar nicht, sondern sticht sich den Finger blutig, wirft die Spindel ins Wasser und springt hinterher. Bei der Rückkehr nach Hause ruft der Hahn "Kikeriki, unsere goldene / schmutzige Jungfrau ist wieder hie".

e. Frau Holle

Lehnert schmückt das Grimmsche Märchen aus, indem der den Mädchen Namen gibt und den Vater auftreten lässt. Das fleißige Gretchen fällt beim Wasserholen in den Brunnen und ertrinkt. Wie sie wieder zu sich kommt, ist sie im Reich der Frau Holle zwischen dem Himmel und den Wolken.

Johann Heinrich Lehnert, Märchenkranz für Kinder (1829)

3. Motivgeschichte

a. »Die verwöhnte faule und die benachteiligte fleißige Schwester«

Dieses Motiv kommt auch in anderen Märchen vor (z.B. Aschenputtel). Das Märchen will ja zeigen, dass sich Fleiß lohnt und Faulheit Unglück bringt.

Der Fleiß des Mädchens wird mit verschiedenen Beispielen illustriert: Sie holt Wasser, spinnt, holt Brot aus dem Ofen, schüttelt den Apfelbaum, bringt den Haushalt in der anderen Welt in Ordnung und überhaupt, sie sieht, was zu machen ist, und tut das Nötige. Das wird dargestellt damit, dass Backofen und Apfelbaum sie auffordern, etwas zu tun. Es ist ja das Kennzeichen eines fleißigen Menschen, dass er selbst sieht, was zu tun ist.

b. »Spinnen am Brunnen«

Das offenbar nachträglich eingefügte Motiv, dass das fleißige Mädchen zum Spinnen gezwungen wurde, hat seinen Ursprung wohl darin, dass man auch sonst Frau Holle mit dem Spinnen in Verbindung brachte.

Dass man sich an einer Spindel verletzen kann, wir auch in Dornröschen vorausgesetzt. Hier wird das Spinnen an den Brunnen verlegt, damit das Mädchen einen Anlass hat, die Spindel waschen zu müssen und in den Brunnen zu fallen.

Dass sich das Mädchen die Hände blutig spinnt und daher das gesponnene Garn beschmutzt, ist ein deutliches Bild für die Menstruation.

c. »Der Brunnen«

Im Froschkönig ist der Brunnen ein Lebenssymbol, eigentlich ein Bild für den Geburtskanal. Bei den Kelten stellte der Brunnen oder Opferschacht eine Verbindung zu den Gottheiten der Unterwelt her. Man warf die Opfergaben hinein. Aus dem "Brunnen" kommen die kleinen Kinder, die von der Frau Holle oder dem Klapperstorch herausgefischt werden. Der umgekehrte Weg führt in die Unterwelt, in den Tod. Das kommt bei Lehnert unmissverständlich zum Ausdruck: Das Mädchen ertrinkt. Dass es sich um einen Selbstmord handeln könnte, vermeidet der Erzähler zu sagen, es wäre aber aus der Situation des verzweifelten Mädchens verständlich.

Der symbolische Gang in die Unterwelt mit darauffolgender Wiedergeburt gehört aber auch zur Initiation. Auch Schneewittchen muss "sterben", bevor sie heiratet und Psyche muss sogar wirklich in den Hades hinunter und wieder heraus. Folgerichtig lassen Basile, Perrault und Bechstein die Fleißige nach ihrer Rückkehr auch gleich einen Mann finden.

d. »Backofen«

Der Backofen mit den fertig gebackenen Broten ist hier zunächst ein Beispiel für eine Arbeit, die getan werden muss und keinen Aufschub duldet. Sieht man den Backofen im Zusammenhang mit blutiger Spindel, Brunnen und Apfelbaum, so lässt er sich verstehen als Bild für den Uterus, aus dem die fertigen entwickelten Kinder herauskommen.

e. »Apfelbaum«

Auch der Apfelbaum ist ein Lebenssymbol: Der biblische Paradiesesbaum wird so gedeutet. Nach griechischem Glauben steht ein Baum mit goldenen Äpfeln der Hesperiden am Ende der Welt. Die Kelten glaubten an ein Paradies in Avalon 'Apfelland'. Die germanische Iduna 'Matrone' hütete die Äpfel, die ewige Jugend verleihen. Der Apfelbaum ist ein Bild des Eierstocks, an dem das neue Leben heranreift.

Normalerweise ist es der junge Mann (z.B. Herakles, ein Königssohn), der die Äpfel holen soll. Im Sinne des ursprünglichen Bildes sollte man annehmen, dass die Äpfel einzeln gepflückt werden. Wenn das Mädchen stattdessen den Baum schüttelt und die Äpfel einfach liegen lässt, so passt das nicht recht ihrem Fleiß, weshalb  Grimm in der jüngeren Fassung ergänzt, sie habe sie noch auf einen Haufen zusammengelegt.

f. »schüttel mich«

Nun kommt das Motiv des Schüttelns in diesem Märchenkomplex auch in anderem Zusammenhang vor: Das Mädchen schüttelt im Dienst der Frau Holle die Betten aus. Bei Lehnert schüttelt Frau Holle zum Abschied einen Baum, von dem Goldblätter auf ihre Haushaltshilfe herabfallen. Bei Bechstein schüttelt der Thürschemann das goldene Tor, so dass Gold auf Maria herabfällt. Im inhaltlich verwandten Aschenputtel schüttelt das Mädchen den Baum, von dem die Wunderkleider herabfallen. Bezeichnenderweise lautet der dazu gehörige Spruch in der jüngeren Fassung von Grimm: »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.«

Der Baum ist hier ein Bild für den Himmel, aus dem der Segen herabkommt. Man muss das Märchen ja so verstehen, dass sich das alles im Himmel abspielt, von dem ja auch die Schneeflocken herunterfallen. Das Mädchen schüttelt also den "reifen" Segen aus dem Himmel herunter auf die Menschen. Von daher ist es sinnvoll, dass die Äpfel nicht aufgelesen werden.

g. »Die andere Welt«

Ein scheinbarer Widerspruch in der Geschichte: Das Mädchen fällt in den Brunnen, gelangt zur Frau Holle und lässt es in ihrem Auftrag schneien. Sie gelangt also nicht in die Unterwelt, sondern in den Himmel bzw. nach Lehnert ins Reich der Frau Holle zwischen dem Himmel und den Wolken.

Der Widerspruch liegt bereits in den Aussagen über die Frau Holle, die es einerseits mit Quellen und Höhlen zu tun hat und andererseits mit dem wütenden Heer und dem Schnee. Ihr Reich lässt sich daher nicht eindeutig lokalisieren.

h. »Der Mensch im Himmel«

Im Märchen vom »Schneider im Himmel« maßt sich ein Mensch an, sich auf den Thron Gottes zu setzen und Gott zu spielen. Er beobachtet von da oben einen Sünder und wirft vor Zorn mit dem Fußschemel nach ihm. Dieselbe Eigenmächtigkeit, aber im Guten, wird von dem fleißigen Mädchen erzählt. Es holt das Brot aus dem Backofen und schüttelt den Segensbaum. Erst dann tritt sie in den Dienst der "Göttin" und schüttelt in ihrem Auftrag.

i. »Die beiden Tore«

Bei Basile und Bechstein wird von zwei Toren erzählt, durch die das Mädchen hindurch muss. Das verlockende goldene Tor führt ins Verderben, die unscheinbare Variante zum Glück.

Im Hintergrund steht das Wort Jesu von der engen und breiten Pforte und vom breiten und schmalen Weg: [1] Der Weg zum Guten ist beschwerlich, der zum Verderben bequem. Wie "Herakles am Scheideweg" muss sich der Mensch entscheiden, welchen Weg er gehen will. Das wird durch das Bild der Tore ausgedrückt, durch die man diese Wege betritt.

j. »Frau Holle«

Die mythische Gestalt von der Frau Holda, Hulda, Holle hat ihren Ursprung in Osthessen und Thüringen.

i »Frau Holle schüttelt die Betten aus«

Herodot 4,7 »In das Land, das nordwärts vom Skythenland liegt, könne man gar nicht hineinsehen, erzählen sie, auch nicht hineingehen, weil soviel Federn umherflögen. Erde und Luft seien ganz voller Federn, so dass man nichts sehen könne.« 31 »Was die Skythen von jenen Federn sagen…, das erkläre ich mir folgendermaßen: Nördlich vom Skythenlande schneit es ununterbrochen, im Sommer freilich weniger als im Winter. Wer einmal dichten Schnee hat fallen sehen, der versteht mich. Der Schnee sieht aus wie Federn…«

Unabhängig davon konnte man die aufgetürmten Wolken als Federbetten eines Himmelswesens verstehen. Dass der Schnee dadurch entsteht, dass dieses Wesen die Federbetten ausschüttelt, ist eine naheliegende Folgerung.

ii »Thürschemann«

Es ist merkwürdig, dass Bechstein die beiden Mädchen zu einem wilden Mann kommen lässt, obwohl er doch die Gestalt der Frau Holle kennt. Hier wirkt offenbar ein anderer Typ von Geschichte nach, den auch Grimm kennt ("Das Waldhaus").

Im Namen des Gastgebers, Thürschemann, steckt das germanische *þuris 'Riese'.

k. »Gold und Pech«

Bei Basile ist es ein goldener Stern, der die Stirn der Guten ziert, während die der Schwester durch eine Eselshode verunstaltet wird. Hier geht es nicht um materiellen Lohn, sondern um den guten oder schlechten Ruf, den die junge Frau hat.

Bei Perrault sind es Blumen und Edelsteine bzw. Kröten und Schlangen, die dem Mädchen aus dem Mund fallen. In diesem Märchen geht es nicht um Fleiß, sondern um höfliche Hilfsbereitschaft und das Gegenteil. Gute oder böse Worte sind nicht Lohn oder Strafe, sondern Ausdruck des Charakters.

Der gute und schlechte Ruf oder Charakter wird im deutschen Märchen dadurch charakterisiert, dass Gold und Pech dauerhaft an den beiden Schwestern hängen bleiben. Die eine hat durch ihren Fleiß Glück, die andere durch ihre Faulheit buchstäbliches "Pech".

Der Vergleich von Unglück mit Pech hat aber in diesem Märchen nicht seinen Ursprung und wird eher vorausgesetzt.

Erst im englischen Märchen und bei Wilhelm Busch ist das Gold materieller Lohn. Das fleißige Mädchen muss sich diesen Lohn aber erkämpfen, d. h. sie bekommt ihn nicht geschenkt. Die Schwester, die ja schon weiß, worauf sie achten muss, verspielt ihn durch ihre Faulheit.

4. Literarische Vorlagen 

a. Die drei Feen

Die Witw Caradonia hat eine abscheulich hässliche Tochter Grannizia und heiratet einen Witwer, dessen Tochter Cecella wunderhübsch ist. Die Stiefmutter verwöhnt ihre eigene Tochter, Cecella aber muss unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten.

Einmal fällt ihr ein Korb in einen Brunnen. Sie klettert hinunter und trifft dort drei Feen, die sie auf die Probe stellen: Cecella gibt bescheidene Antworten, lässt sich nicht von der Pracht des Feenpalastes beeindrucken, wählt das allereinfachste Kleid aus einer großen Auswahl und will durch die Stalltür hinaus. Die Feen belohnen sie mit einem prächtigen Kleid und geleiten sie durch die goldene Tür. Dann fällt ein goldener Stern herab und schmückt ihre Stirn. So kommt sie nach Hause. Die Stiefmutter nimmt ihr die schönen Sachen weg und zieht sie ihrer Tochter an. Die steigt auch in den Brunnen, gibt unverschämte Antworten, wählt das kostbarste Kleid und die goldene Tür. Sie muss aber zur Stalltür hinaus und da fällt eine Eselshode auf ihre Stirn und wächst daran fest.

Die Mutter ist wütend und schickt Cecella in Lumpen die Schweine zu hüten. Der vornehme Cuosemo verliebt sich in sie, geht zur Stiefmutter und hält mit einer großen Morgengabe um die Hand Cecellas an. Caradonia vertröstet Cuosemo auf den Abend, sperrt Cecella in ein Fass und führt dem Bräutigam ihre eigene Tochter zu. Er ist enttäuscht und vollzieht mit ihr die Ehe nicht. Am nächsten Morgen sagt er sich von Grannizia los und verprügelt Caradonia. Dann macht er sich auf die Suche nach Cecella. Eine Katze macht ihn auf das Fass aufmerksam. Cecella wird befreit und an ihrer Stelle Granniza hineingesperrt. Caradonia will die Stieftochter töten und füllt das Fass mit kochendem Wasser. Als sie es öffnet, findet sie ihre eigene Tochter verbrüht und springt kopfüber in den Brunnen.

Basile Nr. 30 S. 388-406

b. Les Fées - Die Feen

Eine Witwe schickt ihre benachteiligte jüngere Tochter an einen Brunnen. Dort bittet eine alte Frau um Wasser. Das Mädchen gibt ihr sehr höflich zu trinken und wird von der Fee damit belohnt, dass ihr bei jedem Wort Blumen oder Edelsteine aus dem Mund fallen. Die Mutter wundert sich und schickt die geliebte ältere Tochter auch hin, die will zuerst nicht. Am Brunnen steht eine hübsche Dame, bittet zu trinken und wird barsch abgewiesen. Das Mädchen wird damit bestraft, dass ihr bei jedem Wort Kröten oder Schlangen aus dem Mund fallen. Die Mutter ist entsetzt und macht die jüngere für dieses Unglück verantwortlich. Diese flieht und trifft im Wald einen König, der sie heiratet. Die Mutter jagt die Ältere fort, die irrt bis zu ihrem Tod durch den Wald.

Moral:

  1. Gute Worten sind wertvoller als materielle Schätze.

  2. Redlichkeit erfordert zwar Geduld, hat aber am Ende doch Erfolg.

Charles Perrault, Histoires ou Contes du Temp Passé (1697)

c. Die alte Hexe

Von zwei armen Schwestern geht die eine auf Arbeitssuche. Sie kommt an einen Backofen mit fertigem Brot, einen Apfelbaum mit reifen Äpfeln und einer Kuh, die gemolken werden muss, nimmt das Brot heraus, schüttelt den Baum und melkt die Kuh. Eine Hexe stellt sie als Dienstmädchen an und verbietet ihr, in den Kamin hinaufzuschauen. Wie sie das doch tut, fallen ihr mehrere Säcke mit Geld in den Schoß. Sie macht sich damit auf den Heimweg.

Die Hexe verfolgt sie, Apfelbaum, Kuh und Bäcker verstecken sie und verleugnen sie vor der Hexe. Der Bäcker meint, die Hexe soll im Backofen nachschauen und sperrt sie darin ein.

Nun will auch die andere Schwester ihr Glück machen, kümmert sich aber nicht um die Arbeit unterwegs. Sonst geht's ihr wie ihrer Schwester. Als sie von der Hexe verfolgt wird, hilft ihr der Baum nicht. Die Hexe fasst und verprügelt sie und nimmt ihr das Geld ab.

Englische Volksmärchen, Diederichs S 21 ff

5. Parallelen

a. Goldmaria und Pechmaria

Eine Frau hat eine Tochter und eine Stieftochter, die hießen beide Maria. Die Mutter schickt die Stieftochter fort, sie soll bei anderen Leuten arbeiten gehen. Sie kommt in das Haus mit einem goldenen und einem pechschwarzen Tor. Sie geht durch das schwarze. Ein wilder Mann namens Thürschemann nimmt sie auf. Sie will bei den Hunden und Katzen schlafen und mit ihnen frühstücken, bekommt aber ein schönes Bett und trinkt mit Thürschemann Kaffee. Dann will sie zum Pechtor hinausgehen, wird aber durchs goldene geführt und mit Gold bedeckt. Sie geht wieder heim, wird vom Hahn als Goldmaria begrüßt, von der Mutter wie eine Prinzessin empfangen und findet auch bald einen Mann. Die Schwester will es auch so gut haben und geht zu Thürschemann, Dort läuft alles ganz anders und sie kommt als Pechmaria wieder heim.

Ludwig Bechstein, Deutsches Märchenbuch (1857)

b. Die böse Stiefmutter

Das von Wilhelm Busch erzählte Märchen entspricht dem englischen von der Alten Hexe.

Wilhelm Busch, Ut ôler Welt (1910)

6. Deutung

a. Überlieferungsgeschichte

Die deutsche Fortsetzung von Basile finden wir nicht bei Grimm, sondern bei Bechstein. Auch hier geht es um Bescheidenheit und Unverschämtheit, die ihren Lohn und ihre Strafe finden. Gemeinsam ist den beiden Geschichten auch die beiden Tore, die zu Glück oder Unglück führen.

Die anderen Geschichten sind wahrscheinlich unabhängig von einander aus dem Motiv heraus entwickelt worden, dass das Gute belohnt und das Böse bestraft wird.

b. psychologische Deutung

Die pädagogische Zielsetzung aller dieser Geschichten ist unverkennbar: Den Zuhörern wird vor Augen gestellt, dass sich Bescheidenheit, Höflichkeit und Fleiß auszahlen. Exemplarisch wird das Verhalten gegenüber einer Fee zum Kriterium gemacht. [5]

Es geht in diesen Geschichten aber auch um den Werdegang zweier junger Frauen: die eine macht ihr Glück, weil sie bescheiden, höflich und fleißig ist. Die andere verspielt ihr Glück, weil ihr diese Tugenden fehlen. Die faule Schwester ist ja nur der dunkle Hintergrund, auf dem sich die fleißige umso leuchtender abhebt. Bleiben wir also bei der vorbildlichen.

Sie ist nach der Logik des Erzählens die ältere und muss arbeiten, während die jüngere Schwester spielen darf. Die Ältere fühlt sich benachteiligt und glaubt, dass sie von der Mutter weniger geliebt wird.

Die Fortsetzung wird in den einzelnen Erzählungen unterschiedlich dargestellt: Die Ältere erleidet einen Unfall, springt aus Verzweiflung in den Brunnen oder wird auf Arbeit geschickt. Die Bilder zeigen deutlich, dass sie jetzt erwachsen wird und sich im Leben bewähren muss.

Sie bewährt sich gleich darin, dass sie erkennt, wo Arbeit ist und entschlossen anpackt. Dass sie dann in den Dienst der Frau Holle tritt und sich auch bei ihr als fleißig erweist, ist nur folgerichtig.

Nach einiger Zeit kehrt sie ins Elternhaus zurück, sichtbar gereift und mit "guten Zeugnissen" ausgestattet. Nun wird es auch Zeit, dass die Jüngere arbeiten geht, wo sie sich aber nicht bewährt.

Die Frau Holle steht hier für die Arbeitgeberin, bei der das Mädchen "in Stellung" ist. Oder für die Schwiegermutter, in deren Augen sie sich bewähren muss.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Mt 7,13.14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[5] Vgl. Mt 25,31-46: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüder, das habt ihr mir (Jesus) getan).

 

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Sprachecke 08.01.2008 | 02.04.2013 | Jahresthema Märchen

 

Datum: 2007

Aktuell: 09.02.2019