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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Wahrheit über die Nibelungen, Stoffgeschichte

Der Schatz

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Schätze

Hildesheimer Silberschatz

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Wagner

Hunnenkönig will Schatz

Waltharius

Schatz im Fluss

Grab Alarichs

Biebricher Silberschatz

Barbarenschatz

Rheingold

Ring

Zauberring

Zeichen der Macht

Zeichen der Verpflichtung und der Bindung

Wunschrute

Fluch

 

Schätze, bestehend aus geprägtem oder ungeprägtem Edelmetall, spielten in alter Zeit eine wichtige Rolle. Herrscher und Heerführer hatten auf ihren Zügen immer ihre Schatztruhe dabei, um die entsprechenden Ausgaben leisten zu können. Von einem germanischen Führer erwartete man Milde, d.h. Freigiebigkeit; er musste seine Vasallen und Krieger auch mit Edelmetall besolden und ihnen Anteil an der Kriegsbeute geben. Die Schätze weckten auch immer wieder Neid und Habgier und man versuchte, sich unrechtmäßig der Schätze anderer zu bemächtigen.

Bis in die Neuzeit hinein hat man in Notzeiten Schätze vergraben. Der ursprüngliche Eigentümer hatte oft keine Möglichkeit mehr, den Schatz wieder zu bergen; so fiel er späteren zufälligen Findern, Schatzsuchern oder Archäologen in die Hände. Diese Hortfunde gaben Stoff für unzählige Sagen und Märchen.

Teilweise handelt es sich bei diesen Schätzen auch um Grabbeigaben, die in Deutschland bis in die Zeit Karls d. Gr. üblich waren. Nach der Darstellung des Nibelungenlieds könnte Siegfried einen Grabschatz entdeckt und geplündert haben.

Beim Nibelungenhort handelt es sich aber nicht um einen vergrabenen Schatz, den man bei Gelegenheit wieder heben will, sondern um einen verlorenen Schatz, der unwiederbringlich im Rhein verschwunden ist. Was könnte jemand für einen Grund gehabt haben, ein Vermögen einfach zu vernichten? Es ist doch eher anzunehmen, dass dieses Kapital durch einen Unfall versunken ist und nicht mehr geborgen werden konnte.

In der Nibelungendichtung wird schön gezeigt, dass materieller Besitz nicht nur Glück, sondern auch Unglück bringen kann.

I. Der Hildesheimer Silberschatz

Bei Hildesheim wurde 1868 ein vergrabener Schatz, bestehend aus 74 silbernen und silbervergoldeten Gefäßen mit einem Gesamtgewicht von 54 kg, gefunden. Das scheint nur die Hälfte des ursprünglichen Vermögens gewesen zu sein. Man nimmt an, dass es einem reichen Römer gehörte und den Germanen in die Hände fiel. Die teilten es untereinander auf; die eine Hälfte wurde wohl eingeschmolzen und weiter verarbeitet - die andere wurde vergraben und blieb so der Nachwelt erhalten. Dass Varus der ursprüngliche Eigentümer war, ist nur eine Vermutung. [1]

II. Der Schatz Sigiberts I.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch das vermutliche historische Vorbild Siegfrieds, der Merowinger Sigibert I., einen Schatz besaß, der nach seiner Ermordung von einem Lehnsmann unterschlagen wurde.

III. Der Schatz in der Sage

1. Die Darstellung der Edda

Snorri erzählt von der mythischen Vorgeschichte des Nibelungenschatzes: Das Gold gehörte dem Schwarzalben Andwari, dem es die Asen als Sühne für den Tod Otters, des Sohnes Hreidmar, abnahmen. Zum Schatz gehörte ein zauberkräftiger Ring, der das Gold vermehren konnte. Andwari verfluchte den Ring, der soll seinem Besitzer den Tod bringen. Folglich wird Hreidmar von seinen Söhnen Fafnir und Regin erschlagen. Fafnir nimmt das Gold und hütet es in Gestalt eines Drachens. Sigurd erschlägt Fafnir und wird von den Gjukungen getötet, die das unheilvolle Gold im Rhein versenken und schließlich durch Atli den Tod finden.

2. Die Darstellung des Nibelungenlieds

Der Hort gehörte dem Volk der Nibelungen und ist in einem Berg verborgen. Sîvrit bemächtigt sich des Schatzes und ernennt den Zwergen Albrîche zu seinem Kämmerer. Nach Sîvrits Tod lässt Kriemhilt das Gold nach Worms bringen, wo sie es freigiebig verschenkt. Hagene sieht darin eine Gefahr und lässt das Gold im Rhein versenken.

3. In der Thidreksaga

wird zu Beginn von "Krimillas Rache" darauf angespielt und mehrfach darauf hingewiesen, dass Sigord einen Schatz besessen hatte, ohne zu erzählen, wie er dazu kam. Erst am Schluss in "Aldrians Rache" erfahren wir, dass das Gold in einem Keller lag, zu dem Hagen den Schlüssel hatte.

4. Wagner

Nach Wagners Nibelungen-Trilogie lag das Gold zuerst im Rhein und wird am Schluss wieder vom Rhein zurückgeholt. Wagner zeigt in seinem monumentalen Werk, welche ganz verschiedenen Bedeutungen Gold für die einzelnen Wesen haben kann:

Die Rheintöchter freuen sich naiv am Glanz des Goldes. Alberich raubt das Gold und schmiedet einen Ring daraus, der ihm Macht verleiht, die er in despotischer Weise ausübt. Aus demselben Grund ist auch Wotan an dem Ring interessiert, muss ihn den habgierigen Riesen überlassen. Die Habgier führt dazu, dass Fafner seinen Bruder erschlägt und in Gestalt eines Drachen auf dem Gold schläft: geiziger Besitz um den Besitzes willen, ohne dass Fafner etwas von dem Gold hat. Siegfried schließlich eignet sich den Ring an und interessiert sich nicht für den Rest des Hortes. Für ihn ist er ein persönliches Erinnerungsstück, das ihn an Brünnhilde bindet und das ihm schließlich das Verderben bringt. Denn dass auf dem Ring ein Fluch liegt, steht von Anfang an fest; darin sind sogar Alberich und Wotan einig.

Am Ende bekommen die Rheintöchter das geraubte Gold wieder. Aber die Welt kehrt dadurch nicht wieder zu ihrem Ursprung zurück, sondern sie hat sich weiter entwickelt. Das Gold war der Lohn, den die Riesen für den Bau der Götterburg Walhalla bekommen hatten. Aber am Schluss zündet Wotan selbst Walhalla an. Die Flammen des Scheiterhaufens für Siegfried und Brünnhilde vereinigen sich mit denen, die Walhalla verzehren.[2] Siegfried, der den Göttern trotzte, ist zwar gescheitert. Aber am Ende der Geschichte steht der selbstbestimmte Mensch, der keinen Gott mehr braucht.. Die Götter müssen abdanken.

5. Der Hunnenkönig will den Schatz

Im Alten Atlilied ist Atli ein habgieriger Tyrann, der den Schatz an sich reißen will und Gunnar und Högni tötet, weil sie nicht verraten, wo das Gold versteckt ist.
Im Nibelungenlied ist davon nicht die Rede. Immerhin fragt Kriemhilt am Ende Hagen, wo er den Hort versteckt hat. Aber Hagen schweigt.

In der Thidreksaga versucht Krimilla ihren zweiten Mann mehrfach für Sigords Schatz zu interessieren, aber Atilius geht nicht darauf ein. Habgierig kann man den Atilius nicht nennen.

6. Waltharius

Die aquitanische Geisel Waltharius hält sich vor seiner Flucht am Schatz Attilas schadlos für den Tribut, den die Väter dem Hunnenkönig leisten mussten. Das erweckt die Habgier des Guntharius, der den Helden im Waskenwalt überfällt und ihm den Schatz vergeblich abzujagen versucht.

Auch dieses Motiv spielt in der offenbar älteren Version der Thidreksaga keine Rolle. Das Gold wird nur in einem Nebensatz erwähnt.

IV. Der Schatz im Fluss

1. Das Grab Alarichs

Andreas Heusler [3] fühlt sich bei dem im Rhein versenkten Schatz an das Grab des Westgotenkönigs Alarichs erinnert, der mit seinen Schätzen im italienischen Fluss Busento begraben wurde. Außer, dass auch hier ein Schatz im Fluss liegt, sprechen aber die ganzen Umstände nicht dafür, dass as Grab Alarichs Vorbild für das Rheingold war.

2. Der Biebricher Silberschatz

1922 wurde bei Biebrich eine Kaimauer gebaut. Beim Ausbaggern kam ein 8-10 kg schwerer Ledersack zum Vorschein. Da man die silbernen Plättchen, die aus einem Loch herausfielen, für wertloses Zeug hielt, wurde der Sack kurzerhand in die Mauer einbetoniert. Später stellte sich heraus, dass der Sack etwa 4-5000 Silbermünzen aus der Zeit um 800 (Zeit Karls des Großen) enthalten hatte. Von ihnen konnten nur 48 Stück gerettet werden, die einige Arbeiter an sich genommen hatten. Ein gewaltiges Pech, dass der Fund zum zweiten Mal verloren ging! [4]

Das erinnert wiederum an die Sage, dass auf dem Nibelungenschatz ein Fluch lag, welcher Siegfried den Tod brachte. Lag auf dem Biebricher Schatz etwa auch ein Fluch? Offensichtlich hatte auch der ursprüngliche Besitzer Pech. Entweder ging sein Schiff unter, oder er musste notgedrungen den Schatz versenken, etwa um sein Leben zu retten, oder in der Hoffnung, ihn später wieder bergen zu können.

Wer hatte in dieser Zeit so viel Geld? Es war ja ein wirklich königlicher Vermögen, das da verloren ging. Hat es sich etwa um Steuergelder gehandelt, die auf dem Schiffsweg nach Aachen gebracht werden sollten? Es wäre erstaunlich, wenn ein so schwerer Verlust ganz in Vergessenheit geraten sein sollte, ohne dass wenigstens die Sage davon berichtet. Handelt es sich bei dem „Rheingold“ um den Biebricher Silberschatz?

3. Der Barbarenschatz im Rhein

An etwa zehn verschiedenen Stellen in der Nähe von Speyer hat man ganze Wagenladungen von Metall gefunden, die zwischen 260 und 280 von den Alemannen in Gallien erbeutet worden waren. Als die Räuber den Rhein überquerten, wurden sie anscheinend von römischen Patrouillenbooten angegriffen, dabei gingen mehrere Ladungen verloren und versanken im Rhein.

Von der ursprünglichen Beute sind nur Gegenstände aus Metall erhalten, eine Auswahl von allem, was die Römer an größeren Gebrauchsgegenständen aus Eisen, Bronze und Silber hatten, Werkzeuge, Küchengeräte, Tafelgeschirr. Man verwendete diese Teile als Rohstoffe für die eigene Produktion. Den künstlerischen Wert mancher Gegenstände wusste man nicht zu schätzen. Das besonders wertvolle Silber wurde zerhackt, um es gerecht verteilen zu können.

Dieser so genannte Barbarenschatz ist sicher nicht das, was Hagen im Rhein versenkt hat, aber ähnlich müssen wir uns auch den Nibelungenschatz vorstellen: eine Ansammlung von Wertgegenständen aus Metall.

4. Das Rheingold

Aus dem Rhein wurde vor noch nicht allzu langer Zeit Gold gewaschen und zu Münzen geprägt. Das hat vielleicht die Sage von dem Gold, das im Rhein versenkt wurde, mit beeinflusst.
Dass der Schatz am sog. "Schwarzen Ort" bei Biebesheim in der Nähe des ausgegangenen Ortes Lochheim liegt, glaube ich nicht.

V. Der Ring

1. Der Zauberring

Eine besondere Form des Schatzes ist der Ring für den Finger oder den Arm, eine Kapitalanlage, die man mit sich tragen und die sich sehen lassen kann. An den Ring kann ein besonderer Zauber gebunden sein. Im Märchen stehen dem Besitzer des Ringes Wünsche frei. In der Nibelungensage klebt ein Fluch dran. Bei Wagner verleiht der Ring Macht.

2. Zeichen der Macht

Tatsächlich kann der Ring ein Ausweis von Macht sein. Der Siegelring verleiht dem Inhaber die Vollmacht, rechtliche Schritte zu tun. Der Ring eines Bischofs gehört zu den Insignien seines Amtes. Und überhaupt: Wer sich einen Ring leisten kann, der kann sich etwas leisten und sich auch manchen Wunsch erfüllen. So kann Hagen in der Thidreksaga den Fährmann für die Überfahrt gewinnen, indem er ihm einen Ring schenkt.
Umgekehrt kann man mit dem Ring auch seine Macht verlieren. Im Nibelungenlied "schwächt" Siegfried die Brünhild, indem er ihr Ring und Gürtel nimmt, und er entehrt und beleidigt sie, indem er diese Trophäen seiner Frau schenkt.

3. Zeichen der Verpflichtung und der Bindung

Von einem germanischen Führer erwarteten die Gefolgsleute, dass er ihre Dienste belohnte. Eine typische Belohnung war der Finger- oder Armring, so dass in der Dichtung der Führer mit "Ringgeber" umschrieben werden kann. Dieser Ring war aber viel mehr als das, was wir heute unter Lohn verstehen. Denn der Ring bindet den Vasallen erneut an seinen Herrn, verpflichtet ihn zu weiteren Diensten und spornt ihn zu weiteren Leistungen an.

Auch der Verlobungs- und Ehering ist ein Zeichen der Verpflichtung und der Bindung. In der Edda und der Thidreksaga tauschen Sigurd und Brynhild in der Hochzeitsnacht Ringe. Wie im Nibelungenlied führt dieses trügerische Treueversprechen zum Untergang des Helden.

Zeichen einer anderen Bindung (der Schwester an ihre Brüder) ist der mit einem Wolfshaar umwundene Ring, den Gudrun in der Edda als Warnung ihren Brüdern schickt.

VI. Die Wunschrute

Zum Nibelungenschatz gehörte auch eine goldene Rute; wer sie besitzt, bekommt Macht über alle Menschen. Dieses Instrument wird nur in Strophe 1124 des Nibelungenlieds beiläufig erwähnt und spielt ansonsten keine Rolle. Wagner gestaltet das Motiv breit aus und überträgt es aber auf den Ring.

Die Macht verleihende Rute, ursprünglich ein Zweig von einem Baum, der Lebenskraft des Baums symbolisierte, kann auch ein Züchtigungsinstrument sein. Der römische Centurio trug einen Rebstock als Zeichen seiner Würde und hat damit auch seine Soldaten gestraft. Die Rute des Lehrers ist den Älteren noch in Erinnerung.

Als Zeichen der Strafgewalt ist die Rute ebenfalls ein Symbol der Macht und fällt damit zusammen mit dem Stab, bekannt als Marschallstab oder Zepter. Der Stab war ursprünglich wohl kein Schlagstock, sondern Stützstock des Ältesten – nicht wie heute ein Zeichen von Senilität, sondern von Erfahrung, Kompetenz und Weisheit.

VII. Der Fluch

Nach der nordischen Überlieferung ruhte auf dem Schatz ein Fluch: Er brachte seinem Besitzer kein Glück. Dieses Thema hat Wagner breit ausgeführt.

Es braucht nicht viel Mythologie, dafür etwas Lebensweisheit, um zu erkennen, dass Schätze oft zu Habgier, Neid, Zwietracht und schließlich zu Mord und Kriegen geführt haben, und dass mühelos erworbenes Vermögen oft genauso schnell verloren geht, wie es gewonnen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Dr. Hermann Kesting, Der Befreier Armnius 100 f

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Wagner hat mehrere Entwürfe für den Schluss gemacht und konnte sich für keinen entscheiden. Die "Götterdämmerung" ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, wie die Oper endet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3] Nibelungensage, Nibelungenlied 27

 

 

 

 

 

 

[4] Quelle: ein Buch, das ich nicht mehr habe (Hessen im Mittelalter?)

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Übersicht

 

Sprachecke 12.08.2013

 

Datum: 1994 /2006

Aktuell: 09.02.2019